Essay schreiben für Caroline-Schlegel-Preis 2017

Das Wort „Traktat“ ist mir erstmals in Hermann Hesses Buch „Der Steppenwolf“ über den Weg gelaufen, das wir in der Schule lesen mussten. Dort wird ein Kapitel mit „Traktat vom Steppenwolf“ betitelt. Traktat – das ist eine Art Abhandlung, ein Aufsatz, ein Essay, kurzum: Ein gedankliches Experiment, das in Worte gefasst wird. Was mir damals irgendwie an dem Roman gefiel, finde ich heute nur noch gekünstelt. Die Gefahr des Gekünstelten besteht übrigens ganz allgemein, wenn man ein Traktat verfasst. Um möglichst ausgefallen zu klingen, wird die Sprache ins Unermässliche gehoben, während meist der inhaltliche Gehalt hintangestellt wird. Als ich jedoch vom Caroline-Schlegel-Preis erfuhr, war meine Neugierde geweckt.

Sprache, Stil und Recherche – so soll ein Essay aussehen

Der vom Romantikerhaus Jena vergebene Essay-Preis stellt drei Anforderungen an die potentiellen Preisträger und ihr Werk. Der Text muss sich „durch ein hohes sprachliches und stilistisches Niveau und eine solide Recherche auszeichnen“.

Das Thema kann frei gewählt werden und sollte auf zehn bis fünfzehn Seiten abgehandelt werden. Eine dreiköpfige Jury entscheidet darüber, wer den Hauptpreis (5.000 Euro) und wer den Förderpreis (2.500 Euro) erhält. Einsendeschluss ist der 30. Juni 2017. Ich werde mit einem Essay teilnehmen. Du auch?

 

 

 

Ab nach draußen: Das Medienstipendium der Nationalparks Austria

Vitamin D ist wichtig für Zähne, Knochen und das Immunsystem. Bei guter Sauerstoffversorgung kann man besser denken. Damit hätten wir gleich ein paar gute Gründe genannt, öfter mal den Schreibtisch zu verlassen und an die frische Luft zu gehen. Doch im Großstadtdschungel macht spazierengehen nicht immer Spaß. Was fehlt, ist das satte, inspirierende Grün unberührter Natur!

Wie gut, dass die österreichischen Nationalparks bereits zum dritten Mal ein Medienstipendium für junge Autoren, Journalisten und Videokünstler vergeben. Zwei Wochen lang darfst Du einen Nationalpark unsicher machen. Das Stipendium inkludiert Unterbringung und Verpflegung sowie eine geführte Wanderung mit einem Ranger, der auf die Besonderheiten des jeweiligen Nationalparks aufmerksam macht.

Na dann, ab nach draußen!

Bewerben kannst Du Dich noch bis 31. März. Hier geht’s zur Ausschreibung.

 

Musik und schreiben (mal wieder Autorenwahnsinn)

Mit etwas Verspätung möchte ich noch meinen Senf zum Autorenwahnsinn von letzter Woche abgeben.

Grundsätzlich höre ich sehr gerne Musik. Doch beim Schreiben muss ich unterscheiden, ob ich gerade kreativ schreibe oder zum Beispiel an einem Ratgebertext für die Arbeit sitze oder weiter über meinem Handbuch über Histaminintoleranz grüble, das irgendwie nicht recht fertig werden will …

Beim kreativen Schreiben mag ich Musik – gerne sogar mit Text. Klassische Musik, sofern es mich nicht allzu sehr aufwühlt, geht natürlich immer, aber manchmal darf auch gesungen werden. Momentan stehen Soul und Jazz ganz hoch im Kurs.

Ansonsten sind es generell Oldies, die hier aus den Lautsprechern dröhnen. Und wozu Musik beim kreativen Schreiben? Sie schickt meine Gedanken auf Reisen und manchmal ist es ganz spannend, wo ich am Ende gedanklich lande. Daher ist Musik vor allem für kurze Texte ein tolles gedankliches Transportmittel.

Wenn mir „richtige“ Musik zu viel beim Schreiben ist, mir aber die Totenstille Angst vor dem weißen Blatt macht, sorge ich mit Noisli für Hintergrundgeräusche.

Beim konzentrierten Arbeiten an längeren Texten (und Sachtexten) herrscht hier aber Funkstille.

Aller Anfang ist schwer …

Die heutige Frage beim #Autorenwahnsinn lautet: Wann und wie hast Du mit dem Schreiben angefangen?

Geht man in meiner Beitragsleiste nur weit genug zurück, findet man einen mit August 2004 datierten Beitrag. Hoppla, ein Gedicht. Der kurze Text ist sicher nicht mein erster, aber wohl doch der erste, den ich einer gewissen Öffentlichkeit preisgegeben habe. Seither habe ich mich mehr und mehr von der lyrischen Form entfernt, die gerade am Anfang sehr tonangebend war.

Die „gewisse Öffentlichkeit“ war damals meine Schule. Im sogenannten „Lesebogen“ der Schulzeitung erschienen regelmäßig Texte von mir und anderen Literaturbegeisterten, die an der Arbeitsgemeinschaft „Junge Autoren“ teilnahmen. Diesem kreativen Haufen habe ich viel für meine Laufbahn zu verdanken, da wir uns hier ganz unvoreingenommen über Texte austauschen konnten und zugleich eine Plattform erhielten. Mir hat die freiwillige Mitarbeit gezeigt, dass Schreiben tatsächlich ein realistisches Berufsziel sein kann, wovon meine Eltern jedoch erst noch überzeugt werden mussten.

Am Anfang habe ich meist nur Eindrücke, oft auch Gefühle verarbeitet. Später habe ich dann erste Geschichten wie diese gewagt, die sogar in einer Anthologie abgedruckt wurde. Heute schreibe ich mehr Auftragsarbeiten als mir lieb ist und hoffe, bald wieder zu kreativen Formen (Kinderbücher!!!) zurückkehren zu können. Davon leben zu können, ist nämlich tatsächlich nicht so einfach 🙂

Autorentagebuch anlegen: Erste Überlegungen

Im Grunde ist jeder Blog eine Art Tagebuch oder zumindest ein Journal oder eine Art Chronik. Jeder Eintrag erhält einen Datumseintrag und steht für sich allein und erlangt doch erst im Kontext des bisher Geschriebenen seine Bedeutung. Ein Ende ist nicht abzusehen, aber unumgänglich – schließlich lebt niemand für immer. Vielleicht verliert der Blogger aber auch irgendwann einmal die Lust am Schreiben. Im Gegensatz zum persönliches Tagebuch ist der Blog aber stets bereits für ein Publikum bestimmt, während das Tagebuch zunächst nur im Privaten entsteht.

Eine besondere Ausnahme ist „The Writer’s Diary: A Monthly Publication“ von Fjodor Dostojewski. Diese Ansammlung von Texten verschiedener Textgattungen, gespickt mit Ideen, Kommentaren, usw., die von 1873 bis 1881 monatlich (mit Unterbrechungen) von Dostojewski selbst veröffentlicht wurde, ist tatsächlich eine Art Vorläufer des Blogs. Mit diesem Werk möchte ich mich jedoch ein anderes Mal näher auseinandersetzen.

Sofern man nicht Leo Tolstoi ist, der auf seine späten Tage offenbar seine Familie im Tagebuch mitlesen lassen hat, wird der Inhalt des Tagebuchs – zumindest zu Lebzeiten – der Öffentlichkeit vorenthalten. Im Tagebuch hat man Raum, Ideen und Eindrücke zu reflektieren. Man richtet die Worte an sich und geht zuweilen auch mit sich selbst ins Gericht. So lässt sich auch erklären, warum ich trotz Blog noch ein Tagebuch „nur für mich“ anlegen möchte. Ohne Mitleser und Kommentarfunktion soll mir dieses kleine Buch ein stetiger Begleiter werden.

Welches Tagebuch?

Zunächst einmal stellt sich heutzutage die Frage: Digital oder analog? Diese Frage habe ich, wie man sieht, blitzschnell für mich mit „analog“ beantwortet. Als hauptberufliche Texterin hänge ich ohnehin einen Großteil des Tages am Bildschirm. Da freuen sich vor allem die Augen über etwas Abwechslung. Grundsätzlich kann man aber auch am PC Tagebuch führen oder eine App am Tablet oder Smartphone nutzen, wenn man sowas hat.

Für mich ist die analoge Haptik jedoch entscheidend. Ich benötige ein Buch, das ich gerne in die Hand nehme, das sich gut anfühlt (ich mag die Strukturoberfläche des obigen Buchs), das klein genug ist, dass man es immer mitnehmen kann und groß genug ist, um darin Ideen auszubreiten. Gründe, warum ich genau dieses Buch als Tagebuch auserkoren habe:

  • Haptik
  • Größe: A6
  • absoluter Freiraum: keine Karos, keine Linien, einfach blank
  • Stiftehalter (so muss ich den Stift in der Handtasche nie suchen)
  • Fächer vorne und hinten für lose Zettel
  • Seitenzahl für bessere Übersicht

Schreibszene?

Nachdem ich also mein Tagebuch habe, stellt sich die Frage: Womit schreibe ich? Bleistift? Kugelschreiber? Füllhalter? Fineliner? Tintenroller? Grundsätzlich liebe ich meinen aufziehbaren Füllhalter Pelikan GO, der heute leider nicht mehr hergestellt wird. Mittlerweile läuft der aber manchmal aus und ist gerade für unterwegs (das Tagebuch wird vielleicht auch Notizbuch) nicht die richtige Wahl. Ansonsten schreibe ich am liebsten mit Bleistift. Das Geräusch und die Druckspuren auf dem Papier faszinieren mich genauso wie die feinen Absplitterungen von Graphit, die sich bei einem frisch gespitzten Bleistift nach und nach lösen. Für unterwegs mag ich Kugelschreiber und Tintenroller, einfach aufgrund praktischer Gesichtspunkte. Überlegungen zur Schreibszene befassen sich jedoch nicht nur mit dem Schreibmaterial, sondern auch mit Fragen wie: Wo und wann schreiben? Am liebsten morgens oder abends. So kann ich mir einmal täglich vornehmen, zumindest irgendetwas für mich zu Papier zu bringen. Daneben ist das Buch jedoch auch sonst stets aufnahmefähig für Ideen.

Wie anfangen?

Doch was soll nun hinein ins Tagebuch? Um mir bei dieser Frage etwas auf die Sprünge zu helfen, habe ich mir „Schreiben Tag für Tag“ aus der Duden-Schreibschule-Reihe bestellt. Christian Schärf stellt in diesem Handbuch verschiedene Techniken für das Tagebuchschreiben vor und liefert zur Veranschaulichung prominente Beispiel von Goethe bis Kafka. Das Buch beginnt mit allgemeinen Überlegungen und stellt dadurch Eigenheiten des Tagebuchschreibens heraus:

Jede Unterhaltung ist von der prinzipiellen Unvorhersehbarkeit der Antwort des anderen geprägt und wird von der Offenheit der Konversation in Spannung gehalten. Ganz anders verhält es sich im Tagebuch, in dem stets der Monolog vorherrscht.

Oder:

Das Tagebuch ist und bleibt ein intimes Instrument der Selbstverständigung.

Am Ende jeden Kapitels findet sich eine Schreibaufgabe. Das Buch beginnt mit sehr einfachen, teils stark verkürzten Tagebuchformen in elliptischer oder stichpunktartiger Schreibweise und geht später über zu erzählenden Schreibformen, die bereits einen gewissen literarischen Charakter haben.

Eigentlich ist eine erzählte Chronik für Leser geschrieben. Sie weist bereits alle kommunikativen Merkmale eines literarischen Textes auf. Allerdings gibt es auch einen Typus des Tagebuchschreibers, der das Erlebte sich selbst erzählen muss, um überhaupt Aufzeichnungen anfertigen zu können.

Oder um es mit Dostojewski (engl. Übersetzung) zu sagen:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some thought, without being translated into human language, never mind into literary language.

Mich haben aber vor allem die verdichteten Formen interessiert, getreu dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“. Außerdem habe ich mir ein paar interessante Begriffe herausgepickt, so zum Beispiel „prismatischer Infantilismus“ (von Gottfried Benn), was so viel wie Offenheit für alles bedeuten soll. Man soll den Blick für die alltäglichen Geschehnisse schärfen und wie ein Kind auf die Welt schauen. Die Eindrücke werden dann in einem bunten Prisma gebündelt.

Am Duden-Buch selbst gefällt mir die raue Beschaffenheit des Buchdeckels und -rückens. Das handliche A5-Format und natürlich die abgerundeten Ecken. Oh ja, viel mehr Bücher sollten abgerundete Ecken haben!

Praktisch: Die Schreibaufgaben sind farblich markiert, so dass man sie mit einem Blick auf den Rand findet und gezielt aufschlagen kann.

Mit dem Tagebuchschreiben will ich mehrere Ziele verfolgen. Daher werde ich mich nicht für einen speziellen Stil entscheiden. Listen, Stichpunkte sind praktisch und kurz.

Von Anfang an geht es um Listen von Büchern, die sie [Susan Sontag] zu lesen sich vorgenommen hat, um das Hören und Beurteilen von klassischer Musik und um die Malerei der Moderne, die sie in den unterschiedlichsten Museen der Welt aufsuchen will. Sich über Sachverhalte, Konstellationen, Urteilsbegründungen und Debatten aller Art klar zu werden ist ein Zweck des Tagebuchs, das sie führen wird.

So lassen sich Geistesblitze oder „Raketen“ (Charles Baudelaire) gut notieren. Manchmal möchte man aber vielleicht einen Traum oder eine Stimmung festhalten – da muss dann schon ein wenig erzählt werden. Mein „Lektüretagebuch“ wird dieser Blog bleiben.

Ein anderes, im Buch vorgestelltes, wie ich finde, überaus interessantes Projekt, wenn wir von Lektüretagebüchern sprechen, scheint Jochen Schmidts Blog über seine Marcel-Proust-Lektüre zu sein (mittlerweile auch in Buchform erschienen). Der Reiz hier ist das etwas eingestaubte Proust-Buch im Kontrast zur modernen Schmidt-Rezeption.

In Zukunft sollen hier auf dem Blog auch mal politische Themen besprochen werden. Notizen zu diesen Themen sind jedoch auch in meinem privaten Tagebuch gern gesehen.

Es geht nun aber nicht mehr um die pure Selbstenthüllung, sondern um die Durchdringung von Ich und Welt, wie sie im Klangraum der eigenen Wahrnehmung erscheint und mittels der Schrift aufbewahrt werden soll.

In jedem Fall ist Tagebuchschreiben ein selektiver Prozess. Es wird genau ausgewählt, was aufs Papier kommt. Viel wichtiger noch:

Schreiben schafft Bedeutung und damit Wirklichkeit über die Modellierung von Formen. „Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen“, sagt Wittgenstein […].

Das habe bereits in diesem Beitrag beschrieben.

Damit all das in später noch durchschaubarer Weise ins Tagebuch wandert, ist ein System vonnöten. Klar, Datumsangaben helfen. Darüber hinaus können Themen wie „Traum“ mit „T:“ oder „Ideen“ mit „I:“ markiert werden. Gesellschaftlich Relevantem oder Politgeschehen kann ebenfalls ein Kürzel wie „P:“ zugewiesen werden. Auch farbliche Hervorhebungen (Schreibfarbe) sind möglich. Einrahmungen, Unterstreichungen und schließlich auch Haftnotizen in verschiedenen Farben sind denkbar, um bestimmte Einträge hervorzuheben. Wer möchte, kann auch Zeitungsausschnitte, Glückkekszettel, Fahrkarten oder was auch immer mit ins Tagebuch kleben.

Am Ende entsteht so eine ganz persönliche Chronik mit Gedanken und Ideen vor dem Kontext des „Weltgeschehens“, das man selektiv mit ins Buch genommen hat. Später kann es sehr reizvoll sein, noch mal in diesen Skizzen, Stichpunkten und Kurzerzählungen zu lesen. Manches möchte man vielleicht zu einer „richtigen“ Geschichte ausformulieren.

Schreibst Du Tagebuch? Und wenn ja, dann täglich oder nur sporadisch?

Was kommt bei Dir ins Tagebuch? Erzähl doch mal! Ich bin gespannt.

 

Figurensteckbriefe – Autorenwahnsinn

Obwohl ich momentan an einem Sachbuch sitze, schließt das natürlich das Schreiben von Erzählliteratur nicht aus. Neben mehreren fertigen Kinderbüchern, die auf Veröffentlichung warten, befindet sich in meiner Schublade ein heranwachsender Roman. Um den Überblick über die einzelnen Figuren zu behalten, bekommt jeder Charakter einen eigenen Steckbrief.

Figurensteckbrief

Wie sieht so ein Steckbrief aus? Auf einer Seite versammle ich ein paar Fakten in Stichpunkten zum Aussehen und anderen Personendaten (Größe, Augenfarbe, Haarfarbe [wenn vorhanden], Herkunft, Sprache/Dialekt,Verwandtschaft/Freundschaft zu anderen Figuren, etc.).

Bei Bedarf wird das Ganze mit einer Illustration, einem Zeitungsausschnitt, einem Foto oder mehreren als Vorlage versehen.

Zusätzlich gibt es zwei „Top 10“-Listen mit einerseits Dingen, welche die Figur mag und andererseits Dingen, die sie verabscheut. Man muss sich hier nicht zwingen, wirklich immer zehn Fakten zusammenzutragen. Vor allem zu Beginn darf hier einiges ausgespart werden, das später noch ergänzt wird.

Ganz unten ist Platz für weitere Anmerkungen wie besondere Eigenheiten.

So ist eine A4-Seite schnell gefüllt. Trotzdem habe ich alle wesentlichen Fakten auf einen Blick parat. Alles, was mir sonst noch einfällt, kommt in die „Akte“.

Die Akte: Figurenmappe

Weil sich natürlich niemand auf einer Seite zur Zufriedenheit beschreiben lässt, lege ich zusätzlich zu diesem Steckbrief, der quasi als Deckblatt fungiert, eine Akte an. In diese Akte oder Figurenmappe wandern lose Zettel, mit allem, was mir zur Figur als wichtig erscheint. Schließlich entwickelt sich eine Figur im Laufe des Schreibprozesses, so dass immer etwas dazukommt.

Auch der Steckbrief muss vor Schreibbeginn nicht vollständig ausgefüllt sein. Das würde mich auch zu sehr blockieren. Ich würde anfangen, mich auf bestimmte Eigenschaften zu stürzen und von der eigentliche Geschichte abkommen.

Was machen mit Steckbrief und Akte?

Ziel dieser Figurenbeschreibung ist es, seine Charaktere in- und auswändig zu kennen. Oder wie ich einmal bei einem Schreibworkshop gelernt habe: Man muss mit seinen Figuren Kaffee trinken gehen können. Sie müssen plastisch werden, echt und anschaulich. Richtige, authentische Persönlichkeiten zum Anfassen. Wenn mich nachts jemand weckte, müsste ich fähig sein, ohne große Überlegung, meine Figuren vorzustellen.

Im Buch müssen am Ende durchaus nicht alle Fakten aus Akte und Steckbrief landen. Im Gegenteil, wie im echten Leben auch, sorgt etwas Geheimniskrämerei auch für Spannung. Der Leser muss nicht immer alles wissen, ich aber schon, sonst wird meine Figur wässrig, durchlässig und entwickelt am Ende wahrscheinlich eine Reihe von ungewollten Widersprüchen.

In erster Linie ist so eine Übersicht natürlich wichtig, um nicht plötzlich der brünetten Hauptfigur eine blonde Mähne zu verpassen oder sonstige Flüchtigkeitsfehler zu begehen.

Roman? Autobiografie? Autobiografischer Roman! (Rezension)

Warum schreiben wir eigentlich?

Es gibt viele Gründe, etwas Verschriftlichtes für die „Nachwelt“ festzuhalten. Vielleicht wollen wir uns später an wichtige Momente unseres Lebens erinnern und schreiben deshalb Tagebuch. Vielleicht wollen wir den Überblick über gesellschaft-politisches oder kulturelles Geschehen behalten? Dann bietet sich eine Chronik oder ein Archiv an, wo wir Relevantes nach Kategorien geordnet sammeln können. All diese Scheibformen sind jedoch nicht nur reflexiv – wir reflektieren uns und unsere Umgebung, sondern auch nach innen gerichtet – introspektiv. Der eigene Blick auf die Welt bzw. wir selbst stehen im Vordergrund des Geschriebenen, das zunächst einmal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wir fertigen Notizen und Erinnerungen an, die nur wir oder höchstens ein ausgewählter Leserkreis lesen dürfen. Die Ausnahme bilden posthum veröffentlichte Tagebücher, sei es von Autoren oder anderen berühmten Persönlichkeiten. Ich denke hier zum Beispiel an „Das Tagebuch der Anne Frank“ oder „A Writer’s Diary“von Fjodor Dostojewski.

Tatsächlich beginnen viele Schreibtalente mit solchen Aufzeichnungen über die Realität und derartigen Reflexionen des Erlebtem ihre Schreibkarriere. Sie beginnen (Reise-)Tagebücher und Essayistisches aufzuschreiben, bevor sie sich größeren Schreibprojekten und dem Fiktivem zuwenden.

So ähnlich und doch ganz anders war das bei Hanns-Josef Ortheil. Dieser zeitgenössische, deutsche Autor beschreibt in „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“seinen Weg zum Schriftsteller – oder Autor. Zweiteres gefällt mir besser. Das dem Griechischen entlehnte Wort Autor von αὐτός = selbst klingt selbstständiger und weniger nach Schreiberling für irgendein Käseblatt, das Schriften, also Auftragsarbeiten, erstellt. Vom Griechischen ist das Wort ins Lateinische übergegangen, wo passend zum Adjektiv αὐτός das Substantiv auctor = Urheber, Schöpfer entsteht, also jemand, der aus sich selbst heraus etwas (er)schafft.

Es liegt also irgendwie bereits im Worte, dass wir stets aus uns selbst heraus schreiben, bevor wir für jemanden schreiben.

Schreiben als Passion, Sucht und zur Selbsthilfe

Manchmal wird das Schreiben und damit auch das Autordasein aus der Not geboren. So ist es bei Hanns-Josef Ortheil im Extremen gewesen und so ist es bei den meisten in wenngleich abgeschwächter Form. Auch für mich ist Schreiben stets ein sicherer Rahmen, ein Rückzugsort gewesen, wo ich aus der großen, weiten Welt Sinn für mich im kleinen Stil machen konnte.

Hanns-Josef Ortheil ist „das Kind, das schreibt“. Während er die ersten Jahre seines Lebens stumm gewesen ist. Genau wie seine Mutter, der es nach dem Verlust dreier Kinder die Sprache für lange Jahre verschlagen hatte, spricht Hanns-Josef als junges Kind nicht. Kurz bevor er eingeschult werden soll, beginnt zunächst sein Vater ein Projekt, das später auch die Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder spricht, wenn auch nur wenig, auf ihre Weise unterstützen wird: Eine Schreibschule der besonderen Art: Ohne universitäre Anleitung oder Vorbildung nach gewissen Normen oder sonstwas lehrt der Vater dem Jungen die Welt der Worte. Wohlgemerkt der Worte und nicht der Buchstaben! Denn das Erlernen einzelner Buchstaben macht für den Jungen einfach keinen Sinn, aber Worte, die haben Sinn und Bedeutung. Tja und genau darum geht es in „Der Stift und das Papier“. Um die Geschichte, wie der Junge, der einst nicht gesprochen hat, nun über das geschriebene Wort auch das gesprochene entdeckt. „Roman einer Passion“ lautet der Untertitel, doch ist das hier ein Roman? Und wenn ja, was für einer? Ist es nicht eine Autobiografie bis zum jungen Erwachsenenalter? Ein autobiografischer Roman? Ein Künstlerroman über den späteren Autor? Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman, der uns die Entwicklung vom „Kind, das schreibt“ zum Autor nachvollziehen lässt? Irgendwie alles ein bisschen.

Anleitung zum Schreiben

Daneben ist das Buch aber noch mehr und geht über die Geschichte von einem Jungen, Hanns-Josef Ortheil (den man wirklich mit Doppel-N schreibt), hinaus und lässt auch uns Leser an der zunächst nur väterlichen Schreibschule, später elterlichen Schreibschule, teilhaben. Somit ist „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ auch ein Handbuch, ein Leitfaden und ein Wegweiser für Schreibinteressierte und Schreibwütige. Wer das Buch überall mit hinnimmt, weil es eins der Lieblingsbücher geworden ist (ja!), mag es auch als Vademecum bezeichnen.

Der Vater im Buch (großer Hemingway-Fan, Geodät, Logiker mit genauen Vorstellungen von allem und der Welt, mit striktem moralischen Kompass sowie einer gehörigen Prise Begeisterungsfähigkeit) erinnert mich gleich zu Beginn, als ich all das in Klammern Geschrieben (bis auf Geodät) noch nicht weiß, ein bisschen an meinen eigenen Vater. Der ist Ingenieur gewesen (jetzt im wohl verdienten Ruhestand), wollte aber eigentlich mal Karikaturist oder Pilot werden. Ein kreativer Logiker vielleicht? Oder ein logisch veranlagter Kreativer? Wie auch immer. Entzündet wurde die Erinnerung oder der Vergleich mit dieser fabelhaften Textstelle:

Papa streicht mit der Hand über das milchige, dünne Papier. Er prüft, ob es auch wirklich fest und straff sitzt. Ich sitze neben ihm und streiche jetzt auch über das merkwürdige, fremde Papier. Es bedeckt den Tisch wie eine Haut. […] Jedenfalls fühlt sich dieses Papier sehr gut an, und es sieht auch nicht so abweisend und streng aus wie normales weißes Papier.

Gemeint ist Pauspapier, das der Vater für die Arbeit benötigt. Ich habe seit jeher eine besondere Vorliebe für kariertes Papier zum Schreiben und Millimeterpapier, weil das bei uns immer vorhanden war. Daneben hat mein Vater manchmal großflächiges Papier, das als Schreibtischunterlage diente, mit nach Hause gebracht. Da konnte man sich ganz anders entfalten als auf liniertem Papier (das hasse ich) oder „normalem weißen Papier“.

Es dauert eine Weile, bis ich alle Stifte gut gespitzt habe. Sie liegen jetzt dicht nebeneinander, wie eine Mannschaft, die zu einem Spiel antreten soll. Papa nimmt einen Stift nach dem andern in die rechte Hand und zieht mit jedem eine gerade Linie. Die Linien verlaufen genau untereinander und sind etwa gleich lang. Dann legt er die Stifte wieder hin und lässt mich ebenfalls lauter Linien untereinanderziehen. Plötzlich bemerke ich, dass die Stifte nicht gleich, sondern sehr verschieden sind. Einige sind hart und kratzen über das Papier, andere sind aber zu weich und dick, so dass keine dünnen, feinen, sondern breite und verschmierte Linien entstehen. Papa zeigt mir, dass auf jedem Stift einige Buchstaben und Zahlen stehen: HB, 2B, 3B … Dann zieht er noch einmal mit jedem Stift eine Linie und schreibt die Buchstaben und Zahlen, die zu dem Stift gehören, neben die Linie. Er sagt, ich solle so wie er noch einmal alle Stifte benutzen und Linien ziehen, aber ganz vorsichtig, „hauchdünn“. Als er „hauchdünn“ sagt, zieht er die Schultern etwas hoch.

Und ja, Ihr habt es erraten. Ich liebe es mit Bleistift zu schreiben. Bis vor der Lektüre hätte ich auch nicht den Finger darauf legen können, warum. Aber es ist genau die besondere Haptik vom Bleistift auf Papier. Das Geräusch, das leichte Absplittern von Graphit, wenn man etwas stärker aufdrückt, das Durchdrücken/die Spuren, die dabei auf der Rückseite des Papiers entstehen und der ganz eigentümliche Geruch von Bleistift. Und ja, zugegeben, auch der Geschmack … Ich bin ein Bleistiftkauer, wenn ich nachdenke.

So sieht man mich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Korrigieren (hier Bachelorarbeit) stets mit Bleistift.

Daneben mag ich Füllfederhalter. Die altmodischen. Die ohne Patronen. Also die, welche aus dem Fass direkt mit Tinte befüllt werden. Die auf Englisch so liebevoll „fountain pen“ genannt werden – wörtlich: Springbrunnenstift. Hat doch was? (Die einem beim Schreiben so schön die Hände einsauen.)

Meine Mutter ging das Schreiben, Zeichnen und andere verwandte Gestaltungsformen stets etwas chaotischer an als mein Vater. Sie hat mich, daran erinnere ich mich gut, noch vor dem Einschulalter regelmäßig mit Schreib- und Malmaterial aller Art versorgt. Der riesige Wohnzimmertisch, der eigentlich Esstisch war, wurde zum kreativen Refugium. Hier hat sie buntes Tonpapier, Kleber, Wachsmalkreiden und was nicht alles verteilt und dann hieß es: „Nun mach mal“. Ich hatte völlig freie Hand und konnte kritzeln, malen, kleben, zusammenfügen, was ich wollte. Dabei konnte ich die unterschiedlichen Eigenschaften von Papier und Stiften genau erkunden und erproben, so dass ich eigene Lieblinge entwickeln konnte. Filzstifte finde ich zum Beispiel doof, aber Tuschefarben und Buntstifte sind was Feines. Der feste Tonkarton erlaubt auch das Schreiben und Malen mit harten Stiften, ohne dass er reißt. Kombiniert man Komplementärfarben oder mischt Farben, entstehen tolle Kontraste oder interessante Farbspiele.

In Zeiten wie diesen, in denen immer mehr ABC-Schützen das Handschreiben schon gar nicht mehr beigebracht wird oder eine lapidare handgeschriebene Druckschrift anerzogen wird, sind gutes Schreibwerkzeug und ein Freiraum (meist zuhause) für kreatives Gestalten und vor allem Erkunden sowie Entdecken nach individuellen Vorstellungen besonders wichtig. Also danke, Mutti. Jeder sollte ab und an mal Stifte in die Hand nehmen, nur um festzustellen, wie der Kopf dabei ganz anders „synapsiert“.

Genau dieses Tempo der Schrift mit Hilfe der Maschine irritiert mich. Ich nehme mir deshalb vor, niemals mit zehn Fingern, sondern immer nur mit den beiden Zeigefingern zu schreiben. Dann eilt das Tippen meinem Denken nicht davon, sondern begleitet es. (Bis heute habe ich mich an diese Art des Tippens gehalten, selbst an einem Laptop tippe ich mit zwei Fingern, was unter lauter gut erzogenen Zehnfinger-Tippern, zum Beispiel in ICE-Zügen, einen skurrilen, altmodischen Eindruck macht.)

Egal! Denn:

Versuche ich nämlich, einen eigenen, gerade entstehenden Text zu tippen, so lenkt mich das Tippen jedes Mal ab. […] Ist der Text auf diese Weise getippt, scheinen die Hämmerchen mir zuzurufen: „Na und? Wie geht es weiter? Auf, los, mach doch!“

Tatsächlich haben Schreibmaschinen im Besonderen sowie auch Laptops in abgeschwächter Weise einen eigenen Schreibkopf, wie mir scheint. Das gilt aber auch für andere Medien:

Eine Postkarte ist viel besser als ein Telefongespräch. Ein solches Gespräch dauert höchstens ein paar Minuten und geht rasch vorüber. Da man sich während des Gesprächs beeilen muss, gerät man in Panik und redet lauter Unsortiertes. Man stammelt, wiederholt sich und spricht, wenn man steckenbleibt, über das Wetter.

Für mich ist das Schreiben (im Gegensatz zum Texten – ich unterscheide da strikt, wie zwischen Schriftsteller und Autor oder Texter und Autor) keine Pflicht, sondern Genuss, meist sogar Sucht.

Nein, das Schreiben ist keine „Arbeit“, sondern eine Abwechslung, schließlich kann ich ja nicht laufend gehen, stehen, essen, trinken, weitergehen, stehen, sehen, essen, trinken, laufen, schnaufen … Das wäre furchtbar langweilig und eintönig. Erst das Schreiben bringt in das Leben die nötige Abwechslung, viele Gedanken und auch reichlich Freude.

Kein Wunder also, dass für Hanns-Josef Ortheil sowie für mich das Schreiben ein Muss ist und mehr noch: ein Wollen.

Jetzt, am Ende dieses langen Textes, weiß ich, warum das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich geschaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mir „das Kind, das schreibt“. Schreiben ist für mich ein durch und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich damit auf, erlischt diese Empfindung sofort. So dass ich – möglichst bald und möglichst ohne längere Unterbrechung – wieder mit dem Schreiben beginnen muss.

Zusammenfassung

  • „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ von Hanns-Josef Ortheil
  • Buch über das Schreiben und vom Autorsein und -werden
  • gebundenes Buch mit Schutzumschlag
  • empf. VK-Preis: € 21,99 [D], € 22,70 [A], CHF 29,90
  • erschienen am 9.11.2015
  • ISBN: 978-3-630-87478-4

Ich bedanke mich beim Luchterhand-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Weihnachtsgeschenk gesucht: Wie wär’s mit diesem Hörbuch? (Rezension)

Märchen sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Sie entstammen einer oralen Erzählkultur und prägen von klein auf unsere kulturelle Identität. In ihnen haben Hexen, Zauberer, Prinzessinnen und Prinzen, Königinnen und Könige sowie Schneiderlehrlinge, Mägde und Kinder die Hauptrolle. Daneben treffen wir allerlei Fantasiegestalten von Zwergen, über Wichtel, bis hin zu Meerjungfrauen.

So vertraut uns Figuren wie Rotkäppchen, die böse Stiefmutter von Schneewittchen oder Hänsel und Gretel auch sind, wir wissen eigentlich sehr wenig über sie. Wo kommen sie her und warum sind sie geworden, wie sie sind? War Schneewittchens Stiefmutter schon als Kind so unausstehlich und wie heißen eigentlich die Eltern der sieben Zwerge? Das sind Fragen, die uns Märchen nicht beantworten. Hier haben wir es mit Archetypen von Gut und Böse zu tun. Die Helden und Heldinnen sind festgelegt und nicht etwa Teil eines bürgerlichen Entwicklungsromans.

Trotzdem wäre es doch ziemlich interessant, etwas Ahnenforschung bei der einen oder anderen Figur betreiben zu können. Vielleicht ließe sie sich dadurch besser verstehen? Wie ist zum Beispiel der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann geworden? Der kann ja schließlich auch nicht einfach mit weißem Rauschebart und roter Pudelmütze auf die Welt gekommen sein! Wer sind dann also seine Eltern und warum verteilt er einmal im Jahr so gerne Geschenke an Kinder?

Basierend auf dem Buch von Matt Haig begeben wir uns in dem Hörbuch „Ein Junge namens Weihnacht“ auf eine fantastische Reise zu den Wurzeln des Weihnachtsmanns.

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Der kommt natürlich aus Finnland und ist auch einmal Kind gewesen. Nikolas heißt der kleine Junge, der später Geschenke an Kinder in aller Welt verteilen wird. Doch bis dahin hat er selbst einige Abenteuer zu überstehen, die seinen Glauben an die Menschheit nachhaltig erschüttern könnten, es aber zum Glück doch nicht tun.

Der Schauspieler, Hörbuch- und Synchronsprecher Rufus Beck entführt uns in die kindliche Weihnachtswelt von Nikolas und verleiht nicht nur ihm, sondern auch den Elfen, Trollen und der garstigen Tante von Nikolas eine Stimme. Nach vier CDs wissen wir endlich, wie der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann geworden ist!

Zusammenfassung

  • „Ein Junge namens Weihnacht“, Lesung mit Rufus Beck
  • Hörbuch: Wie wurde der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann?
  • empf. VK-Preis: € 14,39 [D]
  • 4 CDs, erschienen am 14.10.2016
  • ISBN: 978-3862318292

Ich bedanke mich bei LizzyNet für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder von LizzyNet, noch vom Autor, Sprecher oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Über Erzählperspektiven (Rezension)

Jeder Roman verfügt über eine Erzählperspektive. Der Autor kann als auktorialer Erzähler die Geschichte erzählen und kommentieren. Der allwissende oder auktoriale Erzähler weiß um jede Figur, ihre Gefühlswelt und Vergangenheit. Nahezu gottgleich lenkt er die Figuren und kann den Leser wissentlich in die Irre führen, denn der auktoriale Erzähler kann sich Zeitsprüngen frei bedienen. Er weiß stets, was war und was kommen wird.

Anders ist das beim personalen Erzähler. In der Er-/Sie-Form wird aus der Perspektive einer oder mehrerer Personen berichtet. Dieser Erzähler kann nur Vermutungen anstellen, was in den anderen Figuren vorgeht. Er weiß nur so viel, wie die Person, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird.

Ein sehr zurückgenommener Erzähler, der sich jeden Kommentars enthält und auch Innensichten vermeidet, wird als neutral bezeichnet. Da er nicht ins Geschehen einzugreifen scheint, fällt er fast nicht auf. Die Geschichte scheint wie von selbst zu laufen. Der neutrale Erzähler kommentiert nicht, er berichtet. Zuweilen spricht man auch von der neutralen Erzählperspektive, wenn gar keiner auftritt, wenn das Buch vorwiegend aus Dialogen besteht.

Eine Sonderposition nimmt der Ich-Erzähler ein, denn dieser kann Merkmale der anderen Erzählperspektiven in sich vereinen. So gibt es den Ich-Erzähler, beispielsweise wenn er rückblickend eine Geschichte erzählt, der beinahe so allwissend wie der auktoriale Erzähler erscheint. Mittlerweile hat er zum Beispiel in Erfahrung bringen können, wie es anderen Personen damals erging, was sie gemacht und gefühlt haben. In diesem Fall spricht man auch vom erzählenden Ich.

Handelt es sich um eine Art Tagebuchschreibweise, ähnelt der Ich-Erzähler gewissermaßen dem personalen Erzähler. Man spricht vom erlebenden Ich, wenn er nur aus seiner Perspektive erzählt.

Für beide Formen des Ich-Erzählers gilt, er kann nur das erzählen, was er weiß, selbst erlebt hat oder was ihm erzählt wurde.

In einigen Werken wechselt die Erzählperspektive zuweilen, etwa um einen besseren Einblick in das Leben verschiedener Personen zu gewähren. Ein besonderes Beispiel hierfür ist mir kürzlich in Form eines Liebesromans in die Hände gefallen. Ja, richtig gelesen: L-I-E-B-E-S-R-O-M-A-N. Das ist der Teil in der Belletristikabteilung, der mich in der Regel nicht anspricht, wäre da eben nicht diese interessante Erzählperspektive gewesen.

In „Miss You“ von Kate Eberlen wechseln sich zwei Ich-Erzähler, Tess (eigentlich Teresa) und Gus (eigentlich Angus), ab.

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Bis dahin dachte ich, dass diese Erzählform, die gerade sehr en vogue zu sein scheint, ausschließlich etwas für Krimis und Thriller à la Dan Brown ist.

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Ganz daneben lag ich mit meiner Annahme übrigens nicht. „Miss You“ ist tatsächlich eine Art „Krimi“. Am Anfang steht jedoch kein Mord, sondern eine ähnlich „fatale“ Begegnung. Tess ist mit ihrer Freundin Doll auf Interrailreise in Italien. Gus ist mit seinen Eltern in Florenz. Nur wenige Augenblicke verläuft ihre Geschichte parallel. (Nein, kein Mörder in der Dusche.) Sie stehen in der Schlange einer Eisdiele in Florenz. Da steht Gus und da ist Tess, die ein paar bescheidende Worte miteinander wechseln. Doch wie das manchmal im Leben so ist, tauschen die beiden keine Telefonnummern aus und verlieren sich wieder aus den Augen. Das Ganze einen „Urlaubsflirt“ zu nennen, wäre wohl schon zu hoch gegriffen.

Gewicht erhält die Beziehung zwischen beiden, die eigentlich (noch) keine ist, durch zufällig eingewobenen Begegnungen. Denn Tess und Gus leben beide in England. Ohne es zu wissen, ziehen sie auch nach dem Urlaub Bahnen, die offenbar zusammenlaufen sollen. Doch irgendwie verpassen sie sich immer. Und irgendwie fehlt beiden immer etwas zum Glücklichsein (daher der doppeldeutige Titel – „miss“ für „verpassen“, aber auch „vermissen“ und „fehlen“).

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Selbst wer keine Liebesromane mag, kann anhand von „Miss You“ studieren, wie man ein Buch clever und spannend aufbauen kann. In Manierismus, also in übertriebene Künstelei, sollte man dabei dennoch nicht verfallen, was Kate Eberlen durchaus gelingt.

Inhaltlich hat mich das Buch jedoch wenig überzeugt. Trotz der spannenden und modernen Erzähltechnik kann Kate Eberlen nicht über ihren klassischen Entwicklungsroman hinwegtäuschen. Das Buch spannt den zeitlichen Erzählrahmen von 1997 bis 2013. Typische Eckdaten und Phänomene dieser Epoche mussten also auch ins Buch: von 9/11, über Tinder, bis hin zu jeder Menge Selfies wird’s dann irgendwie klischeehaft. Nett ausgedrückt, sagt man wohl „Zeitdokument“ oder „Zeitgeist“ dazu.

Ich empfand die oberflächlichen Politbezüge eher als störend. Das Leben in Zeiten von Social-Media betrübt mich eher, vor allem wenn die Gadgets so bestimmend werden, wie in diesem Buch zum Ende hin.

Medizin nimmt interessanterweise einen großen Stellenwert in „Miss You“ ein: Beide Charaktere haben eine nahestehende Person verloren. Doch jemand, der sich ein bisschen informiert hätte, wüsste, dass eine Mammografie (Tess‘ Mutter ist an Brustkrebs gestorben) nicht einfach so bedenkenlos als Vorsorgemaßnahme propagiert werden sollte. Schließlich kann das wiederholte Scannen der Brust selbst Brustkrebs verursachen. Aber wer hätte auch großartigen Tiefgang bei einem Liebesroman erwartet?

Zusammenfassung

  • Miss You von Kate Eberlen (Roman)
  • empf. VK-Preis: € 14,99 [D], € 15,50 [A], 20,50 [CH]
  • gebundene Ausgabe, erschienen am 29.08.2016
  • ISBN: 978-3-453-29183-6

Ich bedanke mich beim Diana-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch von den Autoren oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Seine Zielgruppe abholen (Rezension)

We write not only for the children but also for their parents. They, too, are serious children. – Isaac Bashevis Singer

Bei Kinderbüchern schreibt man stets für zwei Leser. Das ist stets die Schwierigkeit für all jene, die Kinderbücher schreiben möchten. Schließlich muss sowohl das kindliche, als auch das erwachsene Lesepublikum angesprochen werden. Die Geschichte sollte daher zwei Erzählebenen oder zumindest zwei Interpretationsebenen bieten. Dass das stimmt, bemerkt jeder, der selbst einmal Kind war und als Erwachsener wieder in seine Lieblingskinderbücher schaut, vielleicht um sie den eigenen Kindern vorzulesen.

Mein liebstes Kinderbuch war und ist bis heute Janoschs „Ich mach dich gesund, sagte der Bär: Die Geschichte, wie der kleine Tiger einmal krank war“. Viele Details, über die man als Erwachsener schmunzelt, sind mir als Kind gar nicht aufgefallen. Zum Beispiel war mir als kleines Kind der Gänsewein von Tante Gans nie aufgefallen. Das war für mich irgendein Saft gewesen. Ich wusste ja gar nicht, was Wein ist. Genauso wenig Aufmerksamkeit habe ich den technischen Details des Krankenhauses gewidmet. Dort wird der kleine Tiger in eine Box gestellt und mit einer riesigen Lampe „durchleuchtet“. Ob Röntgen nun wirklich so funktioniert, war mir doch egal. Wichtig war mir die eindeutige Diagnose „Streifen verrutscht“.

Und so ist es doch bis heute. Kinder picken mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit Details aus der Geschichte als Eltern. Was am Ende bei jedem im Gedächtnis bleibt, kann sehr unterschiedlich sein. Umso wichtiger ist es, sein Publikum dort abzuholen, wo es steht: Kinder in der kindlichen Wirklichkeit und Eltern in der Welt der Erwachsenen, nur so wird die Geschichte Wirkung hinterlassen.

Wer immer noch nicht genau weiß, was ich meine, muss unbedingt einen Blick in das Buch „Von Süßigkeiten bekommt man Karisma: O-Töne aus dem Kinderzimmer“von Ralf Heimann werfen.

Basierend auf der Facebook-Seite „O-Töne aus dem Kinderzimmer“ wurden in diesem Buch die besten Versprecher von Kindern zusammengetragen. Die superwitzige Sprüchesammlung gibt nicht nur einen Einblick in den Eltern-Kind-Alltag, sondern zeigt auch, wie so manche Kids ticken. Schließlich sagt ein Verhörer oder Versprecher jede Menge aus. Aber macht Euch doch anhand dieser Beispiele selbst ein Bild:

Max (9) über die Figur seines Vaters: „Der Papa hat ein Sixpack aus Pudding und Speck.“

oder

Im Fernsehen läuft eine Kochsendung. Der Koch greift nach ein paar Rosmarinzweigen. Sohn (5): „Mama, warum tut der den Weihnachtsbaum da rein?“

oder

Der Sohn (4) singt das Pitsch-Patsch-Pinguin-Lied. Oma: „Kannst Du das Lied aus dem Kopf?“ „Sohn: „Nee, aus dem Kindergarten.“

Das nächste Mal, wenn Du in die Lebensrealität eines Kindes abtauchen willst und nicht recht den Eingang findest, schnapp Dir einfach Ralf Heimanns Buch und lass Dich inspirieren. Im Nu sprudeln die kindgerechten Ideen, die auch Erwachsene zum Schmunzeln bringen werden – versprochen.

Zusammenfassung

Ich bedanke mich beim Blanvalet-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.