Noch ein Buch über Krebs? (Rezension)

Es kürzlich habe ich an dieser Stelle bereits ein Buch über Krebs besprochen. Die Rede ist vom New-York-Times-Bestseller „Bevor ich jetzt gehe“ vom Neurochirurgen Paul Kalanithi. Heute soll es ein weiteres Mal um diese epidemisch um sich greifende Krankheit gehen. „Doch was haben die ganzen Bücher über Krebs auf einem Schreibblog verloren?“, mag sich der ein oder andere fragen.

Zum einen sei erwähnt, dass ich selbst mit einem Krebspatienten lebe. Shaolin kam 2013 als Pflegekatze zu mir. Kurze Zeit später wurde die Diagnose „Nierentumor“ gestellt. Was zunächst als Todesurteil im Raum stand, ist nun ein Fakt wie viele anderen. Shaolin lebt mit dem Krebs und ich lebe mit Shaolin. Sie ist mittlerweile medikamentenfrei und wird nur noch mit Öl, Rotulmenrinde und Wasser behandelt. Hochwertiges Futter bildet die Grundlage für ihr Weiterleben.

Zum anderen hat der Krebs auch seine Schneise durch mein Umfeld gezogen und einige geliebte Menschen weggenommen.

Jede Zweite und jeder Dritter erkrankt mindestens einmal im Leben an Krebs

Statistiken zufolge erkrankt jede zweite Frau und jeder dritte Mann mindestens einmal im Leben an Krebs. Während ich kein großer Freund von Statistiken bin, bedeutet dies doch, dass heutzutage jeder jemandem im direkten Umfeld hat, der an Krebs erkrankt ist oder dieser Krankheit sogar auf fatale Weise zum Opfer gefallen ist.

Dadurch wird Krebs zu einem Thema, das uns alle (be)trifft. Böse Zungen würden Autoren vorwerfen, Krebs gäbe einen „fabelhaften Stoff“ her. Hier lassen sich Geschichten mit Tragweite erzählen. Schließlich geht es um die ganz großen Fragen, um Leben und Tod. Doch das klingt ein wenig kühl, kalkulierend, ja, schlichtweg kaltherzig. Kommen wir also weg von dieser Rhetorik und sagen einfach: „Die besten Geschichten schreibt das Leben.“

Erzähle dieselbe Geschichte immer wieder neu

Durch die Karriere vieler Autoren zieht sich meist ein und dasselbe Thema, sei es Tod, Angst, Außenseiterdasein, … Achte mal darauf! Autoren erzählen quasi die immer gleiche Geschichte in vielen Varianten oder immer wieder neu. So dreht es sich bei Dostojewski beispielsweise immer wieder um Fragen nach den Grenzen des menschlichen Bewusstseins und Tuns. Wozu ist der Mensch fähig? Inwieweit bestimmen Umstände unser tun? Vielleicht sind diese Fragestellungen auch naheliegend, wenn einen Epilepsie immer wieder ans Krankenbett fesselt und Geldnöte zu wagmütigen Gedankenspielen verführen.

Man denke nur an mein Lieblingsbuch „Der Idiot“, wo es die schöne Nastasja fertigbringt, zwei Männer an den Rande des Wahnsinns zu treiben oder wo einer – der „Idiot“ – nichts als Gutes will und doch nur Böses schafft. Tatsächlich hatte wohl auch Goethes „Faust“ einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Buch. Fantasie und Realität umarmen sich stets in einem anregenden Tanz.

Schaut man sich die großen Klassiker an, haben sich Tolstoi und Dostojewski beileibe nicht alles ausgedacht. Man denke nur an „Krieg und Frieden“. Vor der Kulisse des Vaterländischen Krieges bzw. dem Russlandfeldzug Napoleons breitet Tolstoi seine Geschichte aus, die über tausend Seiten und eine erzählte Zeit von mehreren Jahrzehnten umfasst. Ausgedacht sind lediglich die individuellen Liebesgeschichten, während Fakten den historischen Rahmen bilden.

Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität, um ins Fantastische abzuheben

In einem Schreibseminar zum Thema „Kinderbücher schreiben“ ist mir einmal geraten worden, möglichst realistisch zu beginnen, um dann ins Fantastische abheben zu können. Man muss sein Publikum erst einmal abholen, wo es steht.

So kann die Diagnose Krebs ein guter Ausgangspunkt für eine spannende Geschichte werden, die das Leben schreibt. So ist es jedenfalls der Britin Sophie Sabbage ergangen. Als Betroffene von Lungenkrebs im Stadium IV hat sie zunächst angefangen, einen Blog zu schreiben. The Cancer Whisperer ist jetzt in Buchform auf Deutsch erschienen.

Wie unterscheidet sich „Die Krebsflüsterin“von Paul Kalanithis Buch und gibt es Gemeinsamkeiten?

Beide Autoren kämpfen mit der früher und später fatalen Diagnose Krebs, doch ihr Umgang mit der Krankheit könnte unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten:

  • Beide stehen vor der düsteren Aussicht, durch den Krebs nicht nur das Leben, sondern auch die Chance zu verlieren, ihr Kind aufwachsen zu sehen.
  • Beide haben eine inhärente Liebe für das Schreiben.
  • Beide sind zuvor beruflich in einem Bereich tätig gewesen, wo sie Menschen geholfen haben. Paul Kalanithi war Neurochirurg. Sophie Sabbage ist als Mentalcoach tätig gewesen und gibt mittlerweile wieder Kurse für Krebspatienten.

Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Sophie Sabbage legt ihr Buch, anders als Paul Kalanithi nicht schon im Rückblick an. Sie schreibt keine Memoiren oder Erinnerungsstücke für ihre Tochter Gabriella. Sie schreibt nach vorn. Sie hat Hoffnung und ergibt sich nicht einfach ihrem Schicksal. Genauso wenig gibt sie sich nicht blind in die Hände von Ärzten. Sie hinterfragt die Therapievorschläge ihres Onkologen und öffnet sich für die Ansätze der alternativen Medizin:

  • Ozontherapie
  • hohe Vitamin-C-Infusionen
  • zuckerfreie, kohlenhydratarme Ernährung
  • etc.

Gleichzeitig zwingt sie dem Leser diesen Weg, der ihrer ist, nicht auf. Trotzdem können ihre Hinweise vielen dabei helfen, schneller ihren eigenen Weg im Therapielabyrinth zu finden. Sophie Sabbage weist richtigerweise darauf hin, wie schwierig es ist, nicht nur sich das Menschsein (vs. Patientsein) zu bewahren, sondern auch, wie kompliziert es ist, seinen eigenen Therapieplan durchzusetzen. Schließlich tut sich zwischen Alternativ- und Schulmedizinern eine tiefe Kluft auf. Heilpraktiker verteufeln die „Rausschneiden, verbrennen, vergiften“-Dokrin, während Schulmediziner ihre alternativmedizinischen Kollegen als Quacksalber bezeichnen. Der Patient (von lat. patiens = geduldig) bleibt dazwischen mit all den widersprüchlichen Informationen stehen und muss seine Entscheidungen selbst treffen und auch gegen beide Seiten durchboxen.

Sophie Sabbage hat einen Mix aus Schul- und Alternativmedizin als ihren Weg auserkoren. Sie betont im Buch aber immer wieder, keine Ärztin zu sein. Dass sie jedoch Mentalcoach war/ist, wird durchaus deutlich. Ich fand das zuweilen recht esoterisch angehauchte Palaver von „Tanz mit der Trauer“, „Was will mir der Krebs mitteilen?“, usw. etwas nervig. Negatives soll an die Oberfläche geholt werden und plötzlich soll es uns nachdem Rotz und Wasser raus sind, wieder gut gehen. Menschen, die solche Ansätze vertreten, haben vielleicht mit Problemen zu kämpfen, die sie sich selbst angetan haben, die sich auf diese Weise überwinden lassen, jedoch nicht mit fremder Gewalt. Das Wiederdurchleben solcher Traumata kann Betroffene maximal zurückversetzen und erneut verletzen – ich spreche aus Erfahrung. Demnach bin ich kein Fan der Psychotherapie um jeden Preis und für jedes Problem.

Zumal das Buch durch diesen fast psychotherapeutischen Ansatz stellenweise sehr widersprüchlich wird. Einerseits will sie nicht gegen den Krebs „kämpfen“, sondern ihn „annehmen“ und herausfinden, was er ihr „sagen“ will. Andererseits will sie die Krankheit besiegen und ihre Tochter aufwachsen sehen (also kämpfen). Doch vielleicht ist dieses Wechselbad der Gefühle nur realistisch und spiegelbildlich für jeden in dieser außergewöhnlichen Lage, in der man in den „Pistolenlauf“ schaut und dem Tod ins Auge blickt.

Diese Werbung für eigene Kurse und Seminare verdirbt das ansonsten relativ angenehme Lesevernügen – Sabbage hat einen herausragend metaphorischen Stil!

PS: Wenn man mit griechischen Vokabeln um sich wirft, sollte man deren Bedeutung auch wirklich kennen:

Die Zeit war eingefroren, war weder chronos – chronologisch und linear – noch kairos – expandierend und unbestimmt.

„Kairos“ bezeichnet einen glücklichen Zufall oder eine gute Gelegenheit, also einen kurzen Moment, den es zu nutzen gilt. Mit „Chance“ ließe sich das Wort noch am ehesten übersetzen. Darin liegt etwas Unbestimmtes, doch nichts Expandierendes. Denn „kairos“ ist vielleicht so lang, wie ein Wimpernschlag und dann ist er weg und damit extrem flüchtig – doch das nur am Rande.

Zusammenfassung

  • „Die Krebsflüsterin“
  • Lebensratgeber, um mit der Diagnose „Krebs“ umgehen zu können
  • empf. VK-Preis: € 19,99 [D], € 20,60 [A] | 26,90 [CH]
  • gebundene Ausgabe, erschienen am 19.09.2016
  • ISBN: 978-3-424-15314-9

Ich bedanke mich beim Irisiana-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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