Von einem, der auszog, den Terror zu verstehen (Rezension)

Zugegeben, es erscheint ein bisschen gedankenverloren, das folgende Buch als Reiseliteratur im Gepäck zu haben – zumindest wenn man Heiligabend im Zug sitzt. Ich hatte ein paar Tage zuvor damit begonnen, „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* zu lesen. Quasi als logische Folge nach „Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden“ nahm ich mir das nächste Todenhöfer-Buch vor, das ähnlich vielversprechend klang. Und wie das so ist: Hat einen ein Buch erstmal gefesselt, kann man es nicht mehr aus der Hand legen.

Erst als ich auf meiner Fahrt die ersten Brauenhochzieher, Stirnrunzler und Augenaufreißer im Vorbeigehen bemerkte, war mir klar: Hoppla, der Titel ist ausgerechnet an Heiligabend wohl nicht die beste Wahl für das Lesevergnügen unterwegs. Don’t judge a book by its cover hin oder her, fortan legte ich das Buch ein wenig tiefer, damit man nicht sofort erkennen konnte, was draufstand. „Inside IS“ konnte schließlich gut missverstanden werden. Als Anleitung zum Beispiel: So kommst du da rein. Oder so ähnlich. Klar, das Werk trägt nicht umsonst den Aufkleber „Spiegel Bestseller“. Deshalb muss das Buch aber längst nicht jedem ein Begriff sein.

Na gut, nachdem ich sichergestellt hatte, nicht irgendwann als potentielle Terrorzelle aus dem ICE gezogen zu werden, indem ich das Cover besser verbarg, konnte ich weiterlesen. Nicht nur, dass ich noch ein paar Stunden Fahrtzeit vor mir hatte (ich wusste ja, dass ich nichts „Böses“ las), der Stoff war einfach zu spannend zum Weglegen.

Wie bei einem guten Krimi versteht es Jürgen Todenhöfer, den Leser bzw. die Leserin von Anfang an in den Bann zu ziehen. Ein hitchcockiger Mix aus Suspense und Surprise sorgt dafür. Wider Erwarten (für mich jedenfalls) beschreibt das Buch nicht nur die zehn Tage im ‚Islamischen Staat‘, sondern zunächst die ganze Vorgeschichte, wie es zu den zehn Tagen gekommen ist. Schließlich verschickt der IS keine Einladungen an Journalisten: „Hey, schaut doch mal vorbei und berichtet, wie es bei uns so ausschaut!“ Das Gegenteil ist der Fall. Journalisten haben sich wortwörtlich um Kopf und Kragen geschrieben. Denn Kritik ist im ‚Islamischen Staat‘ nicht gerngesehen. Ein Beweis dafür ist etwa das Video von der Exekution des US-amerikanischen Journalisten Steven Sotloff, dem IS-Terroristen den Kopf abgeschlagen haben.

Wer journalistisch tätig ist, möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden. Da erscheint es suizidal, zu dieser enthauptenden Gruppe zu reisen. Jürgen Todenhöfer hat es trotzdem vor. Nicht weil er lebensmüde ist, sondern weil er … neugierig ist und die Wahrheit wissen will. Bisher ist ja kaum einer lebend da rausgekommen. Ein bisschen wie Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ darf man sich fragen: Wo kommen dann all die Geschichten her, die wir in den Zeitungen lesen? Nur aus YouTube-Videos?

Todenhöfer nutzt Social Media, um an IS-Anhänger heranzukommen. Er schreibt einige an. In der Regel mit geringer Antwortquote. Salim, so sein Kampfname, schreibt zurück. Es folgen Skype-Interviews mit dem 30-Jährigen, die irgendwann wie aus heiterem Himmel abbrechen. Später erfahren wir, dass der Mann wohl getötet worden ist. Die Auszüge aus den Aufzeichnungen geben einen zugleich bewegenden wie ernüchternden (ja, das geht) Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der sich dem IS angeschlossen hat. Todenhöfer interessiert, was einen Menschen dazu treibt, einem solchen Tötungskult (nicht sein Wort) mit scheinbar religiöser Unterfütterung beizutreten.

Ein wichtiger Punkt sind die Jahrhunderte anhaltenden Kriege des Westens gegen den Osten. Okzident gegen Orient. Nicht erst seit Bush Juniors Irakkrieg haben verschiedene Koalitionen die Region in Angst und Schrecken versetzt. Die dafür vorgeschobenen Gründe – Massenvernichtungswaffen, Beteiligung an den Attacken des 11. Septembers etc. – haben sich für die großteils muslimisch geprägten Länder wie den Irak nicht bewahrheitet. Die einst von den USA an den Irak verkauften Waffen sind nie gefunden worden. Das Gros der 9/11-Attentäter stammte aus Saudi-Arabien, doch der „Krieg gegen den Terror“ ging gegen den Irak, dessen Bevölkerung nach Jahren von Sanktionen ohnehin am Boden lag.

Nur eine Folge von Krieg sind Flüchtlinge. Einige davon, nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus anderen kriegsgebeutelten Ländern der Region, sind unter anderem nach Europa geflohen, wo mittlerweile ein nicht-kontextualisierter Islam-Skeptizismus bis Islamhass die Runde macht. Ohne Kontext, weil das Mantra zu gelten scheint, das Todenhöfer auf S. 22 in einen Satz presst: „Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Muslim“ und nachsetzt, wie unsinnig eine solche Sicht ist.

Umgekehrt wird eine Tat wie der Anschlag in Bottrop Anfang dieses Jahres jedoch nicht mit „terroristisch“ oder „extremistisch“ in den Medien beschrieben, sondern als „fremdenfeindlich“ und enthält den Hinweis auf eine „psychische Erkrankung“ (das gilt nicht nur für den verlinkten Artikel). Doch was – als Terror – ist das gezielte Zusteuern mit dem Auto auf Menschen, egal welcher Herkunft, in einer Fußgängerzone? Muslime dieser Länder können sich angesichts des islamfeindlichen Klimas und solcher Berichterstattung also doppelt gebeutelt fühlen. Sie sind dem Krieg nicht entkommen. Er scheint sich in Europa auf anderer Ebene fortzusetzen.

Problematisch finde ich die folgende Passage im Buch aber dennoch:

In Deutschland wurde übrigens bis heute nicht ein einziger Deutscher durch „islamistische“ Terroristen getötet. Aber allein seit 1990 wurden in Deutschland 29 Muslime durch Rechtsradikale ermordet. (S. 22)

Was ist etwa mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016? (Anm.: nach Veröffentlichung des Buchs passiert) Dann gab es noch einen Anschlag auf eine Regionalbahn bei Würzburg im gleichen Jahr, jedoch ohne Tötungsopfer. Vermag Todenhöfer Recht zu haben? Die Liste mit rechtsextremem Motiv auf Wikipedia ist jedenfalls lang und steht in keinem Verhältnis zu den „islamistisch“ motivierten Anschlägen.

Zurück zu Salim. Obwohl ihn Todenhöfer als „einfach“ beschreibt, hat er ein recht differenziertes Bild von dem, was der IS für ihn bedeutet. Jedenfalls mehr als „Ungläubigen“ den Kopf abzuhacken. Er ist ein Mann voller Widersprüche und, wie Todenhöfer auch schreibt, ein „fast gutmütig wirkender“ Mann, ich würde ergänzen: naiv. Woran macht er das fest? Eine Frage ist in diesem Zusammenhang besonders interessant.

JT: Wenn jetzt bei euch ein Alawit durch die Straßen läuft, was passiert dann mit ihm?
Salim: Er hat seine Religion, ich habe meine Religion. Er greift mich nicht an, ich greif ihn nicht an. Dann kann er doch durch die Straßen laufen. […]
Man muss die Shariah verstehen. Einen Kinderschänder tötet sie. Wenn einer klaut, wird ihm jedoch nicht gleich die Hand abgehackt. Die Shariah wäre keine Shariah, wenn sie einem Armen die Hand abschlägt, der zu Hause nichts zu essen hat. Das ist keine Shariah. Die Art von Shariah, in der der König einen fetten Bauch hat und mein Nachbar hungert, will ich auch nicht. Das ist keine Shariah. Shariah ist, dass jeder essen kann, dass jeder das Recht hat auf Schutz, auf Frieden und dass jeder das Recht hat, sicher zu leben und nicht beklaut zu werden. Der Dieb bekommt die Hand nur ab, wenn er alles hat und trotzdem eine Frau beklaut. Das ist Shariah.
JT: Haben Sie jemals in Deutschland irgendwo etwas geklaut?
Salim: Ich habe in Deutschland viel Mist gemacht (lacht). Ich habe rumgedealt, Schläge ausgeteilt, rumgelogen, alles, was man so machen kann, habe ich gemacht, außer töten und so. (S. 60 f.)

Ganz anders ist der Mann, der Todenhöfer schließlich den Weg in den IS ebnet: Christian E. oder, wie er sich im IS als Kämpfer nennt, Abu Qatadah. Bevor Todenhöfer in den IS reist, lässt er sich über ihn eine Art Lebensversicherung besorgen: ein Schreiben vom Kalifen, das für ihn und seinen Sohn Frederic Schutz garantieren soll.

Noch bevor Todenhöfer in den IS aufbricht, trifft er sich, nach Absprache mit Christian E., mit dessen Mutter. Ihr Sohn tritt als schlau auf, aber als gleichsam kompromisslos. Wie über Nacht hat er sein Zuhause verlassen, um sich dem IS anzuschließen. Seine Mutter will, was wahrscheinlich jede Mutter will: ihren Sohn wiedersehen und in die Arme schließen.

Doch jemand wie Christian E. wird wohl kaum nach Deutschland zurückkehren. Jedenfalls nicht ungestraft. Er vertritt extremere Ansichten als Salim, wie sich exemplarisch an dieser Diskussion zeigt.

JT: Und was geschieht, wenn es irgendwo zu einer Vergewaltigung kommt? Wird der Vergewaltiger bestraft?
CE: Was verstehen Sie unter Vergewaltigung?
JT: Eine Frau zu zwingen, Verkehr zu haben.
CE: (Lacht.) Das ist immer relativ. Was bedeutet zwingen? Was bedeutet zwingen, wenn einem diese Person als Sklavin gehört?
[…]
Wenn man den Täter dabei erwischen würde, würde das als Unzucht und Hurerei klassifiziert. Wenn er verheiratet wäre, würde er zu Tode gesteinigt. Wenn er unverheiratet ist, bekäme er 100 Peitschenhiebe. Wenn sie aber seine Sklavin wäre, wäre das natürlich eine andere Geschichte. (S. 145)

Christian E. ist der, der Jürgen Todenhöfer und seinen Sohn gemeinsam mit einem vermummten Fahrer durch den IS führen wird. Wie das dort abläuft – ich sagte, es liest sich wie ein Krimi, nur dass es grausame Realität ist – soll der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin selbst herausfinden.

Ob es dem Autor gelingt, seine Mission – die Wahrheit über den IS zu schreiben – zu erfüllen? Bestimmt. Mit messerscharfer Genauigkeit seziert Todenhöfer die Hintergründe vom IS und zeichnet das überaus widersprüchliche Bild seiner Realumsetzung – samt Ämtern, Krankenhäusern und fast allem, was so zu einem Staat gehört. Eine funktionierende Post gibt es aber beispielsweise nicht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „Ein eindrucksvolles, bedrückendes und kluges Buch.“

Zusammenfassung:

  • Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* von Jürgen Todenhöfer
  • Hintergründe und Realität eines „Terrorstaats“ vor Ort
  • empf. VK-Preis: € 10,00 [D], € 10,30 [AT], CHF 14,50
  • Taschenbuch, erschienen am 12.12.2016
  • ISBN: 978-3-328-10083-6

Ich bedanke mich beim Penguin-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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