Autorentagebuch anlegen: Erste Überlegungen

Im Grunde ist jeder Blog eine Art Tagebuch oder zumindest ein Journal oder eine Art Chronik. Jeder Eintrag erhält einen Datumseintrag und steht für sich allein und erlangt doch erst im Kontext des bisher Geschriebenen seine Bedeutung. Ein Ende ist nicht abzusehen, aber unumgänglich – schließlich lebt niemand für immer. Vielleicht verliert der Blogger aber auch irgendwann einmal die Lust am Schreiben. Im Gegensatz zum persönliches Tagebuch ist der Blog aber stets bereits für ein Publikum bestimmt, während das Tagebuch zunächst nur im Privaten entsteht.

Eine besondere Ausnahme ist „The Writer’s Diary: A Monthly Publication“ von Fjodor Dostojewski. Diese Ansammlung von Texten verschiedener Textgattungen, gespickt mit Ideen, Kommentaren, usw., die von 1873 bis 1881 monatlich (mit Unterbrechungen) von Dostojewski selbst veröffentlicht wurde, ist tatsächlich eine Art Vorläufer des Blogs. Mit diesem Werk möchte ich mich jedoch ein anderes Mal näher auseinandersetzen.

Sofern man nicht Leo Tolstoi ist, der auf seine späten Tage offenbar seine Familie im Tagebuch mitlesen lassen hat, wird der Inhalt des Tagebuchs – zumindest zu Lebzeiten – der Öffentlichkeit vorenthalten. Im Tagebuch hat man Raum, Ideen und Eindrücke zu reflektieren. Man richtet die Worte an sich und geht zuweilen auch mit sich selbst ins Gericht. So lässt sich auch erklären, warum ich trotz Blog noch ein Tagebuch „nur für mich“ anlegen möchte. Ohne Mitleser und Kommentarfunktion soll mir dieses kleine Buch ein stetiger Begleiter werden.

Welches Tagebuch?

Zunächst einmal stellt sich heutzutage die Frage: Digital oder analog? Diese Frage habe ich, wie man sieht, blitzschnell für mich mit „analog“ beantwortet. Als hauptberufliche Texterin hänge ich ohnehin einen Großteil des Tages am Bildschirm. Da freuen sich vor allem die Augen über etwas Abwechslung. Grundsätzlich kann man aber auch am PC Tagebuch führen oder eine App am Tablet oder Smartphone nutzen, wenn man sowas hat.

Für mich ist die analoge Haptik jedoch entscheidend. Ich benötige ein Buch, das ich gerne in die Hand nehme, das sich gut anfühlt (ich mag die Strukturoberfläche des obigen Buchs), das klein genug ist, dass man es immer mitnehmen kann und groß genug ist, um darin Ideen auszubreiten. Gründe, warum ich genau dieses Buch als Tagebuch auserkoren habe:

  • Haptik
  • Größe: A6
  • absoluter Freiraum: keine Karos, keine Linien, einfach blank
  • Stiftehalter (so muss ich den Stift in der Handtasche nie suchen)
  • Fächer vorne und hinten für lose Zettel
  • Seitenzahl für bessere Übersicht

Schreibszene?

Nachdem ich also mein Tagebuch habe, stellt sich die Frage: Womit schreibe ich? Bleistift? Kugelschreiber? Füllhalter? Fineliner? Tintenroller? Grundsätzlich liebe ich meinen aufziehbaren Füllhalter Pelikan GO, der heute leider nicht mehr hergestellt wird. Mittlerweile läuft der aber manchmal aus und ist gerade für unterwegs (das Tagebuch wird vielleicht auch Notizbuch) nicht die richtige Wahl. Ansonsten schreibe ich am liebsten mit Bleistift. Das Geräusch und die Druckspuren auf dem Papier faszinieren mich genauso wie die feinen Absplitterungen von Graphit, die sich bei einem frisch gespitzten Bleistift nach und nach lösen. Für unterwegs mag ich Kugelschreiber und Tintenroller, einfach aufgrund praktischer Gesichtspunkte. Überlegungen zur Schreibszene befassen sich jedoch nicht nur mit dem Schreibmaterial, sondern auch mit Fragen wie: Wo und wann schreiben? Am liebsten morgens oder abends. So kann ich mir einmal täglich vornehmen, zumindest irgendetwas für mich zu Papier zu bringen. Daneben ist das Buch jedoch auch sonst stets aufnahmefähig für Ideen.

Wie anfangen?

Doch was soll nun hinein ins Tagebuch? Um mir bei dieser Frage etwas auf die Sprünge zu helfen, habe ich mir „Schreiben Tag für Tag“ aus der Duden-Schreibschule-Reihe bestellt. Christian Schärf stellt in diesem Handbuch verschiedene Techniken für das Tagebuchschreiben vor und liefert zur Veranschaulichung prominente Beispiel von Goethe bis Kafka. Das Buch beginnt mit allgemeinen Überlegungen und stellt dadurch Eigenheiten des Tagebuchschreibens heraus:

Jede Unterhaltung ist von der prinzipiellen Unvorhersehbarkeit der Antwort des anderen geprägt und wird von der Offenheit der Konversation in Spannung gehalten. Ganz anders verhält es sich im Tagebuch, in dem stets der Monolog vorherrscht.

Oder:

Das Tagebuch ist und bleibt ein intimes Instrument der Selbstverständigung.

Am Ende jeden Kapitels findet sich eine Schreibaufgabe. Das Buch beginnt mit sehr einfachen, teils stark verkürzten Tagebuchformen in elliptischer oder stichpunktartiger Schreibweise und geht später über zu erzählenden Schreibformen, die bereits einen gewissen literarischen Charakter haben.

Eigentlich ist eine erzählte Chronik für Leser geschrieben. Sie weist bereits alle kommunikativen Merkmale eines literarischen Textes auf. Allerdings gibt es auch einen Typus des Tagebuchschreibers, der das Erlebte sich selbst erzählen muss, um überhaupt Aufzeichnungen anfertigen zu können.

Oder um es mit Dostojewski (engl. Übersetzung) zu sagen:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some thought, without being translated into human language, never mind into literary language.

Mich haben aber vor allem die verdichteten Formen interessiert, getreu dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“. Außerdem habe ich mir ein paar interessante Begriffe herausgepickt, so zum Beispiel „prismatischer Infantilismus“ (von Gottfried Benn), was so viel wie Offenheit für alles bedeuten soll. Man soll den Blick für die alltäglichen Geschehnisse schärfen und wie ein Kind auf die Welt schauen. Die Eindrücke werden dann in einem bunten Prisma gebündelt.

Am Duden-Buch selbst gefällt mir die raue Beschaffenheit des Buchdeckels und -rückens. Das handliche A5-Format und natürlich die abgerundeten Ecken. Oh ja, viel mehr Bücher sollten abgerundete Ecken haben!

Praktisch: Die Schreibaufgaben sind farblich markiert, so dass man sie mit einem Blick auf den Rand findet und gezielt aufschlagen kann.

Mit dem Tagebuchschreiben will ich mehrere Ziele verfolgen. Daher werde ich mich nicht für einen speziellen Stil entscheiden. Listen, Stichpunkte sind praktisch und kurz.

Von Anfang an geht es um Listen von Büchern, die sie [Susan Sontag] zu lesen sich vorgenommen hat, um das Hören und Beurteilen von klassischer Musik und um die Malerei der Moderne, die sie in den unterschiedlichsten Museen der Welt aufsuchen will. Sich über Sachverhalte, Konstellationen, Urteilsbegründungen und Debatten aller Art klar zu werden ist ein Zweck des Tagebuchs, das sie führen wird.

So lassen sich Geistesblitze oder „Raketen“ (Charles Baudelaire) gut notieren. Manchmal möchte man aber vielleicht einen Traum oder eine Stimmung festhalten – da muss dann schon ein wenig erzählt werden. Mein „Lektüretagebuch“ wird dieser Blog bleiben.

Ein anderes, im Buch vorgestelltes, wie ich finde, überaus interessantes Projekt, wenn wir von Lektüretagebüchern sprechen, scheint Jochen Schmidts Blog über seine Marcel-Proust-Lektüre zu sein (mittlerweile auch in Buchform erschienen). Der Reiz hier ist das etwas eingestaubte Proust-Buch im Kontrast zur modernen Schmidt-Rezeption.

In Zukunft sollen hier auf dem Blog auch mal politische Themen besprochen werden. Notizen zu diesen Themen sind jedoch auch in meinem privaten Tagebuch gern gesehen.

Es geht nun aber nicht mehr um die pure Selbstenthüllung, sondern um die Durchdringung von Ich und Welt, wie sie im Klangraum der eigenen Wahrnehmung erscheint und mittels der Schrift aufbewahrt werden soll.

In jedem Fall ist Tagebuchschreiben ein selektiver Prozess. Es wird genau ausgewählt, was aufs Papier kommt. Viel wichtiger noch:

Schreiben schafft Bedeutung und damit Wirklichkeit über die Modellierung von Formen. „Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen“, sagt Wittgenstein […].

Das habe bereits in diesem Beitrag beschrieben.

Damit all das in später noch durchschaubarer Weise ins Tagebuch wandert, ist ein System vonnöten. Klar, Datumsangaben helfen. Darüber hinaus können Themen wie „Traum“ mit „T:“ oder „Ideen“ mit „I:“ markiert werden. Gesellschaftlich Relevantem oder Politgeschehen kann ebenfalls ein Kürzel wie „P:“ zugewiesen werden. Auch farbliche Hervorhebungen (Schreibfarbe) sind möglich. Einrahmungen, Unterstreichungen und schließlich auch Haftnotizen in verschiedenen Farben sind denkbar, um bestimmte Einträge hervorzuheben. Wer möchte, kann auch Zeitungsausschnitte, Glückkekszettel, Fahrkarten oder was auch immer mit ins Tagebuch kleben.

Am Ende entsteht so eine ganz persönliche Chronik mit Gedanken und Ideen vor dem Kontext des „Weltgeschehens“, das man selektiv mit ins Buch genommen hat. Später kann es sehr reizvoll sein, noch mal in diesen Skizzen, Stichpunkten und Kurzerzählungen zu lesen. Manches möchte man vielleicht zu einer „richtigen“ Geschichte ausformulieren.

Schreibst Du Tagebuch? Und wenn ja, dann täglich oder nur sporadisch?

Was kommt bei Dir ins Tagebuch? Erzähl doch mal! Ich bin gespannt.

 

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3 Gedanken zu “Autorentagebuch anlegen: Erste Überlegungen

  1. Hey du, super interessanter Beitrag – vielen Dank dafür! 🙂 Ich habe mein „Kritzel-Buch“ eigentlich immer mit dabei und bei mir. Es liegt auch meistens auf meinem Nachttisch, weil mir die tollsten Schreibideen oftmals ganz kurz vor dem Einschlafmoment kommen und wenn ich sie dann nicht sofort niederschreibe, am nächsten Morgen meistens nicht mehr so wiedergeben kann. 🙂

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    • Hihi, das kenne ich. Ich hatte bisher immer ein A5-Buch. Das ist mir aber zu unhandlich, um es immer mitzunehmen. So ging bisher vieles verloren oder wurde auf Rechnungen, etc. notiert. Nu kommt hier mal Ordnung in den Schreibstall!

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  2. Ich schreibe zu bestimmten Themenbereichen, in denen es mir wichtig ist, Verläufe und Entwicklungen sowie meine Gedanken dazu festzuhalten. Das ist aber nur sporadisch, eben weil es nur um konkret Veränderungen in einer größeren oder kürzeren Zeitspanne geht. Der Zwang, täglich zu schreiben, erscheint mir wenig sinnvoll.

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