Von Krieg und Frieden – eine Rezension

Es ist ein sonniger, aber kühler Tag, an dem wir uns auf dem Breiten Weg einfinden. Aus Spaß sage ich zuweilen Broadway zu der ausgedehnten Straße im Magdeburger Stadtzentrum, die wie ein russischer Prospekt wirkt. Meine Oma und ich sind Richtung Hasselbachplatz unterwegs und gehen dabei an alt wirkenden Neubauten im Zuckerbäckerstil und den wenigen barocken Prachtbauten vorbei, die der Zweite Weltkrieg verschont hat. Nachdem meine Oma von der Demonstration erfahren hat, will sie unbedingt mit. Es sei wichtig, dass gerade ihre Generation dort ebenfalls vertreten sei. Deutschland habe so viel Unheil in der Welt angerichtet, daher sei es vor allem hier umso wichtiger, gegen den Krieg einzustehen. Es ist 2003 und George W. Bush plant, den Irak anzugreifen. Meine Oma hält die in den Medien zitierten Gründe für vorgeschoben. Massenvernichtungswaffen, Involvierung bei den Anschlägen am 11. September 2001 … Vor allem die Zivilbevölkerung würde unter dem „Krieg gegen den Terrorismus“ leiden – und wie ironisch doch der Begriff „Krieg gegen Terrorismus“ allein sei! Man muss unweigerlich an Peter Ustinov denken …

An diesem Tag gehen hunderte, tausende Menschen in Deutschland und der Welt auf die Straßen um gegen den bevorstehenden Irakkrieg zu demonstrieren. Meine Oma staunt über diese länderübergreifende Organisation und bedauert, dass das in ihrer Jugend nicht so einfach gegangen wäre. An diesem Tag im Januar ist meine Oma fast 80 Jahre alt und schon nicht mehr so gut zu Fuß. Ich frage sie, ob sie sich so eine Demo körperlich zutraue. Sie lächelt verschmitzt und sagt: „Wenn du mitkommst.“ Na, klar komme ich mit.

Zur Sicherheit nimmt meine Oma ihren Gehstock mit. Sie erklärt mir in der Wohnung, dass der nicht nur als Gehhilfe taugt und sie ihn dazu wahrscheinlich ohnehin nicht braucht. Tja, man weiß ja nie, wie so eine Demo verläuft. Faustdick hinter den Ohren hat es diese alte Dame.

Wir fahren mit der Straßenbahn zum Allee-Center. Die Demo ist schon in vollem Gange. Meine Oma wird zögerlich, als sie die Menschen mit ihren großen Bannern und Tröten vorbeiziehen sieht. Ich sehe, dass wir bei ihrem Tempo sicher nicht schritthalten können. „Wir gehen einfach hinten mit“, schlage ich vor. „Das ist gut. Dann halten wir niemanden auf“, gibt sie zurück. So gehen wir in der letzten Reihe und fallen zusehends zurück. Hinter uns fährt ein Konvoi Streifenwagen im Schritttempo als Schlusslicht, das das Ende des Demonstrationszugs markiert. Ein paar Polizisten gehen vor den Fahrzeugen. Als wir so langsam werden, dass die Autos sich langsam nähern, legt einer der Polizisten einen Gang zu, bis er schließlich neben uns geht.

Er fragt meine Oma, ob es ihr gutgehe. „Aber ja“, sagt sie. Er scheint nach dem Rechten sehen zu wollen und bittet meiner Oma auf Höhe der alten Staatsbank den Arm zum Einhaken an. Als ich mich umdrehe, sehe ich in die fragenden und teils argwöhnischen Gesichter seiner Kollegen. Mit einem Lächeln auf den Lippen sagt meine Oma irgendwann zum Polizisten. „Sie demonstrieren ja nicht. Gut, dass Sie nach dem Rechten sehen“, und lächelt dabei. Ein Schmunzeln kann er nicht verbergen.

So eskortiert uns ein Polizist, bei dem nicht klar ist, ob meine Oma ihn oder er sie im Schlepptau hat, bis zum Hasselbachplatz. Am nächsten Tag erzählt sie mir lachend von einem Zeitungsartikel, der von „überwiegend jungen Demonstranten“ berichtet. Mein Vater ist etwas ungehalten, als er von „unserer“ Demonstration erfährt. Wie ich auf die Idee komme, eine bald 80-Jährige zu so einer Veranstaltung mitzuschleppen? Das sei doch gefährlich! Ich entgegne nur, ob es ihm lieber gewesen wäre, sie wäre allein gegangen. Außerdem hätten wir „Polizeischutz“ genossen, lache ich. Er schüttelt nur sanft den Kopf, sagt aber nichts mehr. Er weiß ja, dass man seine Mutter von so einem einmal gefassten Entschluss, also zur Anti-Kriegsdemo zu gehen, ohnehin nicht hätte abbringen können.

Jürgen Todenhöfer ist nicht meine Oma, nicht einmal dieselbe Generation. Dennoch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie haben die Kriegstreiberei der Deutschen erlebt und auch die Luftangriffe am Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutsche Städte. Er in Hanau, meine Oma in Magdeburg. Als Kind hat er sich während der Bombardements aus dem Haus geschlichen und die Feuersbrunst mit blutigem Himmel in nicht allzu weiter Ferne gesehen. Was im Stadtzentrum in dieser Nacht passiert ist, erzählt ihm später sein Großvater.

Meine Oma hat die Bombardierung Magdeburgs in einem Keller miterlebt. Viel mehr weiß ich darüber aber auch nicht. Man hat eben doch Berührungsängste, danach zu fragen. Als Kind wollte ich dennoch verstehen, wie das ging, dass die Deutschen solche Gräueltaten vollbrachten, und auch, warum, als der Krieg schon verloren schien, Innenstädte in ganz Deutschland bombardiert wurden. Hatten die alle mitgemacht, auf die da die Bomben niederhagelten? Außerdem war Krieg damals ein so abstraktes Konzept wie Universum für mich. Wie ist das also, im Krieg?, wollte ich wissen. Meine Oma erzählte, wie sie einmal Bekannte am Breiten Weg besucht hatte. Sie sollte Essen von dort abholen oder hinbringen, ich weiß nicht mehr genau, als sie, damals als Jugendliche, aufgeregt von jemandem in einen Luftschutzkeller getrieben wurde. Dort saßen Mütter mit ihren wimmernden Kindern und alte Herren und sie. Stickig sei es gewesen und draußen krachte es schlimmer als zu Silvester. Sie erzählte, wie sie den Mauern nicht traute. Ob die halten? Und sie erzählte, wie sie nicht sagen kann, was sie schlimmer fand: Das Wimmern oder das Krachen. Beides wollte einfach nicht aufhören. Man vergaß da unten die Zeit. Nach einer gefühlten Ewigkeit ging sie wieder über Tage. Der Breite Weg war nicht wiederzuerkennen. Unwirklich.

Jürgen Todenhöfer schreibt: „Dann gehe ich in die Stube und frage ihn [seinen Großvater] – wie meine Mutter später erzählt – mit dem großen Ernst eines kleinen Kindes: „Darf man im Krieg auch Kinder töten?“ Mein Großvater antwortet nicht. […] Wir Deutschen haben ihn [den Krieg] angefangen. Aber darf man deshalb Städte verbrennen und Kinder töten?“ (S. 34)

Doch sein Buch „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* handelt eigentlich nicht vom Zweiten Weltkrieg. Doch dass er nicht nur vom Zweiten Weltkrieg gelesen und ihn nicht einfach nur erzählt bekommen hat, sondern selbst erlebt hat, hat ihn von Kindesbeinen an verändert. Ich denke, man kann auch als Nichtkriegskind einen Abgesang auf den Krieg schreiben. Doch der Impetus, es zu tun, ist bei ihm wie bei meiner Oma, die unbedingt zur Demo gegen den Irakkrieg wollte, ein anderer, ja, womöglich ein stärkerer. Denn obwohl man nicht alles gesehen haben muss, um es zu verstehen, lässt sich nach einmal Gesehenem nicht einfach so wegschauen. Fällt der Perspektivwechsel leichter? Vielleicht. Jedenfalls ist Krieg für Jürgen Todenhöfer ganz anschaulich und alles andere als abstrakt. Um mir ein Bild vom Kriegstreiben zu machen, habe ich jahrelang diverse Bücher gelesen. Ja, und nun auch seins.

Jürgen Todenhöfer hat eigentlich nicht den Hintergrund eines Autoren oder Journalisten. Der Jurist ist auch kein Linker, so wie meine Oma sich wohl politisch eingeordnet hätte. Er saß stattdessen von 1972 bis 1990 für die CDU im Bundestag. Agnostisch erzogen und in einer katholischen Privatschule zur Schule gegangen, vereine ich selbst womöglich das eine oder andere Paradoxon, das nicht mit einem Widerspruch zu verwechseln ist. Fjodor Dostojewski, einer meiner, wenn nicht mein Lieblingsautor, ist selbst in der politisch-konservativen Ecke zu verorten, die sich auf einen christlichen Wertekatalog beruft. In heutiger Zeit kommt dann jedoch schnell die Frage auf, wie ernst ist es solchen verbeamteten „Christen“ mit ihrem Glauben. Wie christlich war Angela Merkels Bedauern, George W. Bush nicht beim Irakkrieg unterstützen zu können? Sie war ja (noch) nicht Bundeskanzlerin.

Jürgen Todenhöfer scheint die mit dem „C“ in CDU verbundenen Werte ernst zu nehmen. Vor allem aber, und deshalb könnte man ihn vornehmlich für einen Journalisten halten, hat er Quellenarbeit betrieben und ist kein „Schreibtischpolitiker“, wie er einen speziellen Typus in seinem Buch nennt. Er ist in zahlreiche Kriegs- und Krisengebiete gereist, um sich selbst ein Bild zu machen – Risiko hin oder her. In seinem Buch berichtet er von den Erlebnissen, die er gemacht hat. Dabei wirft er bereits eingangs Fragen auf, wie wir sie auch in jedem Dostojewski-Roman so oder ähnlich finden könnten.

At what distance does love for humanity end?

– Fyodor Dostoevsky in „A Writer’s Diary„*

Die Todenhöfer-Variante lautet:

„Warum ist das, was im eigenen Land ein schändliches Verbrechen ist, außerhalb der Grenzen eine Heldentat?“ – S. 39

In seinem Buch geht Jürgen Todenhöfer solchen und anderen Fragen nach und bewegt sich dabei irgendwo zwischen den Genres Memoiren und Reportage. Der sehr persönliche Zugang zu derart großen Fragen haucht dem ganzen Unterfangen Leben ein. Wenngleich die Moral von der Geschicht‘ bereits im Titel „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* steckt, so ist die Erzählung über Kriege – vor allem über den in Libyen und Syrien – doch alles andere als plump oder schwarz-weiß.

Das erzählerische Kaleidoskop, das Todenhöfer eröffnet, ist gerade das, was mir etwa beim Buch von Annabel Wahba zu ähnlicher Thematik gefehlt hat.

Gleichzeitig stellt sich dasselbe Problem: Ein Großteil der Angaben ist für den Leser nicht verifizierbar. Man müsste dabei gewesen sein. Um dem entgegenzutreten, unterfüttert Todenhöfer seine Erzählung an ausgewählten Stellen mit Zeitungsartikeln, Daten renommierter Organisationen und anderen Querverweisen, die in einem Literaturverzeichnis einsehbar sind. Den Denkanstoß, den Todenhöfer mit seinem Buch wohl geben möchte, liefert er. Doch darüber hinaus lässt er den Leser nach dem Zuschlagen des Buches nicht mit leeren Händen stehen. Tatsächlich ist das Buch als literarisches Sprungbrett zu verstehen, nun eigene Recherchen anzustellen.

Auf den ersten Blick harsche oder gar Pauschalaussagen wie solche:

Wir haben in der muslimischen Welt seit Beginn des Kolonialismus nie die Werte unserer Zivilisation verteidigt, sondern immer nur unsere Interessen. – S. 65

lassen sich tatsächlich bestätigen – und das nicht erst durch den eingangs erwähnten Irakkrieg, den George W. Bush und Tony Blair losgetreten haben – natürlich aus sicherer Distanz.

Todenhöfer spricht in diesem Zusammenhang auch von „Sofastrategen“ (S. 111). Die, die den Krieg nie gesehen haben, trommeln an die Front. Die heute natürlich allzu oft nicht mehr mit Schützengräben durchzogen ist, sondern sich entlang haushoch schwirrender Drohnen und Kampfjets in vom Boden unsichtbarer Höhe erstreckt.

Ich werde Selbstmordattentate immer ablehnen. Aber haben westliche Politiker recht, wenn sie junge Selbstmordattentäter „feige“ nennen? Ist es nicht viel feiger, wie westliche Schreibtischpolitiker andere für seine Ideale sterben zu lassen? – S. 81

Der Mythos vom moralischen und sauberen Krieg mit Zielgenauigkeit hält sich dennoch. Tote Zivilisten werden schwammig und unpersönlich mit Collateral Damage umschrieben. Doch sie hinterlassen traurige, verzweifelte und wütende Angehörige sowie Freunde.

Kriege sind Terrorzuchtprogramme. – S. 63

Weil sie alles – nur nicht Frieden – hinterlassen. Wann kommt der Erdteil, wo Afrika auf Asien trifft, endlich zur Ruhe? Wann haben Krieg oder „militärische Interventionen“ ein Ende? Was wurde denn damit erreicht, z. B. in Libyen? Dass dort nun ein zerstückeltes, gebeuteltes Stück Land vorliegt – ein Failed State, in dem es den Menschen noch schlechter geht, als je unter Gaddafis Militärdiktatur.

Wir sollten wirklich alle Politiker, die für Krieg eintreten, vier Wochen in Kampfgebiete schicken. Zu Patrouillenfahrten. Ohne BKA-Schutz. Es würde keine Kriege mehr geben. – S. 88

Für Todenhöfer ist dieser scheinbar utopische Vorschlag insofern jedenfalls ernst gemeint, als dass er sich keine Doppelmoral vorzuwerfen hat: Er war in Kriegsgebieten, hat mit Terrorgruppenanführern, politischen Gefangenen, Taxifahrern und vielen anderen Menschen vor Ort gesprochen und dabei Freundschaften geschlossen; aber im Krieg auch Freunde verloren, so wie Abdul Latif, dem das Buch gewidmet ist.

Der Krieg in Syrien nimmt neben dem Militärschlag gegen Libyen eine besondere Rolle im Buch ein, vielleicht auch wegen der nicht abzustreitenden Parallelen zum Irakkrieg in Sachen Kriegslegitimierung oder Kriegsrhetorik.

Mindestens die Hälfte der Meldungen über Syrien war falsch oder irreführend. Bei manchen Politikern wunderte mich das nicht. Sie vertraten strategische Interessen. Bei unseren Medien erstaunte es mich. Weil ich an ihr Ethos, ihre Wahrheitsliebe glaube. […]

Über zwei Jahrzehnte lang habe ich in dieser Branche gearbeitet. Und großartige, gewissenhafte Journalisten kennengelernt. Dass sie sich nach dem Lügendesaster des Irakkriegs noch einmal so täuschen lassen würden, hätte ich nicht für möglich gehalten. – S. 212 f.

Welche Lügen sind es diesmal, die die kriergerische Intervention in Syrien vor deutschem Publikum rechtfertigen sollen? Todenhöfer berichtet von gefälschten und falschen Videos.

Während meiner Anwesenheit berichtete Al-Dschasira mehrfach von Großdemonstrationen auf bestimmten Straßen von Damaskus. Doch wenn wir hinfuhren, war weit und breit alles ruhig. Die Inhaber von Geschäften erzählten uns, sie hätten die Fernsehberichte ebenfalls gesehen und seien vorsichtig auf die Straße gegangen. Auch sie hätten nichts entdecken können. […]

Am 17. Mai 2011, kurz nach Beginn des Aufstandes, wurde im deutschen Fernsehen sogar ein alter Film aus dem Irak als syrische Realität verkauft. Auf ABC Australia lief im Frühjahr 2011 ein Film aus dem Libanon des Jahres 2008 als Syrien-Reportage. – S. 213 f.

Ein Unterkapitel (S. 216-219) ist der auch in deutschen Medien oft zitierten „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ in Coventry, England gewidmet, die sich schon mit diesem Namen allein einen wissenschaftlichen, offiziellen Anschein gibt.

In Wirklichkeit besteht dieses so bedeutungsvoll auftretende „Observatorium“ aus einer Person mit dem Kunstnamen Rami Abdul Rahman und dem Echtnamen Osama Ali Suleiman. […] Keiner übertreibt und fälscht so wirkungsvoll wie Osama Ali Suleiman. – S. 216 f.

Ist Todenhöfer deshalb ein Verteidiger Assads? Nein. Vielmehr pocht er auf die Selbstbestimmung der syrischen Bevölkerung, die – nicht eine Kraft von außen – selbst entscheiden muss, ob, wann oder wie Assad „gehen muss“. Als roter Faden zieht sich außerdem der mahnende Zeigefinger durch das Buch, der die mal mehr, mal weniger latente Doppelmoral von vom Westen initiierten Kriegen anzeigt – eine Doppelmoral, die die Bildzeitung mit der Überschrift zu einem Kommentar: „Oh doch, es gibt gute und böse Bomben!“ ironischerweise auf den Punkt gebracht hat.

Ein polemischer Ausruf, der mich zum Anfang des Buches zurückführt, wo es auf S. 34 heißt:

Der Teufel bediente sich in jener Kriegsnacht [19. März 1945 in Hanau, Anmerkung E. R.] nicht nur der Deutschen. Vielleicht ahnte ich damals zum ersten Mal, dass es keine anständigen Kriege gibt.

Zusammenfassung

Ich bedanke mich beim btb-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

 

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„Ins Schreiben kommen“ – 5 Tage Schreib-Challenge von Karolin

Im Moment komme ich leider weder groß zum Lesen noch zum kreativen Schreiben. Man könnte meinen, in meiner Texter-Welt würde Ende Juli das Sommerloch über mich hereinbrechen, aber Pustekuchen.

Trotzdem gibt es eine kleine Meldung zwischendurch, auf die mich Madame Flamusse alias Karolin gestoßen hat. Sie veranstaltet nämlich ab dem 28. Juli einen kleinen Online-Schreibworkshop. Über fünf Tage wird es insgesamt fünf Impulse zum Schreiben geben, damit man „Ins Schreiben kommt“. Ich hoffe, ich finde die Zeit dafür. Bist Du mit dabei?

Anmeldeschluss ist am 26.07.2017.

Noch vor dem Internet: Dostojewski war der erste Blogger

Manch einer mag sich wundern, wie ich bei einem Autor, der von 1821 bis 1881 gelebt hat, zu der scheinbar wahnwitzigen Aussage komme, er sei der erste Blogger gewesen. Doch tatsächlich lässt sich das Unterfangen, was Fjodor Michailowitsch Dostojewski mit „Дневник писателя“, zu deutsch „Tagebuch eines Schriftstellers“ oder auf englisch „A writer’s diary„, unternommen hat, so am besten beschreiben, wie ich finde. Im Folgenden möchte ich erklären, warum und Dir gleichzeitig ein Buch vorstellen, das mich seit Februar in seinen Bann zieht und nun wohl zweifelsohne zu meinen Lieblingsbücher gehört.

Kommentar, Chronik, Tagebuch, Kritik, Entwurf – ein Blog?

Obwohl ich Russisch in der Schule hatte (sogar bis zum Abitur), stand für mich schon vor dem Buchkauf fest: „Дневник писателя“ werde ich in der Übersetzung lesen. Nur welche Fassung, die deutsche oder die englische? Nach ein wenig Recherche, entschied ich mich für die englische Übersetzung von Kenneth Lantz. Der Grund? Der Herr ist Professor für Russische Literatur an der Universität für Toronto und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sein Steckenpferd. Anders als so mancher Verlagsübersetzer, der vieles einfach mal so in seine Muttersprache überträgt, haben wir es hier mit einem tatsächlichen Slawisten zu tun, das war mir wichtig. Obwohl mein Russisch bis heute locker dazu reicht, einen Tee zu bestellen, über das Wetter zu plaudern und sonst wie Smalltalk zu betreiben, traue ich mich an große Werke der Literatur in russischer Originalsprache dann doch nicht heran. Der Wetterbericht und Goethe sind ja auch zwei paar Schuhe, nicht wahr? Eben.

Ein anderer Grund: Die Übersetzung von Kenneth Lantz, obwohl sie eine gekürzte Fassung ist, ist mit zahlreichen Anmerkungen und einem gut recherchierten Vorwort versehen. Bei diesem wohl brisantesten Buch von Dostojewski kommt man nicht umher, dem Leser im Vorhinein ein paar Hinweise und Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. Da geht es um historische Kontexte und natürlich um die bekannte, leidige Kontroverse: War Dostojewski Antisemit?

Tatsächlich werden im Buch zahlreiche Themen behandelt. Zeitgeschehen, von Kriminalfällen, die den Autor beschäftigt haben über kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zu pamphletartigen Politbekenntnissen und nachdenklichen, theoretischen Überlegungen, wird fein säuberlich seziert. Ähnlich wenig zimperlich verfährt Dostojewski mit Schriftstellerkollegen und bespricht zum Beispiel „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Dabei erstreckt sich das Buch über einen zeitlichen Rahmen von 1873 bis 1881 und befindet sich damit am Ende von Dostojewskis Schaffen. Es endet auch irgendwie abrupt und lässt die Frage offen, ob es, wäre Dostojewski nicht am 9. Februar 1881 gestorben, fortgesetzt worden wäre. Womöglich.

Daneben finden wir im Buch zahlreiche Geschichtenskizzen und Figurüberlegungen, die wohl Einfluss auf sein späteres Werk „Die Brüder Karamasow“ gehabt haben dürften. Interessant ist außerdem, dass Dostojewski sich hin und wieder die Zeit nimmt, auf Leserbriefe und Zeitungskritiken zu antworten. Auch das finden wir in „A writer’s diary“, das weit mehr als nur ein Tagebuch ist, wie man bereits erahnen kann. Das Werk wurde monatsweise in mehr oder minder regelmäßigen Abständen (mit Unterbrechungen) in Zeitschriftenform veröffentlicht. Denn WordPress, Blogger & Co gab es damals ja noch nicht. Ansonsten wären diese Formate ideal für das chronologisch fortlaufende Werk gewesen, wie ich meine. Man muss sich jedoch einmal vor Augen führen, wie ausgefallen dieses literarische Konzept zur damaligen Zeit gewesen sein muss, so ganz ohne roten Faden, außer dass eben der Autor derselbe bleibt!

Zu dem zunächst seltsam anmutenden Blog-Vergleich bin ich gekommen, als ich überlegte, wo eigentlich dieser Blog hier einzuordnen ist. Anders als mein Projekt Histamin-Pir.at gibt es auch hier, wie bei Dostojewskis Tagebuchprojekt, keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln, oder doch?

Eine Texter-Kollegin, die ich sehr schätze – Lilli Koisser – erklärt auf ihrem Blog für Texter sehr anschaulich und mit aller Deutlichkeit, was einen Texter-Blog ausmachen sollte. Er muss vor allem eins haben: Eine Nische. Und obwohl ich diese Seite hier auch zur Kunden-Akquise nutze bzw. um mich als Texter im Netz zu präsentieren, befolge ich diesen Rat ganz und gar nicht 🙂 Hier auf dem Blog geht’s tatsächlich um mich als Schreiberling (schweres Don’t!). Was beschäftigt mich? Was hilft mir im Berufsalltag? Was lese ich gerade? Irgendwie geht’s um Gott und die Welt. Schreiben als Tätigkeit und die Gedanken, die dem vorausgehen, spinnen den roten Faden der Website. Denn so sieht mein Berufsalltag aus: Er ist sehr vielseitig. Ich schreibe für Agenturen, für andere Blogs, für Ratgeberseiten und beginne dann auch noch eigene Projekte, nur für mich. Der lose Zusammenhang zeigt sich als Buchstabensalat.

Und, war Dostojewski da so anders (nicht, dass ich behaupte, mit dem gleichen Talent gesegnet zu sein!)? Hat der sich seinen Kopf darüber zerbrochen, wie er sich marketingtechnisch, SEO-optimiert positionieren würde oder hat er einfach nur die ursprünglichste Form eines Blogs in der Auseinandersetzung mit seinem Umfeld geführt? Ging es ihm nicht einfach auch um Austausch? Schließlich war auch er nicht nur Autor, sondern auch Journalist. Allzu viele Blogs haben heute mit dem, wie Bloggen einst begonnen hat, nichts mehr zu tun. Sie schreiben den Leser nicht mehr an, sondern schreiben ihm etwas vor oder halten ihm Produkte unter die Nase, mit dem unmissverständlichen Tenor: Du brauchst das! Kauf es!

Und ich nutze sie auch – Affiliate-Links. Aber was immer da verlinkt ist, brauchst Du nicht. Das rede ich Dir auch nicht ein. Du wirst ohne nicht umkommen und mit nicht zum perfekten Menschen. Aber es gefällt mir und vielleicht auch Dir, so wie zum Beispiel das angesprochene Buch von Dostojewski. Es hat mir etwas gegeben und vielleicht auch Dir. Lass es mich wissen! Darum geht’s. Und es sind diese zwei Motive: Selbstreflexion und der Austausch mit der Leserschaft, die einen Blog und auch „A writer’s diary“, meiner Meinung nach, ausmachen. Also schauen wir mal rein.

Food for thought: Zitate aus „A writer’s diary“

Während ich das letzte halbe Jahr in „A writer’s diary“ bis Seite 533 gelesen habe, hat mich mein eigenes Notiz- und irgendwie auch Tagebuch stets begleitet. Einige Passagen habe ich mir direkt rausgeschrieben, andere lediglich mit bunten Klebezettelchen im Buch selbst markiert. Die Passagen, die mich besonders bewegt haben, gibt es im Folgenden als kleine Zitatesammlung:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some sort, without being translated into human language, never mind literary language.

Das obige Zitat fand ich besonders interessant (der erste Eintrag in meinem Notizbuch). Das aus dem Munde des Mannes, der Meister des Kettensatzes ist, der manchmal keinen Punkt zu kennen scheint und überhaupt als Genie des Bewusstseinsstroms gilt! Da wird einem vieles klar oder nicht?

Reality is transfigured passing through art.

Die Umgestaltung der Wirklichkeit durch Kunst ist die Aufgabe eines jeden Kreativen. Den Satz mal sacken lassen oder auf einem Streifen ins Federmäppchen legen! Vergiss es nie.

An anderer Stelle plädiert Dostojewski dafür, aus dem gleichen Material mehr als nur ein Werk zu machen. Ich habe es bereits hier erwähnt: Es gibt Themen, die sich durch unser Schaffen ziehen und meist schöpfen wir immer wieder aus der gleichen Quelle für immer neue Ergebnisse. Ist so. Bei mir ist das u. a. Sterben, bei Dostojewski ist das u. a. Suizid, aber sicherlich aus völlig unterschiedlichen Gründen. Während Dostojewski durch das Studium der menschlichen Seele und von Zeitungsartikeln als schwer religiöser Mensch zu ergründen versucht, warum jemand den Wunsch verspüren könnte, sich umzubringen, geht es bei mir oft um das Prozessuale des Sterbens, um das Vergängliche im Leben – um die Frage, was bleibt und wo gehen wir hin?

So ist Dostojewski beispielsweise der Meinung, der Teufel sei ein Agnostiker. Und scheint auf „mein Thema“ so zu antworten:

I am a happy man who isn’t satisfied with everything.

Seine Charakterstudie eines Selbstmörders hält fest, dass diese Menschen meist von ungeduldiger Erschöpfung (impatient fatigue) geplagt werden und sich durch ein furchtbares, quälendes Ausmaß von angeekeltem und zynischem Unglauben (terrible, agonizing amount of disgusted and cynical unbelief) (in andere Menschen) auszeichnen. Somit haben sie offensichtlich jedes Vertrauen in Wahrheit und allen Glauben an Pflicht verloren und der Überdruss von Leben ermüdet sie. Das scheint vor allem auf wohlwollende, freundliche und ehrliche Menschen zuzutreffen. Doch Selbstmordgedanken machen noch keinen Suizid. So schreibt Dostojewski:

I think that many suicides and murders have been committed simply because the person had already taken the pistol into his hand.

Wie sonst können die gleichen Umstände und Voraussetzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen? Das wird zum Beispiel in „Crime and Punishment“ oder „Verbrechen und Strafe“ deutlich, als Raskolnikow nicht nur eine geizige Pfandleiherin umbringt, um der Frage nach einem „gerechtfertigten/erlaubten Verbrechen“ nachzugehen, sondern auch ihre zufällig erscheinende Halbschwester tötet, was weder geplant noch gewollt war, aber er hatte die Axt nun mal schon in der Hand und er hatte bereits getötet. Außerdem: Sie wäre eine Zeugin gewesen.

Um den Roman „Verbrechen und Strafe“ zu verstehen, muss man übrigens unbedingt (!!!) den Epilog lesen. Sonst wird die Intention des Autors nicht klar.

Noch eins zum Thema Selbstmord und dann werden wir politisch.

Only with faith in the immortality of the soul you can understand the sense of earthly being. Without that suicide becomes a necessity for any intellectual being.

Einer der wichtigsten Sätze – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse in der Welt – ist der folgende, der offenbar auf das Phänomen „Ah, das ist weit weg …“ anspielt:

At what distance does love for humanity end?

Das Wort Kasino-Kapitalismus finden wir unweigerlich beim Autor von „Der Spieler“ in leichter Abwandlung wieder – „stock-exchange gambling“ – im 19. Jahrhundert. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Dostojewski diesen Roman nicht (nur) aufgrund von etwaiger Spielsucht, sondern tatsächlich als Kritik am Finanzsystem geschrieben hat. Oh, und er hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Finanzen! Er war übrigens auch nur so hochverschuldet bzw. willig am Roulettetisch sein Glück zu versuchen, weil er einen riesigen Schuldenberg von seinem älteren Bruder vererbt bekommen hatte, der nun abbezahlt werden musste, ein Fakt, der nur allzu gern unterschlagen wird.

Eine wunderbare Definition von „Kultur“ (lat. colere = pflegen, bebauen, cultura = Ackerbau, Pflege) liefert Dostojewski im Folgenden, auch wenn es nicht als Begrifferklärung hierfür explizit gemacht wird:

When a nation loses the urge for general individual self-betterment in that spirit in which it originated, then all „social institutions“ begin to die out, for there is nothing more to preserve.

Generell haben viele Passagen an Aktualität nicht verloren, sondern nur gewonnen. Manche Textstellen lesen sich erstaunlicherweise so als wären sie gestern geschrieben worden. Diese hier in ihrer Vollständigkeit wiederzugeben, würde jedoch den Rahmen sprengen. Wer diesen überraschenden und schockierenden Aha-Effekt erleben möchte (Was, das hat der Ende des 19. Jahrhunderts schon gesagt?!), liest am besten selbst mal rein.

Bevor ich diesen Beitrag beende, gibt es jedoch noch eine Frage zu beantworten, die ich eingangs aufgeworfen habe. Was ist dran: Dostojewski und der Judenhass? Denn das ist ja, was heute gemeinhin mit Antisemitismus gemeint wird.

Dostojewski und Antisemitismus

Bereits in der Einleitung nimmt sich Kenneth Lantz dem Thema selbst an und weist auf ein paar, zugegebenermaßen sehr harsch formulierte Passagen im Buch hin. So würden die Juden, würden sie je über Russland herrschen, die Russen versklaven, massakrieren und komplett ausrotten, „as they did more than once with alien peoples in times of old in their ancient history“. Juden, Jiddisch, Israeliten – all diese Terme werden synonym durcheinandergeworfen und teils mit drastischen Zuschreibungen versehen. Dabei ist die Rede von einem abstrakten „Yiddism“, von einem gewissen Geist – selten von konkreten Menschen. Die auch heute noch allzu häufige Verknüpfung von Finanzwesen, Kapitalismus, Ausbeutung und Internationalisten mit Juden findet sich ebenso bereits bei Dostojewski. So streitbar das klingen mag, wäre es dennoch falsch, den Autor als Judenhasser per se abzustempeln. Warum?

Wie bereits Lantz in der Einleitung anmerkt, ist Folgendes im Falle von Dostojewski hervorzuheben:

Dostoevsky does not draw the conclusion that those whom the Jews would enslave or exterminate would be justified in expelling or exterminating the Jews first.

Er ruft also zu keinem Zeitpunkt zu Beschimpfungen, Gewalttaten oder sonstigem gegen Juden auf. Ein Kapitel im Speziellen beweist sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich meine das Kapitel „The Funeral of ‚The Universal Man'“. Hier wird die Beerdigung eines deutschen Arztes beschrieben, der in M. praktizierte und Protestant war. Nun, warum erzähle ich das und was hat das mit der aufgeworfenen Frage zu tun? Dostojewski selbst erzählt von dieser Beerdigung auch nur, weil er einen Leserbrief erhalten hat, in welchem selbige beschrieben wird und zwar von einer Jüdin. Daran ist ja immer noch nichts Besonderes. Und doch soll diese Episode nicht unerwähnt bleiben. Denn was Dostojewski an diesem sehr gutherzigen Arzt so herausragend fand, war der Respekt, der ihm auf seinem letzten Weg entgegengebracht wurde. Die Leserin schreibt in ihrem Brief:

A pastor and a Jewish rabbi spoke at his [the doctor’s] graveside, and both wept; but he just lay there in his old, worn uniform coat with an old handkerchief tied around his head – that dear head; and it seemed that he was sleeping, so fresh was the color of his face …

Dostojewski selbst eilt Kritikern voraus und stellt selbst fest, es handle sich um einen „isolated case“. Am Ende nimmt er denselben isolierten Fall jedoch als Musterbeispiel dafür, wie unterschiedliche Religionsgruppen und Ethnien friedlich und glücklich miteinander leben könnten und schreibt:

All this is very simple; only one thing seems complicated: just to become convinced that without these same isolated instances you will never arrive at a total; everything may be about to fall apart, but it is these people who can bring it together. They are the ones who inspire ideas; they are the ones who give us faith; they provide a living example, and so a proof as well. And there’s certainly no need to wait until everyone, or at least very many people, are as good as they are: we need very few such people in order to save the world, so powerful are they. And if such is the case, then how can we not hope?

Jemand, der sich derart über das Zusammentreffen von Pfarrer, Rabbi und allen anderen Bewohnern eines ganzen Ortes bei der Beerdigung eines wohltätigen Menschen freut, der diese Verständigung als beispielhaft für Nächstenliebe, und mehr noch, als zukunftsweisend, beschreibt, der wirkt auf mich nicht wie ein Antisemit. Trotzdem sind auch die anderen angesprochenen Textstellen im Buch vorhanden.

Essay schreiben für Caroline-Schlegel-Preis 2017

Das Wort „Traktat“ ist mir erstmals in Hermann Hesses Buch „Der Steppenwolf“ über den Weg gelaufen, das wir in der Schule lesen mussten. Dort wird ein Kapitel mit „Traktat vom Steppenwolf“ betitelt. Traktat – das ist eine Art Abhandlung, ein Aufsatz, ein Essay, kurzum: Ein gedankliches Experiment, das in Worte gefasst wird. Was mir damals irgendwie an dem Roman gefiel, finde ich heute nur noch gekünstelt. Die Gefahr des Gekünstelten besteht übrigens ganz allgemein, wenn man ein Traktat verfasst. Um möglichst ausgefallen zu klingen, wird die Sprache ins Unermässliche gehoben, während meist der inhaltliche Gehalt hintangestellt wird. Als ich jedoch vom Caroline-Schlegel-Preis erfuhr, war meine Neugierde geweckt.

Sprache, Stil und Recherche – so soll ein Essay aussehen

Der vom Romantikerhaus Jena vergebene Essay-Preis stellt drei Anforderungen an die potentiellen Preisträger und ihr Werk. Der Text muss sich „durch ein hohes sprachliches und stilistisches Niveau und eine solide Recherche auszeichnen“.

Das Thema kann frei gewählt werden und sollte auf zehn bis fünfzehn Seiten abgehandelt werden. Eine dreiköpfige Jury entscheidet darüber, wer den Hauptpreis (5.000 Euro) und wer den Förderpreis (2.500 Euro) erhält. Einsendeschluss ist der 30. Juni 2017. Ich werde mit einem Essay teilnehmen. Du auch?

 

 

 

Ab nach draußen: Das Medienstipendium der Nationalparks Austria

Vitamin D ist wichtig für Zähne, Knochen und das Immunsystem. Bei guter Sauerstoffversorgung kann man besser denken. Damit hätten wir gleich ein paar gute Gründe genannt, öfter mal den Schreibtisch zu verlassen und an die frische Luft zu gehen. Doch im Großstadtdschungel macht spazierengehen nicht immer Spaß. Was fehlt, ist das satte, inspirierende Grün unberührter Natur!

Wie gut, dass die österreichischen Nationalparks bereits zum dritten Mal ein Medienstipendium für junge Autoren, Journalisten und Videokünstler vergeben. Zwei Wochen lang darfst Du einen Nationalpark unsicher machen. Das Stipendium inkludiert Unterbringung und Verpflegung sowie eine geführte Wanderung mit einem Ranger, der auf die Besonderheiten des jeweiligen Nationalparks aufmerksam macht.

Na dann, ab nach draußen!

Bewerben kannst Du Dich noch bis 31. März. Hier geht’s zur Ausschreibung.

 

Musik und schreiben (mal wieder Autorenwahnsinn)

Mit etwas Verspätung möchte ich noch meinen Senf zum Autorenwahnsinn von letzter Woche abgeben.

Grundsätzlich höre ich sehr gerne Musik. Doch beim Schreiben muss ich unterscheiden, ob ich gerade kreativ schreibe oder zum Beispiel an einem Ratgebertext für die Arbeit sitze oder weiter über meinem Handbuch über Histaminintoleranz grüble, das irgendwie nicht recht fertig werden will …

Beim kreativen Schreiben mag ich Musik – gerne sogar mit Text. Klassische Musik, sofern es mich nicht allzu sehr aufwühlt, geht natürlich immer, aber manchmal darf auch gesungen werden. Momentan stehen Soul und Jazz ganz hoch im Kurs.

Ansonsten sind es generell Oldies, die hier aus den Lautsprechern dröhnen. Und wozu Musik beim kreativen Schreiben? Sie schickt meine Gedanken auf Reisen und manchmal ist es ganz spannend, wo ich am Ende gedanklich lande. Daher ist Musik vor allem für kurze Texte ein tolles gedankliches Transportmittel.

Wenn mir „richtige“ Musik zu viel beim Schreiben ist, mir aber die Totenstille Angst vor dem weißen Blatt macht, sorge ich mit Noisli für Hintergrundgeräusche.

Beim konzentrierten Arbeiten an längeren Texten (und Sachtexten) herrscht hier aber Funkstille.

Aller Anfang ist schwer …

Die heutige Frage beim #Autorenwahnsinn lautet: Wann und wie hast Du mit dem Schreiben angefangen?

Geht man in meiner Beitragsleiste nur weit genug zurück, findet man einen mit August 2004 datierten Beitrag. Hoppla, ein Gedicht. Der kurze Text ist sicher nicht mein erster, aber wohl doch der erste, den ich einer gewissen Öffentlichkeit preisgegeben habe. Seither habe ich mich mehr und mehr von der lyrischen Form entfernt, die gerade am Anfang sehr tonangebend war.

Die „gewisse Öffentlichkeit“ war damals meine Schule. Im sogenannten „Lesebogen“ der Schulzeitung erschienen regelmäßig Texte von mir und anderen Literaturbegeisterten, die an der Arbeitsgemeinschaft „Junge Autoren“ teilnahmen. Diesem kreativen Haufen habe ich viel für meine Laufbahn zu verdanken, da wir uns hier ganz unvoreingenommen über Texte austauschen konnten und zugleich eine Plattform erhielten. Mir hat die freiwillige Mitarbeit gezeigt, dass Schreiben tatsächlich ein realistisches Berufsziel sein kann, wovon meine Eltern jedoch erst noch überzeugt werden mussten.

Am Anfang habe ich meist nur Eindrücke, oft auch Gefühle verarbeitet. Später habe ich dann erste Geschichten wie diese gewagt, die sogar in einer Anthologie abgedruckt wurde. Heute schreibe ich mehr Auftragsarbeiten als mir lieb ist und hoffe, bald wieder zu kreativen Formen (Kinderbücher!!!) zurückkehren zu können. Davon leben zu können, ist nämlich tatsächlich nicht so einfach 🙂

Autorentagebuch anlegen: Erste Überlegungen

Im Grunde ist jeder Blog eine Art Tagebuch oder zumindest ein Journal oder eine Art Chronik. Jeder Eintrag erhält einen Datumseintrag und steht für sich allein und erlangt doch erst im Kontext des bisher Geschriebenen seine Bedeutung. Ein Ende ist nicht abzusehen, aber unumgänglich – schließlich lebt niemand für immer. Vielleicht verliert der Blogger aber auch irgendwann einmal die Lust am Schreiben. Im Gegensatz zum persönliches Tagebuch ist der Blog aber stets bereits für ein Publikum bestimmt, während das Tagebuch zunächst nur im Privaten entsteht.

Eine besondere Ausnahme ist „The Writer’s Diary: A Monthly Publication“ von Fjodor Dostojewski. Diese Ansammlung von Texten verschiedener Textgattungen, gespickt mit Ideen, Kommentaren, usw., die von 1873 bis 1881 monatlich (mit Unterbrechungen) von Dostojewski selbst veröffentlicht wurde, ist tatsächlich eine Art Vorläufer des Blogs. Mit diesem Werk möchte ich mich jedoch ein anderes Mal näher auseinandersetzen.

Sofern man nicht Leo Tolstoi ist, der auf seine späten Tage offenbar seine Familie im Tagebuch mitlesen lassen hat, wird der Inhalt des Tagebuchs – zumindest zu Lebzeiten – der Öffentlichkeit vorenthalten. Im Tagebuch hat man Raum, Ideen und Eindrücke zu reflektieren. Man richtet die Worte an sich und geht zuweilen auch mit sich selbst ins Gericht. So lässt sich auch erklären, warum ich trotz Blog noch ein Tagebuch „nur für mich“ anlegen möchte. Ohne Mitleser und Kommentarfunktion soll mir dieses kleine Buch ein stetiger Begleiter werden.

Welches Tagebuch?

Zunächst einmal stellt sich heutzutage die Frage: Digital oder analog? Diese Frage habe ich, wie man sieht, blitzschnell für mich mit „analog“ beantwortet. Als hauptberufliche Texterin hänge ich ohnehin einen Großteil des Tages am Bildschirm. Da freuen sich vor allem die Augen über etwas Abwechslung. Grundsätzlich kann man aber auch am PC Tagebuch führen oder eine App am Tablet oder Smartphone nutzen, wenn man sowas hat.

Für mich ist die analoge Haptik jedoch entscheidend. Ich benötige ein Buch, das ich gerne in die Hand nehme, das sich gut anfühlt (ich mag die Strukturoberfläche des obigen Buchs), das klein genug ist, dass man es immer mitnehmen kann und groß genug ist, um darin Ideen auszubreiten. Gründe, warum ich genau dieses Buch als Tagebuch auserkoren habe:

  • Haptik
  • Größe: A6
  • absoluter Freiraum: keine Karos, keine Linien, einfach blank
  • Stiftehalter (so muss ich den Stift in der Handtasche nie suchen)
  • Fächer vorne und hinten für lose Zettel
  • Seitenzahl für bessere Übersicht

Schreibszene?

Nachdem ich also mein Tagebuch habe, stellt sich die Frage: Womit schreibe ich? Bleistift? Kugelschreiber? Füllhalter? Fineliner? Tintenroller? Grundsätzlich liebe ich meinen aufziehbaren Füllhalter Pelikan GO, der heute leider nicht mehr hergestellt wird. Mittlerweile läuft der aber manchmal aus und ist gerade für unterwegs (das Tagebuch wird vielleicht auch Notizbuch) nicht die richtige Wahl. Ansonsten schreibe ich am liebsten mit Bleistift. Das Geräusch und die Druckspuren auf dem Papier faszinieren mich genauso wie die feinen Absplitterungen von Graphit, die sich bei einem frisch gespitzten Bleistift nach und nach lösen. Für unterwegs mag ich Kugelschreiber und Tintenroller, einfach aufgrund praktischer Gesichtspunkte. Überlegungen zur Schreibszene befassen sich jedoch nicht nur mit dem Schreibmaterial, sondern auch mit Fragen wie: Wo und wann schreiben? Am liebsten morgens oder abends. So kann ich mir einmal täglich vornehmen, zumindest irgendetwas für mich zu Papier zu bringen. Daneben ist das Buch jedoch auch sonst stets aufnahmefähig für Ideen.

Wie anfangen?

Doch was soll nun hinein ins Tagebuch? Um mir bei dieser Frage etwas auf die Sprünge zu helfen, habe ich mir „Schreiben Tag für Tag“ aus der Duden-Schreibschule-Reihe bestellt. Christian Schärf stellt in diesem Handbuch verschiedene Techniken für das Tagebuchschreiben vor und liefert zur Veranschaulichung prominente Beispiel von Goethe bis Kafka. Das Buch beginnt mit allgemeinen Überlegungen und stellt dadurch Eigenheiten des Tagebuchschreibens heraus:

Jede Unterhaltung ist von der prinzipiellen Unvorhersehbarkeit der Antwort des anderen geprägt und wird von der Offenheit der Konversation in Spannung gehalten. Ganz anders verhält es sich im Tagebuch, in dem stets der Monolog vorherrscht.

Oder:

Das Tagebuch ist und bleibt ein intimes Instrument der Selbstverständigung.

Am Ende jeden Kapitels findet sich eine Schreibaufgabe. Das Buch beginnt mit sehr einfachen, teils stark verkürzten Tagebuchformen in elliptischer oder stichpunktartiger Schreibweise und geht später über zu erzählenden Schreibformen, die bereits einen gewissen literarischen Charakter haben.

Eigentlich ist eine erzählte Chronik für Leser geschrieben. Sie weist bereits alle kommunikativen Merkmale eines literarischen Textes auf. Allerdings gibt es auch einen Typus des Tagebuchschreibers, der das Erlebte sich selbst erzählen muss, um überhaupt Aufzeichnungen anfertigen zu können.

Oder um es mit Dostojewski (engl. Übersetzung) zu sagen:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some thought, without being translated into human language, never mind into literary language.

Mich haben aber vor allem die verdichteten Formen interessiert, getreu dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“. Außerdem habe ich mir ein paar interessante Begriffe herausgepickt, so zum Beispiel „prismatischer Infantilismus“ (von Gottfried Benn), was so viel wie Offenheit für alles bedeuten soll. Man soll den Blick für die alltäglichen Geschehnisse schärfen und wie ein Kind auf die Welt schauen. Die Eindrücke werden dann in einem bunten Prisma gebündelt.

Am Duden-Buch selbst gefällt mir die raue Beschaffenheit des Buchdeckels und -rückens. Das handliche A5-Format und natürlich die abgerundeten Ecken. Oh ja, viel mehr Bücher sollten abgerundete Ecken haben!

Praktisch: Die Schreibaufgaben sind farblich markiert, so dass man sie mit einem Blick auf den Rand findet und gezielt aufschlagen kann.

Mit dem Tagebuchschreiben will ich mehrere Ziele verfolgen. Daher werde ich mich nicht für einen speziellen Stil entscheiden. Listen, Stichpunkte sind praktisch und kurz.

Von Anfang an geht es um Listen von Büchern, die sie [Susan Sontag] zu lesen sich vorgenommen hat, um das Hören und Beurteilen von klassischer Musik und um die Malerei der Moderne, die sie in den unterschiedlichsten Museen der Welt aufsuchen will. Sich über Sachverhalte, Konstellationen, Urteilsbegründungen und Debatten aller Art klar zu werden ist ein Zweck des Tagebuchs, das sie führen wird.

So lassen sich Geistesblitze oder „Raketen“ (Charles Baudelaire) gut notieren. Manchmal möchte man aber vielleicht einen Traum oder eine Stimmung festhalten – da muss dann schon ein wenig erzählt werden. Mein „Lektüretagebuch“ wird dieser Blog bleiben.

Ein anderes, im Buch vorgestelltes, wie ich finde, überaus interessantes Projekt, wenn wir von Lektüretagebüchern sprechen, scheint Jochen Schmidts Blog über seine Marcel-Proust-Lektüre zu sein (mittlerweile auch in Buchform erschienen). Der Reiz hier ist das etwas eingestaubte Proust-Buch im Kontrast zur modernen Schmidt-Rezeption.

In Zukunft sollen hier auf dem Blog auch mal politische Themen besprochen werden. Notizen zu diesen Themen sind jedoch auch in meinem privaten Tagebuch gern gesehen.

Es geht nun aber nicht mehr um die pure Selbstenthüllung, sondern um die Durchdringung von Ich und Welt, wie sie im Klangraum der eigenen Wahrnehmung erscheint und mittels der Schrift aufbewahrt werden soll.

In jedem Fall ist Tagebuchschreiben ein selektiver Prozess. Es wird genau ausgewählt, was aufs Papier kommt. Viel wichtiger noch:

Schreiben schafft Bedeutung und damit Wirklichkeit über die Modellierung von Formen. „Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen“, sagt Wittgenstein […].

Das habe bereits in diesem Beitrag beschrieben.

Damit all das in später noch durchschaubarer Weise ins Tagebuch wandert, ist ein System vonnöten. Klar, Datumsangaben helfen. Darüber hinaus können Themen wie „Traum“ mit „T:“ oder „Ideen“ mit „I:“ markiert werden. Gesellschaftlich Relevantem oder Politgeschehen kann ebenfalls ein Kürzel wie „P:“ zugewiesen werden. Auch farbliche Hervorhebungen (Schreibfarbe) sind möglich. Einrahmungen, Unterstreichungen und schließlich auch Haftnotizen in verschiedenen Farben sind denkbar, um bestimmte Einträge hervorzuheben. Wer möchte, kann auch Zeitungsausschnitte, Glückkekszettel, Fahrkarten oder was auch immer mit ins Tagebuch kleben.

Am Ende entsteht so eine ganz persönliche Chronik mit Gedanken und Ideen vor dem Kontext des „Weltgeschehens“, das man selektiv mit ins Buch genommen hat. Später kann es sehr reizvoll sein, noch mal in diesen Skizzen, Stichpunkten und Kurzerzählungen zu lesen. Manches möchte man vielleicht zu einer „richtigen“ Geschichte ausformulieren.

Schreibst Du Tagebuch? Und wenn ja, dann täglich oder nur sporadisch?

Was kommt bei Dir ins Tagebuch? Erzähl doch mal! Ich bin gespannt.

 

Figurensteckbriefe – Autorenwahnsinn

Obwohl ich momentan an einem Sachbuch sitze, schließt das natürlich das Schreiben von Erzählliteratur nicht aus. Neben mehreren fertigen Kinderbüchern, die auf Veröffentlichung warten, befindet sich in meiner Schublade ein heranwachsender Roman. Um den Überblick über die einzelnen Figuren zu behalten, bekommt jeder Charakter einen eigenen Steckbrief.

Figurensteckbrief

Wie sieht so ein Steckbrief aus? Auf einer Seite versammle ich ein paar Fakten in Stichpunkten zum Aussehen und anderen Personendaten (Größe, Augenfarbe, Haarfarbe [wenn vorhanden], Herkunft, Sprache/Dialekt,Verwandtschaft/Freundschaft zu anderen Figuren, etc.).

Bei Bedarf wird das Ganze mit einer Illustration, einem Zeitungsausschnitt, einem Foto oder mehreren als Vorlage versehen.

Zusätzlich gibt es zwei „Top 10“-Listen mit einerseits Dingen, welche die Figur mag und andererseits Dingen, die sie verabscheut. Man muss sich hier nicht zwingen, wirklich immer zehn Fakten zusammenzutragen. Vor allem zu Beginn darf hier einiges ausgespart werden, das später noch ergänzt wird.

Ganz unten ist Platz für weitere Anmerkungen wie besondere Eigenheiten.

So ist eine A4-Seite schnell gefüllt. Trotzdem habe ich alle wesentlichen Fakten auf einen Blick parat. Alles, was mir sonst noch einfällt, kommt in die „Akte“.

Die Akte: Figurenmappe

Weil sich natürlich niemand auf einer Seite zur Zufriedenheit beschreiben lässt, lege ich zusätzlich zu diesem Steckbrief, der quasi als Deckblatt fungiert, eine Akte an. In diese Akte oder Figurenmappe wandern lose Zettel, mit allem, was mir zur Figur als wichtig erscheint. Schließlich entwickelt sich eine Figur im Laufe des Schreibprozesses, so dass immer etwas dazukommt.

Auch der Steckbrief muss vor Schreibbeginn nicht vollständig ausgefüllt sein. Das würde mich auch zu sehr blockieren. Ich würde anfangen, mich auf bestimmte Eigenschaften zu stürzen und von der eigentliche Geschichte abkommen.

Was machen mit Steckbrief und Akte?

Ziel dieser Figurenbeschreibung ist es, seine Charaktere in- und auswändig zu kennen. Oder wie ich einmal bei einem Schreibworkshop gelernt habe: Man muss mit seinen Figuren Kaffee trinken gehen können. Sie müssen plastisch werden, echt und anschaulich. Richtige, authentische Persönlichkeiten zum Anfassen. Wenn mich nachts jemand weckte, müsste ich fähig sein, ohne große Überlegung, meine Figuren vorzustellen.

Im Buch müssen am Ende durchaus nicht alle Fakten aus Akte und Steckbrief landen. Im Gegenteil, wie im echten Leben auch, sorgt etwas Geheimniskrämerei auch für Spannung. Der Leser muss nicht immer alles wissen, ich aber schon, sonst wird meine Figur wässrig, durchlässig und entwickelt am Ende wahrscheinlich eine Reihe von ungewollten Widersprüchen.

In erster Linie ist so eine Übersicht natürlich wichtig, um nicht plötzlich der brünetten Hauptfigur eine blonde Mähne zu verpassen oder sonstige Flüchtigkeitsfehler zu begehen.

Roman? Autobiografie? Autobiografischer Roman! (Rezension)

Warum schreiben wir eigentlich?

Es gibt viele Gründe, etwas Verschriftlichtes für die „Nachwelt“ festzuhalten. Vielleicht wollen wir uns später an wichtige Momente unseres Lebens erinnern und schreiben deshalb Tagebuch. Vielleicht wollen wir den Überblick über gesellschaft-politisches oder kulturelles Geschehen behalten? Dann bietet sich eine Chronik oder ein Archiv an, wo wir Relevantes nach Kategorien geordnet sammeln können. All diese Scheibformen sind jedoch nicht nur reflexiv – wir reflektieren uns und unsere Umgebung, sondern auch nach innen gerichtet – introspektiv. Der eigene Blick auf die Welt bzw. wir selbst stehen im Vordergrund des Geschriebenen, das zunächst einmal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wir fertigen Notizen und Erinnerungen an, die nur wir oder höchstens ein ausgewählter Leserkreis lesen dürfen. Die Ausnahme bilden posthum veröffentlichte Tagebücher, sei es von Autoren oder anderen berühmten Persönlichkeiten. Ich denke hier zum Beispiel an „Das Tagebuch der Anne Frank“ oder „A Writer’s Diary“von Fjodor Dostojewski.

Tatsächlich beginnen viele Schreibtalente mit solchen Aufzeichnungen über die Realität und derartigen Reflexionen des Erlebtem ihre Schreibkarriere. Sie beginnen (Reise-)Tagebücher und Essayistisches aufzuschreiben, bevor sie sich größeren Schreibprojekten und dem Fiktivem zuwenden.

So ähnlich und doch ganz anders war das bei Hanns-Josef Ortheil. Dieser zeitgenössische, deutsche Autor beschreibt in „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“seinen Weg zum Schriftsteller – oder Autor. Zweiteres gefällt mir besser. Das dem Griechischen entlehnte Wort Autor von αὐτός = selbst klingt selbstständiger und weniger nach Schreiberling für irgendein Käseblatt, das Schriften, also Auftragsarbeiten, erstellt. Vom Griechischen ist das Wort ins Lateinische übergegangen, wo passend zum Adjektiv αὐτός das Substantiv auctor = Urheber, Schöpfer entsteht, also jemand, der aus sich selbst heraus etwas (er)schafft.

Es liegt also irgendwie bereits im Worte, dass wir stets aus uns selbst heraus schreiben, bevor wir für jemanden schreiben.

Schreiben als Passion, Sucht und zur Selbsthilfe

Manchmal wird das Schreiben und damit auch das Autordasein aus der Not geboren. So ist es bei Hanns-Josef Ortheil im Extremen gewesen und so ist es bei den meisten in wenngleich abgeschwächter Form. Auch für mich ist Schreiben stets ein sicherer Rahmen, ein Rückzugsort gewesen, wo ich aus der großen, weiten Welt Sinn für mich im kleinen Stil machen konnte.

Hanns-Josef Ortheil ist „das Kind, das schreibt“. Während er die ersten Jahre seines Lebens stumm gewesen ist. Genau wie seine Mutter, der es nach dem Verlust dreier Kinder die Sprache für lange Jahre verschlagen hatte, spricht Hanns-Josef als junges Kind nicht. Kurz bevor er eingeschult werden soll, beginnt zunächst sein Vater ein Projekt, das später auch die Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder spricht, wenn auch nur wenig, auf ihre Weise unterstützen wird: Eine Schreibschule der besonderen Art: Ohne universitäre Anleitung oder Vorbildung nach gewissen Normen oder sonstwas lehrt der Vater dem Jungen die Welt der Worte. Wohlgemerkt der Worte und nicht der Buchstaben! Denn das Erlernen einzelner Buchstaben macht für den Jungen einfach keinen Sinn, aber Worte, die haben Sinn und Bedeutung. Tja und genau darum geht es in „Der Stift und das Papier“. Um die Geschichte, wie der Junge, der einst nicht gesprochen hat, nun über das geschriebene Wort auch das gesprochene entdeckt. „Roman einer Passion“ lautet der Untertitel, doch ist das hier ein Roman? Und wenn ja, was für einer? Ist es nicht eine Autobiografie bis zum jungen Erwachsenenalter? Ein autobiografischer Roman? Ein Künstlerroman über den späteren Autor? Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman, der uns die Entwicklung vom „Kind, das schreibt“ zum Autor nachvollziehen lässt? Irgendwie alles ein bisschen.

Anleitung zum Schreiben

Daneben ist das Buch aber noch mehr und geht über die Geschichte von einem Jungen, Hanns-Josef Ortheil (den man wirklich mit Doppel-N schreibt), hinaus und lässt auch uns Leser an der zunächst nur väterlichen Schreibschule, später elterlichen Schreibschule, teilhaben. Somit ist „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ auch ein Handbuch, ein Leitfaden und ein Wegweiser für Schreibinteressierte und Schreibwütige. Wer das Buch überall mit hinnimmt, weil es eins der Lieblingsbücher geworden ist (ja!), mag es auch als Vademecum bezeichnen.

Der Vater im Buch (großer Hemingway-Fan, Geodät, Logiker mit genauen Vorstellungen von allem und der Welt, mit striktem moralischen Kompass sowie einer gehörigen Prise Begeisterungsfähigkeit) erinnert mich gleich zu Beginn, als ich all das in Klammern Geschrieben (bis auf Geodät) noch nicht weiß, ein bisschen an meinen eigenen Vater. Der ist Ingenieur gewesen (jetzt im wohl verdienten Ruhestand), wollte aber eigentlich mal Karikaturist oder Pilot werden. Ein kreativer Logiker vielleicht? Oder ein logisch veranlagter Kreativer? Wie auch immer. Entzündet wurde die Erinnerung oder der Vergleich mit dieser fabelhaften Textstelle:

Papa streicht mit der Hand über das milchige, dünne Papier. Er prüft, ob es auch wirklich fest und straff sitzt. Ich sitze neben ihm und streiche jetzt auch über das merkwürdige, fremde Papier. Es bedeckt den Tisch wie eine Haut. […] Jedenfalls fühlt sich dieses Papier sehr gut an, und es sieht auch nicht so abweisend und streng aus wie normales weißes Papier.

Gemeint ist Pauspapier, das der Vater für die Arbeit benötigt. Ich habe seit jeher eine besondere Vorliebe für kariertes Papier zum Schreiben und Millimeterpapier, weil das bei uns immer vorhanden war. Daneben hat mein Vater manchmal großflächiges Papier, das als Schreibtischunterlage diente, mit nach Hause gebracht. Da konnte man sich ganz anders entfalten als auf liniertem Papier (das hasse ich) oder „normalem weißen Papier“.

Es dauert eine Weile, bis ich alle Stifte gut gespitzt habe. Sie liegen jetzt dicht nebeneinander, wie eine Mannschaft, die zu einem Spiel antreten soll. Papa nimmt einen Stift nach dem andern in die rechte Hand und zieht mit jedem eine gerade Linie. Die Linien verlaufen genau untereinander und sind etwa gleich lang. Dann legt er die Stifte wieder hin und lässt mich ebenfalls lauter Linien untereinanderziehen. Plötzlich bemerke ich, dass die Stifte nicht gleich, sondern sehr verschieden sind. Einige sind hart und kratzen über das Papier, andere sind aber zu weich und dick, so dass keine dünnen, feinen, sondern breite und verschmierte Linien entstehen. Papa zeigt mir, dass auf jedem Stift einige Buchstaben und Zahlen stehen: HB, 2B, 3B … Dann zieht er noch einmal mit jedem Stift eine Linie und schreibt die Buchstaben und Zahlen, die zu dem Stift gehören, neben die Linie. Er sagt, ich solle so wie er noch einmal alle Stifte benutzen und Linien ziehen, aber ganz vorsichtig, „hauchdünn“. Als er „hauchdünn“ sagt, zieht er die Schultern etwas hoch.

Und ja, Ihr habt es erraten. Ich liebe es mit Bleistift zu schreiben. Bis vor der Lektüre hätte ich auch nicht den Finger darauf legen können, warum. Aber es ist genau die besondere Haptik vom Bleistift auf Papier. Das Geräusch, das leichte Absplittern von Graphit, wenn man etwas stärker aufdrückt, das Durchdrücken/die Spuren, die dabei auf der Rückseite des Papiers entstehen und der ganz eigentümliche Geruch von Bleistift. Und ja, zugegeben, auch der Geschmack … Ich bin ein Bleistiftkauer, wenn ich nachdenke.

So sieht man mich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Korrigieren (hier Bachelorarbeit) stets mit Bleistift.

Daneben mag ich Füllfederhalter. Die altmodischen. Die ohne Patronen. Also die, welche aus dem Fass direkt mit Tinte befüllt werden. Die auf Englisch so liebevoll „fountain pen“ genannt werden – wörtlich: Springbrunnenstift. Hat doch was? (Die einem beim Schreiben so schön die Hände einsauen.)

Meine Mutter ging das Schreiben, Zeichnen und andere verwandte Gestaltungsformen stets etwas chaotischer an als mein Vater. Sie hat mich, daran erinnere ich mich gut, noch vor dem Einschulalter regelmäßig mit Schreib- und Malmaterial aller Art versorgt. Der riesige Wohnzimmertisch, der eigentlich Esstisch war, wurde zum kreativen Refugium. Hier hat sie buntes Tonpapier, Kleber, Wachsmalkreiden und was nicht alles verteilt und dann hieß es: „Nun mach mal“. Ich hatte völlig freie Hand und konnte kritzeln, malen, kleben, zusammenfügen, was ich wollte. Dabei konnte ich die unterschiedlichen Eigenschaften von Papier und Stiften genau erkunden und erproben, so dass ich eigene Lieblinge entwickeln konnte. Filzstifte finde ich zum Beispiel doof, aber Tuschefarben und Buntstifte sind was Feines. Der feste Tonkarton erlaubt auch das Schreiben und Malen mit harten Stiften, ohne dass er reißt. Kombiniert man Komplementärfarben oder mischt Farben, entstehen tolle Kontraste oder interessante Farbspiele.

In Zeiten wie diesen, in denen immer mehr ABC-Schützen das Handschreiben schon gar nicht mehr beigebracht wird oder eine lapidare handgeschriebene Druckschrift anerzogen wird, sind gutes Schreibwerkzeug und ein Freiraum (meist zuhause) für kreatives Gestalten und vor allem Erkunden sowie Entdecken nach individuellen Vorstellungen besonders wichtig. Also danke, Mutti. Jeder sollte ab und an mal Stifte in die Hand nehmen, nur um festzustellen, wie der Kopf dabei ganz anders „synapsiert“.

Genau dieses Tempo der Schrift mit Hilfe der Maschine irritiert mich. Ich nehme mir deshalb vor, niemals mit zehn Fingern, sondern immer nur mit den beiden Zeigefingern zu schreiben. Dann eilt das Tippen meinem Denken nicht davon, sondern begleitet es. (Bis heute habe ich mich an diese Art des Tippens gehalten, selbst an einem Laptop tippe ich mit zwei Fingern, was unter lauter gut erzogenen Zehnfinger-Tippern, zum Beispiel in ICE-Zügen, einen skurrilen, altmodischen Eindruck macht.)

Egal! Denn:

Versuche ich nämlich, einen eigenen, gerade entstehenden Text zu tippen, so lenkt mich das Tippen jedes Mal ab. […] Ist der Text auf diese Weise getippt, scheinen die Hämmerchen mir zuzurufen: „Na und? Wie geht es weiter? Auf, los, mach doch!“

Tatsächlich haben Schreibmaschinen im Besonderen sowie auch Laptops in abgeschwächter Weise einen eigenen Schreibkopf, wie mir scheint. Das gilt aber auch für andere Medien:

Eine Postkarte ist viel besser als ein Telefongespräch. Ein solches Gespräch dauert höchstens ein paar Minuten und geht rasch vorüber. Da man sich während des Gesprächs beeilen muss, gerät man in Panik und redet lauter Unsortiertes. Man stammelt, wiederholt sich und spricht, wenn man steckenbleibt, über das Wetter.

Für mich ist das Schreiben (im Gegensatz zum Texten – ich unterscheide da strikt, wie zwischen Schriftsteller und Autor oder Texter und Autor) keine Pflicht, sondern Genuss, meist sogar Sucht.

Nein, das Schreiben ist keine „Arbeit“, sondern eine Abwechslung, schließlich kann ich ja nicht laufend gehen, stehen, essen, trinken, weitergehen, stehen, sehen, essen, trinken, laufen, schnaufen … Das wäre furchtbar langweilig und eintönig. Erst das Schreiben bringt in das Leben die nötige Abwechslung, viele Gedanken und auch reichlich Freude.

Kein Wunder also, dass für Hanns-Josef Ortheil sowie für mich das Schreiben ein Muss ist und mehr noch: ein Wollen.

Jetzt, am Ende dieses langen Textes, weiß ich, warum das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich geschaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mir „das Kind, das schreibt“. Schreiben ist für mich ein durch und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich damit auf, erlischt diese Empfindung sofort. So dass ich – möglichst bald und möglichst ohne längere Unterbrechung – wieder mit dem Schreiben beginnen muss.

Zusammenfassung

  • „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ von Hanns-Josef Ortheil
  • Buch über das Schreiben und vom Autorsein und -werden
  • gebundenes Buch mit Schutzumschlag
  • empf. VK-Preis: € 21,99 [D], € 22,70 [A], CHF 29,90
  • erschienen am 9.11.2015
  • ISBN: 978-3-630-87478-4

Ich bedanke mich beim Luchterhand-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.