Der perfekte Start in den Schriftstellertag (Rezension)

In Anbetracht dessen, dass nun die Arbeit an meinem ersten Buch auf Hochtouren läuft, während ich nebenbei trotzdem weiter Auftragsarbeiten als Texter erledige, brauchte ich einen Tipp, wie ich meine Schreibarbeiten organisieren kann.

Ein Bekannter wies mich auf Hal Elrods Buch „Miracle Morning – Die Stunde, die alles verändert“ hin. Der Klappentext erklärt – für meinen Geschmack – etwas prahlerisch:

Hal Elrod hat ein genial einfaches Morgenprogramm entwickelt, dass sein eigenes Leben und das seiner vielen Fans und Leser um 100 Prozent verbessert hat. Wenn Sie Miracle Morning praktizieren, werden Sie endlich Ihr volles Potenzial ausschöpfen können – und zwar in allen Lebensbereichen.

Na, wenn das mal kein vollmundiges Versprechen ist! Auch wenn es sich hierbei sicher nicht um eine Schreibanleitung handelt, dachte ich, womöglich den nötigen Anstoß und ein paar praktische Tipps für meinen schreiberischen Alltag im Buch finden zu können.

Einleitung: Wie es zu dem Buch kam

Der Urheber des Buchs ist weder begnadeter Autor, noch sonst wie groß schriftstellerisch begabt (sagt er auch selbst). In der Einleitung erfahren wir darüber hinaus noch einiges mehr über Hal Elrod. Nach einem Nahtoderlebnis (Autounfall) und mit seinem drohenden finanziellen Ruin vor Augen hat er irgendwann beschlossen, sein Leben komplett umzukrempeln. Dieser eine Satz hätte beinahe genügt, um zu verstehen, wie Hal Elrod zum Buchschreiben gekommen ist. Doch stattdessen wird der Leser mit allerlei, wie ich finde, belanglosem Zeug besudelt.

Besonders ging mir die Beschreibung der ach so steilen Erfolgskurve beim Staubersaugervertreterverein Cutco auf die Nerven. OK, zugegeben, Cutco vertreibt keine Staubsauger, sondern Messersets – aber das Verkaufsprinzip des Klinkenputzens ist dasselbe. Dieser Firma mit der blödesten aller Vertriebsstrategien, die schon etliche junge Menschen in den Ruin oder Wahnsinn getrieben hat (schließlich muss man die Ware erstmal selbst anschaffen und bezahlen, bevor man damit Geld verdienen kann), hat Hal Elrod also ach so viel zu verdanken …

Doch selbst wenn ich darüber einmal hinwegsehe – und das musste ich ja, um irgendwie in das Buch zu kommen, ließ sich die All-American-Tonalität à la „You can make it happen“ beim Lesen nur schlecht ignorieren.

Die primäre Fähigkeit eines Menschen, der Einfluss nehmen will, besteht in dem richtigen Bemühen, andere davon zu überzeugen, dass er oder sie der wichtigste Mensch auf der Welt ist.

Das Buch könnte bei solchen Aussagen auch „Anleitung zum Egoismus“ heißen …

Mir ging jedenfalls diese Filmszene während des Lesens einfach nicht aus dem Kopf:

Hauptteil: Warum wir unser volles Potential nicht entfalten – laut Hal Elrod

Hal Elrod identifiziert in seinem Buch mehrere Gründe, warum wir nicht unser, wie er es nennt, „10 Punkte“-Leben führen. Auf einer Skala von 1 bis 10 dümpeln wir in vielen Lebensbereichen wohl eher bei einer mittelmäßigen 5 oder 6 herum. Wir sind unzufrieden im Job, gesundheitlich könnte es uns besser gehen und auch in der Beziehung scheint manchmal einfach die Luft raus zu sein. Laut Hal Elrod sind wir mittelmäßig bzw. in der Mittelmäßigkeit gefangen.

Wenn Hal Elrod dann immer wieder Persönlichkeiten wie Bill Gates, Oprah Winfrey oder Steve Jobbs als Erfolgsvorbilder listet, will mir nur noch schlecht werden. Das sind die Reichen und meist weniger Schönen (innen wie außen), die wahrscheinlich auch Mittelmäßigkeit und Arbeitsunwillen für steigende Arbeitslosenzahlen verantwortlich machen. Nein, ausbeuterische Umstände und die Profitgierde der oberen 1 Prozent können es nicht sein, oder?!

Einen der maßgeblichsten Gründe für ein mittelmäßiges Leben bezeichne ich als das „Rückspiegelsyndrom“. Unser Unterbewusstsein ist mit einer Art Rückspiegel ausgestattet, der nur einen Ausschnitt unserer selbst zeigt.

Warum?

Es mangele an Zielsetzung, Dringlichkeit (mangelnder Leidensdruck) und Verantwortungsbewusstsein. Uns fehle ein „Rechenschaftspartner“, dem gegenüber wir verantwortlich sind und der uns den nötigen „Arschtritt“ gibt. Unser eigenes Umfeld ziehe uns dank seiner Mittelmäßigkeit ebenfalls in die Mittelmäßigkeit. Also würden wir uns zu wenig entwickeln.

Ganz schön hart, nicht?

Wie kommen wir aus der Misere raus? Klar, wir brauchen einen „Rechenschaftspartner“ (so ein blödes Wort!) und wir müssen früher aufstehen.

Dann fragen Sie doch mal die folgenden Frühaufsteher: Oprah Winfrey, Bill Gates, Deepak Chopra, Wayne Dyer, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Albert Einstein und Aristoteles (gut, einige davon können Sie nicht mehr fragen …)

Wer früher aufsteht, so Hal Elrod, hat Zeit für den Miracle Morning. Doch was ist das eigentlich, der Miracle Morning?

Miracle Morning – so geht’s

Der Miracle Morning beginnt bereits am Abend vorher. Wer besser schläft, kommt früher raus. Leuchtet ein. Wie wir aufstehen wollen, sollen wir uns vor dem Zubettgehen mit Affirmationen selber sagen. Anregungen für „bedtime affirmations“ gibt es zum kostenlosen Download (bei Anmeldung!) auf der Autorenwebsite. Da wären wir bei einem weiteren Kritikpunkt angekommen: Ich habe die Eigenwerbung irgendwann nicht mehr gezählt. Jedenfalls ist das Buch gespickt mit „… finden Sie kostenlos unter …“-Angaben.

Anfangen in 5 Minuten

Aufstehen, Zähneputzen, ein Glas Wasser trinken und rein in bequeme Sportbekleidung! So fängt der Miracle Morning angeblich in 5 (!) Minuten an. Allein fürs Beißerchenputzen brauche ich aber mindestens 3 Minuten.

Der Miracle Morning: Die 6 Life S.A.V.E.R.S.

S wie Silence (Stille)

Nachdem man in seine Yoga- oder Jogginghose geschlüpft ist, die Zähne sauber sind, die Wasservorräte aufgefüllt wurden, sucht man sich einen netten Ort, wo man in Stille sitzen kann. Jeden Morgen sollte man 5 Minuten meditieren, um den letzten Tag Revue passieren zu lassen und den neuen Tag zu begrüßen.

Es ist übrigens ein Irrglaube, den auch Hal Elrod vertritt, dass man durch Meditation Ruhe findet. Um effektiv zu meditieren, das erklärt Shaolin-Großmeister Wong Kiew Kit in seinem Buch „The Complete Art of Zen“ sehr schön, muss man zunächst mal ruhig sein. Meditieren muss man lernen. Dann kann es ein sehr erleuchtendes Erlebnis sein, sich der Stille hinzugeben. Daher tun sich vor allem Meditationsanfänger zunächst sehr schwer. Das ist aber normal.

A wie Affirmations (Affirmationen)

Die nächsten 5 Minuten sollen auf Affirmationen verwendet werden. Persönliche Glaubenssätze oder Ziele, die man sich vorgenommen hat, sollten am besten laut ausgesprochen werden, um sie im (Unter-)Bewusstsein zu verankern.

Es ist kein Zufall, dass einige der erfolgreichsten Menschen unserer Gesellschaft – Prominente wie Will Smith, Jim Carrey, Muhammad Ali, Oprah Winfrey und viele andere – immer wieder öffentlich verlauten ließen, positives Denken und der Gebrauch von Affirmationen habe ihnen den Weg zu Erfolg und Wohlstand geebnet.

Wie bekommt man Größen wie Muhammad Ali mit Ausverkäufen wie Oprah Winfrey bloß in einen Satz?!

V wie Visualization (Visualisierung)

Gesetzte Ziele sollte man stets vor Augen haben – nicht nur vor dem inneren Auge. Am besten legt man sich eine Pinnwand oder ein Whiteboard zu, wo man Bilder, Sätze, Zeichnungen rund um sein (Lebens-)Ziel versammelt. Natürlich ist diese Motivationswand auch Veränderungen unterworfen und darf regelmäßig an die persönlichen Ziele angepasst werden.

E wie Exercise (Bewegung/Sport)

Jetzt geht’s ans Eingemachte: Frühsport. Seit dem neuen Jahr (völlig unabhängig von dem Buch) beginne ich ohnehin jeden Morgen mit 20 bis 40 Minuten Yoga. Hal Elrod empfiehlt 20 Minuten Bewegung. Das kann eine Runde Joggen um den Block bedeuten oder es können Hampelmänner sein. Wer Gewichtheben mag, macht das oder man macht Yoga, was Hal Elrod neben Laufen (womit ich mich nicht anfreunden kann) ganz besonders empfiehlt. Doch auch hier kommt der US-Bestsellerautor nicht ohne Superlative aus:

Dashama [Hal Elrods Freundin] ist tatsächlich die authentischste, spirituellste, pragmatischste und überhaupt effektivste Yogalehrerin, der ich je begegnet bin.

R wie Reading (Lesen)

Die nächsten 20 Minuten sollten der Lektüre (eines Ratgebers) gewidmet werden.

S wie Scribing (Schreiben)

Abschließend formuliert man in etwa 5 Minuten seine Vorhaben für den Tag. Damit kommt das eigentliche Schreiben bei Hal Elrod also recht kurz.

Er schreibt aber, dass es sich a) bei dieser Reihenfolge, aber auch b) bei den Zeitangaben und c) selbst bei den Tätigkeiten lediglich um Empfehlungen handle. Man kann also seinen ganz persönlichen „Miracle Morning“ gestalten, Schwerpunkte anders setzen, usw.

Mit den sogenannten „Life S.A.V.E.R.S.“ hat Hal Elrod nun versucht, das Rad neu zu erfinden. Denn weder Meditation, noch Affirmationen oder Visualisierungen, Frühsport, Lesen oder Tagebuchführen sind jetzt bahnbrechende Innovationen. Das gab es schon immer. Doch wie sieht es mit der Kombination aus? Ich persönlich kann mit dem morgendlichen, Multi-Kickstart-Programm nur wenig anfangen. Trotzdem hat mich das Buch zu ein paar Überlegungen und Neuerungen in meinem Schreiballtag gebracht. Na, immerhin! Dazu gleich mehr.

Zusammenfassung

  • „Miracle Morning – Die Stunde, die alles verändert“ von Hal Elrod
  • Ratgeber für einen guten Start in den Tag. Frühaufstehen als lebensverändernde Maßnahme
  • Taschenbuch
  • empf. VK-Preis: € 17,99 [D], € 18,50 [A], CHF 24,50
  • erschienen am 12.09.2016
  • ISBN: 978-3-424-15311-8

Ich bedanke mich beim Irisiana-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Mein persönlicher Start in den Tag

Mein Leben verändert hat das Buch nun nicht. Völlig unabhängig davon habe ich jedoch gemerkt, wie mir das morgendliche Yoga-Programm, was ich für mich selbst gefunden habe, guttut und mich in Schwung bringt. Für gewöhnlich kann ich dabei Meditation, Stille und Yoga bereits kombinieren. Ohne, dass ich es wusste, habe ich also eh schon einen halben „Miracle Morning“ für fast einen Monat betrieben, bevor ich das Buch zu lesen anfing.

Eine neue Sache konnte ich jedoch tatsächlich aus dem Buch für mich mitnehmen. Nein, es waren weder Affirmationen oder Visualisierungen, noch das morgendliche Ratgeberlesen, sondern Tagebuchschreiben, das ich mir jedoch für den Abend vornehmen will.

Ich habe mir jetzt ein Buch vom Duden-Verlag bestellt, indem verschiedene Tagebuchschreibtechniken für Autoren vorgestellt werden. Das hilft mir hoffentlich, tatsächlich mehr Ordnung in meinen Schreiballtag zu bringen und Aufgaben effizienter zu erledigen. Schließlich hänge ich mit meinem Buch eigentlich hinterher und ich habe noch so viele Ideen in der Schublade, die nur darauf warten, mal raus zu dürfen!

Abend genauso wichtig wie Morgen

Abschließend habe ich für mich festgestellt, dass es sehr stark vom Abend abhängt, wie ich am Morgen aus dem Bett komme. Ich nutze mittlerweile den Abend für eine separate Meditation oder eine beruhigende Yin-Yoga-Routine. Folgende Dinge haben sich bei mir bewährt, die in Hal Erods Buch aber nicht zu finden sind:

  • kein Social-Media-Checken vor dem Schlafengehen
  • kein Computer oder Laptop im Schlafzimmer
  • kein grelles Licht vor dem Schlafengehen
  • ein Glas Wasser auf dem Nachttisch
  • Stoßlüften vor dem Schlafen
  • Heizung runterdrehen

Welche Tipps für einen guten Start in den Schriftstellertag habt Ihr so parat? Ich bin gespannt.

 

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2 Gedanken zu “Der perfekte Start in den Schriftstellertag (Rezension)

  1. Amusant rezenssiert. Ich habe deinen Blogeintrag schon gestern gelesen, aber er ging mir nicht aus dem Kopf und deshalb wollte ich mich dazu melden. 😉
    Ich muss ja sahen. Respekt, dass du das Buch überhaupt bis zum Ende gelesen hast. Besonders diese ständigen Superlative hätten mich in kurzer Zeit in den Wahnsinn getrieben 😀
    Und was du zum Meditieren schreibst: Dem kann ich nur zustimmen. 5 Minuten halte ich sowieso für verdammt kurz, was soll denn dabei herum kommen? Ich meditiere immer morgens 15 Minuten – und eigentlich ist das schon recht knapp.

    Gefällt 1 Person

    • Es passt halt alles in unsere Zeit und zur Generation XYZ. Von der 5-Minuten-Terrine, über die Top 10-Liste, bis zur 5-Minuten-Meditation. Sinkende Aufmerksamkeitsspanne, steigender Stress und immer der Wunsch nach einer schnellen Lösung. Miracle Morning und Wonder Bra sind eben Symptome unserer Zeit, glaube ich. Aber schön, wenn Dich doch wenigstens die Rezension unterhalten hat.

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