Rezension – „Hirn ist aus“ von Urban Priol

Es läuft zu unchristlicher Zeit, ist bitterböse und doch zum Lachen: politisches Kabarett. Wenn ich als Teenager länger aufbleiben wollte, dann häufig weil nachts noch ein Programm von Volker Pispers, Urban Priol oder Georg Schramm über den Schirm flimmerte.

Mittlerweile kann ich selbst entscheiden, wann ich das System genüsslich verhöhnen möchte. Das Internet macht’s möglich. Ach ja, und dann sind da noch CDs, DVDs und – Bücher.

Doch bei lauthalsen Querdenkern wie Urban Priol, nur echt mit steiler Ich-habe-in-der-Steckdose-geschlafen-Frise, fehlt bei der Lektüre etwas. Neben Kostüm und Aufmachung vor allem die Intonation.

Trotzdem war ich neugierig auf „Hirn ist aus“* von Urban Priol. Zusätzlicher Grund für eine zum Zweifel hochgezogene Augenbraue: Das Büchlein ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Es ist erstmals 2011 erschienen. Doch ist das nicht auch eine Chance?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Das Publikationsdatum fällt in die Hochphase der Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“, an die „Die Anstalt“, meiner Meinung nach, nie so recht anknüpfen konnte. Doch selbst zu diesem Zeitpunkt erscheinen viele der politischen Anekdoten in diesem Buch bereits veraltet.

Schließlich war die Ära von „Böps, dem Dicken“ zu diesem Zeitpunkt längst Geschichte. Trotzdem finden sich zahlreiche Anspielungen auf Helmut Kohl im Buch, dessen gefühlte Amtszeit für einige von uns noch länger als sechszehn Jahre angedauert hat. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass während er Bundeskanzler war, einige Umbrüche über uns hereinbrachen. Nicht zuletzt der Mauerfall und der Fall des Eisernen Vorhangs. Doch genauso wenig wie David Hasselhoff die Mauer eingerissen hat, hat sie Kohl gesprengt. Ehre, wem Ehre gebührt. Das war wohl eher Gorbatschow. Der Kanzler der Einheit war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Insofern liegt Helmut Kohl stets wie ein langer (und breiter) Schatten über dem wiedervereinigten Deutschland. Vielleicht holt ihn Urban Priol auch deshalb immer mal wieder aus der Versenkung. Ganz ehrlich: Seine Mimesis von Kohl ist aber auch legendär. Nur da sind wir wieder beim Problem. Da kann Priol noch so lautmalerisch in die Tasten hauen. An seine imititatorische Performance reicht das Schriftstück in Schwarz-Weiß nicht heran.

Dass er es trotzdem versucht, dass wir seine Stimme im Ohr haben, zeigt sich auch an der dialektnahen Wiedergabe von SPD-Kreuzfahrtschiffpassagieren. Trotzdem wirkt es am Ende einfach mehr gekünstelt als originell.

Eine Leseerfahrung macht das kapitelweise Schmökern (dieses Buch liest man nicht in einem durch) trotzdem für mich wertvoll. Die Erkenntnis: So viel hat sich eigentlich nicht verändert. Kandidaten und Kanzler kommen und gehen. Das Hamsterrad dreht sich immerfort weiter.

Und da denke ich wieder an Urban Priol, dessen Jahresrückblick „Tilt!“ traditionell auf immergleiche Weise mit den Worten schließt:

Das nächste Jahr wird mit Sicherheit wieder genauso bescheuert wie dieses. Machen wir das Beste draus.

Zusammenfassung:

  • „Hirn ist aus“* von Urban Priol, mit Illustrationen von Greser &Lenz
  • Highlights aus dem Schaffen des politischen Kabarettisten in Wort und Schrift
  • empf. VK-Preis: € 8,99 [D], € 9,30 [AT], CHF 12,90
  • Taschenbuch, erschienen am 11.04.2011
  • ISBN: 978-3-453-60195-6

Ich bedanke mich beim Heyne-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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