Bestseller vs. Klassiker (Rezension)

Klassiker und Bestseller – beide werden gerne gelesen. Der Unterschied besteht darin, dass Klassiker die Zeit überstehen. So lesen wir bis heute Goethes „Faust“, Tolstois „Anna Karenina“ und „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“. Warum? Weil die Texte bis heute von Bedeutung für uns sind. Diese Werke der Weltliteratur sind zeitlos. Mit ihnen haben sich ihre Autoren in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben und sind unsterblich geworden. Doch für wohl kaum einen von ihnen war dieser metaphysische Zustand das erklärte Ziel, als sie mit der Arbeit an ihrem Manuskript begonnen haben. Vielleicht liegt hier der große Unterschied zwischen Bestseller und Klassiker.

Allzu viele Bestseller entstehen aus der Angst vor dem Tod, aus dem Wunsch nach Unsterblichkeit, mit der Absicht, das „danach“ etwas von einem selbst bleibt. Das beste Beispiel dafür sind Autobiographien von großen und weniger großen Persönlichkeiten. Wer wird in 50 Jahren noch wissen, wer Dieter Bohlen war, geschweige denn seine Biografie lesen? (Wobei, das frage ich mich auch jetzt schon) Doch im Hier und Jetzt haben auch solche literarischen Auswüchse die Chance Bestseller zu werden.

Vielleicht liegt es also daran, dass mir der Sticker „New York Times Bestseller“ auf Paul Kalanithis Buch „Bevor ich jetzt gehe: Was am Ende wirklich zählt – Das Vermächtnis eines jungen Arztes“ übel aufgestoßen ist. Spiegel-Bestseller, Amazon-Bestseller, Bestseller, Bestseller – Bestseller heißt doch nur, dass viele Menschen das Buch gekauft haben, nicht unbedingt, dass sie es gemocht haben.

Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect. – Mark Twain

Mit der richtigen Marketing-Maschinerie wird ein Buch schnell einmal zum Bestseller. Der Begriff sagt jedenfalls nichts über die literarische Qualität aus. In der Modewelt unterscheidet man ja auch zwischen Stil und Trend – und nur eins von beidem ist zeitlos.

Paul Kalanithis Buch wird vielleicht für seine Tochter Bestand haben, aber dass es ins kollektive Gedächtnis eingeht, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hoffe ich es sogar, denn so emotional die Geschichte des sterbenden Arztes (klingt ja an sich nach super Zündstoff für jedes Buch) sein mag, bringt das konkrete Buch einige Probleme mit sich.

Paul Kalanithi ist Chirurg mit großer Literaturleidenschaft gewesen, aber nicht jeder, der gerne liest, hat auch das Zeug zum Autor. Doch genau das war wohl Kalanithis letzter Wunsch. Nicht weil er, wie die großen Schriftsteller keine andere Wahl hatte, als zu schreiben, sondern eben weil er etwas hinterlassen wollte.

The fear of death follows from the fear of life. A man who lives fully is prepared to die at any time. – Mark Twain

Und grundsätzlich hätte es doch gereicht, der eigenen Tochter, die zu Kalanithis Todeszeitpunkt nicht einmal im Grundschulalter war, ein Tagebuch zu hinterlassen. Doch Kalanithi hatte Größeres vor. Er wollte sich an eine breite Masse wenden. Er wollte nicht vergessen werden. Vielleicht war es ein Symptom des den Ärzten oft unterstellten Gottkomplexes. Dabei waren viele Autoren der formalen Ausbildung nach Ärzte:
  • John Keats
  • Friedrich Schiller
  • Georg Büchner
  • Anton Tschechow

Doch sie alle haben sich irgendwann weitestgehend von der Medizin losgesagt, weil sie nicht anders konnten als schreiben. Oder sie waren andere Ärzte. Nicht Karrieremenschen, sondern Pflegepersonal, die sich für den Patienten in den Hintergrund gestellt haben. Für Kalanithi war das Schreiben wohl die stille Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit und gleichzeitig das Erbe für seine Tochter. Schließlich hat er keine Geschichte erfunden, sondern seine eigene geschildert. Die Geschichte der eigenen Vergänglichkeit, die ihn so verängstigt hat oder zumindest zu früh ereilt hat, wird erzählt.

Bevor ich jetzt gehe von Paul Kalanithi

 

Wie so viele Ärzte lebte er ungesund. Nicht, dass er geraucht hätte – sein Laster war die Arbeit selbst. Mit Überstunden, Energy Drinks, Soft Drinks und allem Drum und Dran. Auch nach seiner Diagnose ging er den konventionellen Weg: Weiterleben wie bisher, Medikamente und Chemotherapie.

Schade eigentlich, ich hatte mir vom Buch eine kritische Auseinandersetzung nicht nur mit der Welt der Literatur, sondern vor allem mit der Medizin versprochen. Doch Kalanithi wirft kein neues Licht auf die Krankheit – Krebs, die ihn umbringen sollte. Er geht keinen alternativen Weg, sondern folgt dem, was ihm und anderen Medizinern an der Universität beigebracht wird. Dabei wird längst die Effektivität der Chemotherapie längst infrage gestellt. Gift essen, um gesund zu werden, scheint nicht der Weg zu sein. Doch schon Mark Twain wusste:

It ain’t what you don’t know that gets you into trouble. It’s what you know for sure that just ain’t so. – Mark Twain

Und so befolgt Kalanithi den Therapieplan seiner Onkologin. Es steht in den Sternen, ob Kalanithis Geschichte ein anderes Ende hätte finden können, wenn er eine alternative Therapie versucht hätte.

The only way to keep your health is to eat what you don’t want, drink what you don’t like, and do what you’d rather not. – Mark Twain

Ozon-Therapie, jede Menge Antioxidantien durch frisches Obst und Gemüse essen, Zellgifte jeder Art durch den Verzicht auf Alkohol, Zucker und Chemotherapie vermeiden und so viel Sonnenlicht (Vitamin D) tanken, wie nur möglich – gäbe es dann noch ein weiteres Kapitel? Vielleicht nicht, vielleicht doch – aber in jedem Fall wäre er als Kämpfer, Querdenker und mit einer anregenden Botschaft in die Geschichte eingegangen.

So bleibt nach dem Zuschlagen des Buchrückens für mich nur ein emotionales Erlebnis stehen, aber Neues? – gab es für mich leider nichts.

Zusammenfassung

  • Der Neurochirurg Paul Kalanithi wird nach seiner Krebsdiagnose selbst zum Patienten und hinterlässt das Buch „Bevor ich jetzt gehe“ als literarisches Vermächtnis
  • empf. VK-Preis: € 19,99 [D], € 20,60 [A] | 26,90 [CH]
  • gebundene Ausgabe, erschienen am 11.04.2016
  • ISBN: 978-3-8135-0725-6

Ich bedanke mich beim Knaus-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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2 Gedanken zu “Bestseller vs. Klassiker (Rezension)

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