Klassiker-Lektüre: „Das Krokodil“ von Dostojewski (Rezension)

Die neue Manesse-Ausgabe mit Erzählungen von Fjodor Michailowitsch Dostojewski verspricht auf dem Klappentext:

Fünf Erzählungen in neuer Übersetzung zeigen den russischen Großmeister ausschweifender Schicksals- und Gedankenschwere von einer verblüffend unernsten Seite: als hinreißenden Satiriker und „maßlosen Chaoskomiker“, so Eckhard Henscheid in seinem Nachwort.

Das Krokodil von Fjodor Dostojewski

Doch hat der Manesse-Verlag wirklich neuartige Perlen des russischen Literaturgroßmeisters ausgegraben oder handelt es sich um Dostojewski wie eh und je?

Dostojewski ist bekannt für seine Ausforschungen der menschlichen Abgründe. Es scheint, die Umstände machen den Menschen. Nicht umsonst wird dem Literaten zuweilen Fatalismus oder zumindest eine anhaltende Düsterheit vorgeworfen, die sich durch sein Werk zu ziehen scheint. Als Satiriker, als Schreiber mit Humor und Witz wird er jedenfalls selten vorgestellt. Doch liegt genau dort der Reiz Dostojewskis. Er vermag es auf leichte Weise, von der Schwere der Menschen zu erzählen. Mit scharfer Beobachtungsgabe und kunstvoll angelegter Situationskomik entlarvt er Heuchler und Lügner. Dabei verliert er jedoch nie seine Menschlichkeit, verfällt nicht etwa in Arroganz. Stattdessen macht er uns klar, dass das Potential zum Bösen in jedem von uns steckt. Und ist es nicht diese Erkenntnis, vor der wir uns am liebsten verschließen möchten? – die Erkenntnis, dass der von seinem Wahn und seiner Schuld verfolgte Raskalnikow in „Schuld und Sühne“ zwar Mörder, aber sicher nicht der schlechteste Charakter im Buch ist. Denn er ist doch der Einzige, der seine Tat bereut, der eine moralische Erneuerung durch Läuterung erfährt. Daher darf auf keinen Fall der Epilog des Romans übersprungen werden. Doch wie unfassbar ist überhaupt das Motiv dieses Buchs: Gibt es den gerechtfertigten Mord? Und sind die Erzählungen im neu erschienenen Band „Das Krokodil“ so unterschiedlich vom restlichen Werk Dostojewskis, das wir kennen?

Nein, eigentlich nicht.

Hierzulande lesen die meisten Dostojewski in deutscher Übersetzung und wie mannigfaltig diese gestaltet sein können, zeigt dieses Beispiel. Im Folgenden handelt es sich jeweils um den Anfang von Dostojewskis „Idiot“, der unterschiedlicher kaum ausfallen könnte.

  • Der Novembermorgen, an dem der Eilzug gegen neun Uhr von Warschau nach Petersburg fuhr, war trüb und feucht.
  • Ende November, bei spätherbstlichem Schneematschwetter, näherte sich gegen neun Uhr früh der Zug der Petersburg-Warschauer Eisenbahnlinie unter vollem Dampf seinem Zielbahnhof Petersburg.
  • Es war gegen Ende des November, bei Tauwetter, als sich um neun Uhr morgens ein Zug der Petersburg-Warschauer Bahn mit vollem Dampf Petersburg näherte.
  • Der Novembermorgen, an dem der Eilzug gegen neun Uhr von Warschau nach Petersburg fuhr, war trüb und feucht.

Und hier liegt auch das Problem mit dem ach! so düsteren Dostojewski. Seine Situationskomik, sein Witz wird meist einfach nicht mitübersetzt – so zumindest in vielen deutschen Übersetzungen. Anders sieht dies bei den englischen Versionen von Everyman’s Library aus. Dass Übersetzungen ins Deutsche so ihre Tücken haben, sieht man bereits beim Titel „Преступление и наказание“, der lange Zeit mit „Schuld und Sühne“ übersetzt wurde und sehr moralisch angehaucht wirkt. Im russischen Original handelt es sich jedoch um juristische Fachterme. „Verbrechen und Strafe“, wie der Roman in neueren Übersetzungen heißt, scheinen treffender. Jedoch fehlt dem deutschen Wort „Verbrechen“ eine gewisse moralische Qualität, die dem russischen Begriff innewohnt. Bedeutet doch „Преступление“ wörtlich „etwas übertreten“. Schon scheint die anfängliche Übersetzung mit „Schuld und Sühne“ wieder mehr Sinn zu machen.

Mit solchen und ähnlichen Problemen sah sich auch Christiane Pöhlmann bei der Übersetzung der fünf Erzählungen im Band „Das Krokodil“ konfrontiert. In der editorischen Notiz wird dies auch deutlich. Doch noch ein Weiteres wird ersichtlich. Frau Pöhlmann entspricht offenbar dem typischen Klischee des Übersetzers, bei dem es nicht zum Autoren gereicht hat. Zu sehr legt sie ihre Lesart – und schlimmer noch ihre Schreibart – auf das russische Original. Dabei besteht doch ihr Job in der Wiedergabe. Anmerkungen wie diese deuten es an:

Dem Autor Fjodor Dostojewski wurde häufig schlechter Stil vorgeworfen. Möglicherweise zum einen, weil er keine Scheu vor Wiederholungen hatte, möglicherweise zum anderen, weil er die Zeiten – insbesondere Erzählzeit und erzählte Zeit – im Sinne einer direkten, unmittelbaren Darstellung munter miteinander vermischte. Beides wurde in dieser Übersetzung nachgeahmt.

Nachgeahmt? Sie schreibt nicht etwa nachempfunden. Es scheint nämlich ihr Werk zu werden, nicht das Dostojewskis. Deutlicher wird das jedoch im Folgenden:

Die ausgewählten Erzählungen vereinen Situationskomik mit Sprachwitz [wie alle Geschichten Dostojewskis, Anm.]. Dieser Witz muss natürlich auch im Deutschen beim ersten Lesen „zünden“ und sollte nicht durch Anmerkungen erst umständlich erklärt werden müssen. Es war daher im einen oder anderen Fall nötig , philologische Genauigkeit hintanzustellen und sich weiter als üblich vom Original zu entfernen. […]

So begründet die Übersetzerin, dass sie aus „кабинетные иде́и“ „Kopfgeburten“ macht, wodurch ein weiterer Satz mit „Kopf“ notwendig wurde. Bei dem russischen Begriff, den die Übersetzerin mit „Ideen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben“, beschreibt, wäre aber eine Fußnote sinnvoller gewesen, die auch darauf hätte hinweisen können, dass кабинетный eine adjektivierte Form vom russischen Wort für „Arbeitszimmer“ ist. „Arbeitszimmer-Ideen“ lehnen sich daher eher noch an Ideen aus dem Elfenbeinturm an. Jedenfalls wird die Pöhlmann-Übersetzung so dem russischen Original nicht gerecht. Sie sagt es ja selbst, dass sie sich bewusst vom Original entfernt. Wozu? Um ihren Vorstellungen von Wortwitz zu frönen statt den von Dostojewski wiederzugeben. Hätte sie nur eine blasse Ahnung von Dostojewski, wüsste sie außerdem um seinen inhärenten Wortwitz und um die auch in anderen Werken vorkommende Situationskomik, die durchaus nicht nur die „ausgewählten Erzählungen“ charakterisiert.

Aber was behauptet man nicht alles, um Neuübersetzungen zu vermarkten? Schade.

Allzu gestelzte Übersetzungsmanöver vergiften einem daher das Lesevergnügen. Ja, ich hätte tatsächlich Fußnoten bevorzugt! Die Erzählungen lassen die russische Vorlage nur noch erahnen, machen mit etwas Fantasie jedoch dennoch Freude.

„Das Krokodil“, nach dem auch der Band benannt wurde, erzählt die Geschichte von einem Beamten, der von einem Krokodil verschluckt wird und fortan in dem „Untier“ wohnt. Dem Tier wird nicht der Bauch aufgeschnitten, da sich die beteiligten Herrschaften uneins sind, was das „ökonomische Prinzip“ anbelangt. Der deutsche Besitzer verlangt schließlich Schadensersatz von keiner geringen Summe! Was allerdings vielleicht verblüfft: Der Gefressene verspricht sich ebenfalls eine große Karriere und ein langes Leben vom Aufenthalt im hohlen Tier. Am Ende steht fest, egal, wie es kommt, ob der Mensch das Krokodil isst oder umgekehrt, es geht stets nur ums Geld – zumindest dem Menschen. Warum sonst setzt Dostojewski zwei diametral unterschiedliche Zeitungsartikel, die vom kuriosen Vorfall berichten, an den Schluss? In der einen Version geht es um das delikate Krokodilfleisch, mit dem sich in Russland viel Geld verdienen ließe und im anderen um das exotische Tier, das zur Schau gestellt wird und so jede Menge Geld einbringen kann. Ums Krokodil selbst geht’s jedenfalls niemandem, nur um dessen finanzielles Potential – und um die Missinformation durch Medien.

„Eine peinliche Geschichte“ handelt vom sogenannten Klassenkampf und das obwohl Dostojewski sicher kein Marxist war. Ein selbsterklärter Humanist kommt in die seltene Situation, der Hochzeit eines ihm Untergebenen beizuwohnen – durch Zufall natürlich. Er setzt sich in den Kopf, durch seinen Besuch seine „Humanität“ unter Beweis zu stellen.

Er hätte ihnen gern alles offen berichtet […] vor allem, wie progressiv er war, wollte er sich doch in seiner Humanität zu allen herablassen, selbst zu den allerniedrigsten, und schließlich, zum guten Ende, da wollte er all seine Beweggründe schildern, die ihn veranlasst hatten, uneingeladen bei Pseldonimow zu erscheinen, bei ihm zwei Flaschen Sekt zu trinken und ihn mit seiner Anwesenheit zu beglücken.

Doch der ungeladene Gast verbreitet nur Stunk, besäuft sich bis zur Bewusstlosigkeit und bereitet den frisch Vermählten nur Mühe. Am Ende sieht sich natürlich dennoch der Störenfried, der Vorgesetzte, im Recht und lediglich scheint sich einzustehen „Ich habe [mit meiner Humanität, Anm.] nicht durchgehalten“. Dabei hat er sich nicht eine Sekunde human verhalten. Ihm ging es stets nur um seine eigene Person, darum wie er wohl wirken würde, usw. Nicht umsonst sieht er seinen Besuch als „sich herablassen“ an, mit dem er das niedere Volk zu „beglücken“ vermag, von dem jedoch keiner ihn auf dem Fest haben wollte. Herzerweichend gekümmert hat man sich dennoch um ihn.

Die letzten beiden Geschichten im Buch werfen die Frage auf, inwiefern sie in diese scheinbar satirisch angehauchte Zusammenstellung passen. In „Die Sanftmütige“ wird ohne Komik und Witz, sondern ziemlich ergreifend und bierernst der Selbstmord einer Sechszehnjährigen beschrieben. Der hinterbliebene Gatte erzählt die Geschichte, die nur so strotzt vor Gedankensprüngen und Widersprüchen, wie es für die Situation durchaus angemessen ist. Statt der eigentümlichen Situationskomik steht der Bewusstseinsstrom im Vordergrund – eine Erzähltechnik, die Dostojewski wie kaum ein anderer gemeistert hat. Am Ende bleibt die Dostojewski-Erkenntnis: Viel Unglück kam über die Welt durch Verwirrung und unausgesprochene Dinge – so auch hier.

„Ein kleiner Held“ lebt von Andeutungen und genau dem Ungesagten, das so viel Schmerz bereiten kann. Bemerkenswert ist die Erzählperspektive eines sich Erinnernden. Die Geschichte handelt von einem Elfjährigen, der mit seiner aufkochenden Gefühlswelt und dem Übertritt in die Erwachsenenwelt mit all ihren Geheimnissen, Intrigen und Herausforderungen naturgemäß nur schwer zurechtkommt. Wie in der ersten Erzählung „Roman in neun Briefen“ ist Dreh- und Angelpunkt ein ebensolches Schriftstück, das beinahe seinen Empfänger nicht erreicht, am Ende jedoch für Erleichterung sorgt, ohne dass der Leser je den Inhalt des Briefs erfährt.

Das Nachwort wiederum könnte überflüssiger kaum sein. Ein sogenannter Experte exerziert auf elfenbeinernem Turm-Niveau sein persönliches Dostojewski-“Wissen“ und verliert sich dabei allzu sehr in der Bewertung/Abwertung des Autors und zahlreichen Mutmaßungen, warum Dostojewski dieses oder jenes so oder so geschrieben hat und wie es vielleicht besser hätte machen können.

Zusammenfassung

  • „Das Krokodil“ – fünf Erzählungen von Fjodor Michailowitsch Dostojewski: „Roman in neun Briefen“, „Das Krokodil“, „Eine peinliche Geschichte“, „Die Sanftmütige“ & „Ein kleiner Held“
  • empf. VK-Preis: € 24,95 [D], € 25,70 [A] | 32,50 [CH]
  • gebundene Ausgabe, erschienen am 02.03.2015
  • ISBN: 978-3-7175-2362-8

Ich bedanke mich bei Manesse für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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