Buchstabenphotosynthese

In dem Kreuz, das sich zwischen meinen Augenbrauen und entlang meiner Nase bildet, öffnete sich ein Fenster, bald eine Tür, durch die ich auf eine Wiese trat. Am Rande dieser Wiese wand sich stumm der Stamm eines Baumes in die Höhe, doch ich konnte seine Gedanken hören. Überhaupt war es so, als wär der Baum ausschließlich von Gedanken durchflossen. Kahle Äste und leere Zweige, aber voll mit Gedanken. Mittlerweile glaube ich, dass es tatsächlich so ist.

Es war gerade Frühling geworden. Die Sonne wärmte die bloße Haut, die man ihr bereitwillig zeigte, jedoch ohne zu brennen, wie sie es ab dem Sommer tun würde. Eine leichte Brise wog die Grashalme wie zu einer stillen Melodie, die irgendjemand oder -etwas gerade summte. Davon einmal abgesehen, schien mir die vorgefundene Szene völlig leblos.

Vielleicht irrte ich mich – war der Sinn getrübt, denn eine gewisse Faszination hielt mich als hielt ich inne. Was würde geschehen? Da begann der Baum zu stöhnen. Nicht hörbar, aber er stöhnte auf. So wie Wind heult und es doch nicht tut.

Die Szene war aus ihrem ruhigen Schlaf erwacht. Der Baum begann sich von den Wurzeln bis in die Zweigspitzen zu recken und zu strecken. So fühlte es sich jedenfalls an. Und dann begann das Schauspiel.

Kleine weiße Knospen, die mir bisher gar nicht aufgefallen waren oder vorher nicht da gewesen waren, falteten sich eine um die andere Windung auf. Als hätte man jemandem am Bauch und deshalb auch am Rücken bandagiert und löste nun sachte den Verband. Befreiend drehten und schraubten sie sich auf und hinauf in den azurblauen Himmel. Weiße Blätter, nun schon so groß wie meine Handflächen, hingen an den Zweigen. Unwirklich. Wie Schneebälle in der Frühlingssonne. Und dann hörte ich hinter mir Schritte, erst ein paar, dann immer mehr. Massen von Fußpaaren näherten sich. Die Menschen passierten mich oder gingen durch mich hindurch. Ich bin mir nicht sicher. In kürzester Zeit war der schneeweiß behaupte Baum umzingelt von Leuten. Und auch sie reckten und streckten sich. Sie griffen einer nach dem anderen nach den Blättern. Vollkommen mühelos nahm sich jeder ein Blatt, als griffen sie in einen prall gefüllten Kühlschrank. Dann ließen sie sich in die Wiese fallen. Betteten sich, aber mit offenen Augen. Ich traute mich endlich einige Schritte auf das Geschehen zu. Jeder hatte ein Blatt in der Hand und hielt es ans Herz gedrückt. Damit es nicht ausläuft? Eine Kompresse? Erst jetzt konnte ich erkennen: jedes Blatt war beschrieben, manche mit mehr Buchstaben, manche mit weniger. Die Leute lasen also. Manche Gedichte, manche Briefe, wieder andere Romane.

Ich fasste mir auch ein Herz. Griff zu dem Baum hinauf und nahm mir ein Blatt. Es war vergleichsweise kleiner als die anderen. Ich drehte und wendete es in meinen Händen, konnte aber beim besten Willen keinen Roman ausmachen, auch keinen Brief, nicht einmal eine Nachricht oder ein Gedicht oder nur einen ganz kurzen Spruch. Als ich es schon seufzend in die Wiese werfen wollte, sah ich die kleine Ungleichmäßigkeit in der linken unteren Ecke. Da stand doch was. Nur ein Wort.

Ich kniff die Augen angestrengt zusammen und entzifferte (gewissermaßen) das Wort. Noch nie war ich einem so schwer zu lesenden Schriftstück begegnet. Jeder einzelne Buchstabe erwies sich als harte Arbeit. Meine Schläfen schmerzten. Schließlich aber hatte ich es: Saatgut. SAATGUT. Sonst nichts. Ich stand noch eine Weile so da, unsicher, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte…

Aber nach diesem Text hier weiß ich, das nächste Mal werde ich es mir auch einfach aufs Herz legen.

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