Die Mittelmeerreise – eine Odyssee der Adoleszenz (Rezension)

„Das Kind, das schreibt“, wird erwachsen. „Die Mittelmeerreise“* von Hanns-Josef Ortheil versteht sich als inoffizielle Nachfolge von „Der Stift und das Papier“. Weil ich den Vorgänger so ins Herz geschlossen habe, wollte ich natürlich wissen, wie es weitergeht.

Inoffizielle Fortsetzung zu „Der Stift und das Papier“

Hanns-Josef Ortheil vereint die Liebe zur Musik sowie zur Literatur in einer Person. Heute ist er Pianist, Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Das erfährt man, ohne die Nase tief in den über sechshundertseitenschweren Schmöker zu stecken. Es steht auf dem Schutzumschlag. Wer das Lesevergnügen von hinten aufzäumt, so wie ich, stolpert sogleich über die Nachbemerkung. Die Neuerscheinung lebt von jahrzehntealten Texten.

Alle Texte dieses Buches sind 1967 entstanden, die kursiv gedruckten noch während der Reise, die normal gedruckten in den Monaten unmittelbar danach.

Der Autor hat für das Buch Archivarbeit betrieben und all die Schriftdokumente aus dem Familienfundus in einem Buch zusammengefasst. Wenn ich jetzt eine Rezension verfasse, über wessen Arbeit schreibe ich dann eigentlich? Über die des jugendlichen Johannes Ortheil oder über die vom erwachsenen Schriftsteller? (Ich habe mich schon beim letzten Buch von ihm gefragt, wie man zu „Hanns“ mit Doppel-n kommt. Es ist die Kurzform von Johannes.)

Der beschwingte Wechsel zwischen der Erzählperspektive „Kind“ und „sich erinnernder Erwachsener“ war genau das, was „Der Stift und das Papier“* für mich so reizvoll gemacht hat. Auch in diesem Werk wird gewechselt, zwischen Briefen und Tagebucheinträgen von ihm und seinem Vater (kursiv) sowie der eigentlichen Geschichte (recte).

Ein Coming-of-Age-Roman im Mantel der Odyssee

Während es mir beim letzten Mal schwerfiel, das Buch einer Textgattung zuzuordnen – Roman, Autobiographie oder vielleicht doch Ratgeber? – macht es mir der Autor diesmal leicht: Entwicklungsroman, im Speziellen handelt es sich um einen Coming-of-Age-Roman mit klaren Bezügen zur Odyssee. Wir schippern von der Nordsee in die Ägäis. Außerdem ist der junge Ortheil damit beschäftigt, auf dem Frachter Homer zu lesen. Er lernt bisher fremde Kulturen kennen und auch einiges über sich selbst.

Der Roman muss zunächst an Fahrt gewinnen. Ehrlich gesagt geht es auf den ersten dreihundert Seiten nur schleppend voran. Klar, wir, als Leser oder Leserinnen, müssen uns erstmal in die Geschichte einfühlen. Denn wer war schon mal auf einem Frachtschiff? Eben. Nicht so viele. Aber zwischen den ganzen Beschreibungen der Verladetätigkeit, dem Tagesablauf auf dem schwimmenden Metallkoloss und der Route mit gelegentlichen Anlegepunkten vermisse ich den Plot. Der Autor verliert sich in einer Gedankenwelt und Personenbeschreibungen, dass man sich fragt: Wo soll das eigentlich hinführen? Ich bin womöglich ähnlich verloren wie Odysseus in der antiken Vorlage.

Der fiebernde Wahn der Seekrankheit holt Johannes ein. Für mich ist das insofern interessant, als die Seekrankheit in gewissem Zusammenhang zur Histaminintoleranz steht, worüber ich einen anderen Blog führe, ansonsten geben die tagelange Übelkeit, das träumerische Delirium sowie der schwankende Horizont jedoch nicht sooo viel her. Obwohl, das Ganze hat mich zu einem Gedicht angeregt! Du hast den letzten Blogeintrag womöglich gelesen.

Doch dann endlich die Ankunft in Patras! Wir haben wieder festen Boden unter den Füßen und endlich eine Story. Außerdem bekommen wir bald eine neue Figur vorgestellt. Was wäre ein Coming-of-Age-Roman ohne Love Interest?

Im Kopf des Protagonisten, der freilich aus dem Ich heraus erzählt, schwirrt alsbald so einiges umher. Er verstrickt sich in Widersprüche, lässt Delia in dem Glauben, älter zu sein, als er ist. Schön zu lesen ist, dass auch die Sprache eine andere Qualität bekommt. Der trockene Reporterstil wird wesentlich genauer, tiefer und emotionaler.

Ein Schreibstil, der begeistert

Irgendwie muss man das Innenleben des pubertierenden Ortheil ja zu fassen bekommen. Ein paar besonders schöne Wortkreationen habe ich mir herausgeschrieben. Flüchtige „Schmetterlingsküsse“ zum Beispiel. So eine treffende Beschreibung für die vorsichtige Annäherung zwischen zwei Heranwachsenden! Ohne ins Kitschige abzudriften, stecken in der Formulierung die Schmetterlinge im Bauch und die zögerlichen Berührungen. Auf Seite 476 zieht Ortheil dann alle sprachlichen Register, um die überwältigende Schönheit des Sonnenuntergangs von Kap Sounion (kann ich nur bestätigen) in Worte zu fassen.

Ein Sonnenuntergang läuft auf eine Gefühlserpressung hinaus, die meisten, die ihn erleben, werden weich und sentimental und geben sich der roten Wolkenzuckerwatte hin, als wäre sie der süße, alles ins Versöhnliche umbiegende Nachtisch (zum sonst bitteren Leben). Im normalen Sonnenuntergang steckt kaum ein Prozent Wahrheit, sondern eher sind darin neunzig Prozent Tschaikowsky und neun Prozent Elgar (der normale Sonnenuntergang ist also ein Mixgetränk, das auch noch …). Kap Sounion bietet aber einen anderen Sonnenuntergang, einen einzigartigen, unverwechselbaren.

Allein wegen Seite 476, das gebe ich zu, freue ich mich, das Buch gelesen zu haben. Denn was Ortheil in „Der Stift und das Papier“ geschafft hat, Worte zum Auf-der-Zunge-Zergehen-lassen zu vermengen, gelingt ihm auch an dieser Stelle. Die genaue Beobachtungsgabe und, wichtiger noch, das präzise wie emotionale In-Worte-Gießen des Erlebten zeichnen Hanns-Josef Ortheil aus und machen ihn zu einem der zeitgenössischen Autoren, deren Werke ich in kürzester Zeit verschlinge, sie am Ende zuschlage und denke: Schade. Doch jedes Lesevergnügen kommt irgendwann an ein Ende.

Die Lektüre dürfte Jugendlichen wie Erwachsenen gleichsam Freude bereiten. Der obligatorische doppelte Boden, damit sich beide Gruppen zwischen den Seiten wiederfinden, ist durchaus vorhanden, nicht zuletzt, da Ortheil, wie schon im Vorgängerbuch, seinen Vater auftreten lässt und so auch eine erwachsene Identifikationsfigur bietet.

Wer zwischen Buchdeckel und -rücken gerne auf Reisen geht, hat mit der Mittelmeerreise ein willkommenes Transportmittel gefunden, das einen auf die Irrfahrt der Jugend mitnimmt. Doch keine Angst, spätestens auf Seite 636 ist wieder Land in Sicht.

Zusammenfassung

Ich bedanke mich beim Luchterhand-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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Rezension – „Hirn ist aus“ von Urban Priol

Es läuft zu unchristlicher Zeit, ist bitterböse und doch zum Lachen: politisches Kabarett. Wenn ich als Teenager länger aufbleiben wollte, dann häufig weil nachts noch ein Programm von Volker Pispers, Urban Priol oder Georg Schramm über den Schirm flimmerte.

Mittlerweile kann ich selbst entscheiden, wann ich das System genüsslich verhöhnen möchte. Das Internet macht’s möglich. Ach ja, und dann sind da noch CDs, DVDs und – Bücher.

Doch bei lauthalsen Querdenkern wie Urban Priol, nur echt mit steiler Ich-habe-in-der-Steckdose-geschlafen-Frise, fehlt bei der Lektüre etwas. Neben Kostüm und Aufmachung vor allem die Intonation.

Trotzdem war ich neugierig auf „Hirn ist aus“* von Urban Priol. Zusätzlicher Grund für eine zum Zweifel hochgezogene Augenbraue: Das Büchlein ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Es ist erstmals 2011 erschienen. Doch ist das nicht auch eine Chance?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Das Publikationsdatum fällt in die Hochphase der Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“, an die „Die Anstalt“, meiner Meinung nach, nie so recht anknüpfen konnte. Doch selbst zu diesem Zeitpunkt erscheinen viele der politischen Anekdoten in diesem Buch bereits veraltet.

Schließlich war die Ära von „Böps, dem Dicken“ zu diesem Zeitpunkt längst Geschichte. Trotzdem finden sich zahlreiche Anspielungen auf Helmut Kohl im Buch, dessen gefühlte Amtszeit für einige von uns noch länger als sechszehn Jahre angedauert hat. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass während er Bundeskanzler war, einige Umbrüche über uns hereinbrachen. Nicht zuletzt der Mauerfall und der Fall des Eisernen Vorhangs. Doch genauso wenig wie David Hasselhoff die Mauer eingerissen hat, hat sie Kohl gesprengt. Ehre, wem Ehre gebührt. Das war wohl eher Gorbatschow. Der Kanzler der Einheit war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Insofern liegt Helmut Kohl stets wie ein langer (und breiter) Schatten über dem wiedervereinigten Deutschland. Vielleicht holt ihn Urban Priol auch deshalb immer mal wieder aus der Versenkung. Ganz ehrlich: Seine Mimesis von Kohl ist aber auch legendär. Nur da sind wir wieder beim Problem. Da kann Priol noch so lautmalerisch in die Tasten hauen. An seine imititatorische Performance reicht das Schriftstück in Schwarz-Weiß nicht heran.

Dass er es trotzdem versucht, dass wir seine Stimme im Ohr haben, zeigt sich auch an der dialektnahen Wiedergabe von SPD-Kreuzfahrtschiffpassagieren. Trotzdem wirkt es am Ende einfach mehr gekünstelt als originell.

Eine Leseerfahrung macht das kapitelweise Schmökern (dieses Buch liest man nicht in einem durch) trotzdem für mich wertvoll. Die Erkenntnis: So viel hat sich eigentlich nicht verändert. Kandidaten und Kanzler kommen und gehen. Das Hamsterrad dreht sich immerfort weiter.

Und da denke ich wieder an Urban Priol, dessen Jahresrückblick „Tilt!“ traditionell auf immergleiche Weise mit den Worten schließt:

Das nächste Jahr wird mit Sicherheit wieder genauso bescheuert wie dieses. Machen wir das Beste draus.

Zusammenfassung:

  • „Hirn ist aus“* von Urban Priol, mit Illustrationen von Greser &Lenz
  • Highlights aus dem Schaffen des politischen Kabarettisten in Wort und Schrift
  • empf. VK-Preis: € 8,99 [D], € 9,30 [AT], CHF 12,90
  • Taschenbuch, erschienen am 11.04.2011
  • ISBN: 978-3-453-60195-6

Ich bedanke mich beim Heyne-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Von einem, der auszog, den Terror zu verstehen (Rezension)

Zugegeben, es erscheint ein bisschen gedankenverloren, das folgende Buch als Reiseliteratur im Gepäck zu haben – zumindest wenn man Heiligabend im Zug sitzt. Ich hatte ein paar Tage zuvor damit begonnen, „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* zu lesen. Quasi als logische Folge nach „Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden“ nahm ich mir das nächste Todenhöfer-Buch vor, das ähnlich vielversprechend klang. Und wie das so ist: Hat einen ein Buch erstmal gefesselt, kann man es nicht mehr aus der Hand legen.

Erst als ich auf meiner Fahrt die ersten Brauenhochzieher, Stirnrunzler und Augenaufreißer im Vorbeigehen bemerkte, war mir klar: Hoppla, der Titel ist ausgerechnet an Heiligabend wohl nicht die beste Wahl für das Lesevergnügen unterwegs. Don’t judge a book by its cover hin oder her, fortan legte ich das Buch ein wenig tiefer, damit man nicht sofort erkennen konnte, was draufstand. „Inside IS“ konnte schließlich gut missverstanden werden. Als Anleitung zum Beispiel: So kommst du da rein. Oder so ähnlich. Klar, das Werk trägt nicht umsonst den Aufkleber „Spiegel Bestseller“. Deshalb muss das Buch aber längst nicht jedem ein Begriff sein.

Na gut, nachdem ich sichergestellt hatte, nicht irgendwann als potentielle Terrorzelle aus dem ICE gezogen zu werden, indem ich das Cover besser verbarg, konnte ich weiterlesen. Nicht nur, dass ich noch ein paar Stunden Fahrtzeit vor mir hatte (ich wusste ja, dass ich nichts „Böses“ las), der Stoff war einfach zu spannend zum Weglegen.

Wie bei einem guten Krimi versteht es Jürgen Todenhöfer, den Leser bzw. die Leserin von Anfang an in den Bann zu ziehen. Ein hitchcockiger Mix aus Suspense und Surprise sorgt dafür. Wider Erwarten (für mich jedenfalls) beschreibt das Buch nicht nur die zehn Tage im ‚Islamischen Staat‘, sondern zunächst die ganze Vorgeschichte, wie es zu den zehn Tagen gekommen ist. Schließlich verschickt der IS keine Einladungen an Journalisten: „Hey, schaut doch mal vorbei und berichtet, wie es bei uns so ausschaut!“ Das Gegenteil ist der Fall. Journalisten haben sich wortwörtlich um Kopf und Kragen geschrieben. Denn Kritik ist im ‚Islamischen Staat‘ nicht gerngesehen. Ein Beweis dafür ist etwa das Video von der Exekution des US-amerikanischen Journalisten Steven Sotloff, dem IS-Terroristen den Kopf abgeschlagen haben.

Wer journalistisch tätig ist, möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden. Da erscheint es suizidal, zu dieser enthauptenden Gruppe zu reisen. Jürgen Todenhöfer hat es trotzdem vor. Nicht weil er lebensmüde ist, sondern weil er … neugierig ist und die Wahrheit wissen will. Bisher ist ja kaum einer lebend da rausgekommen. Ein bisschen wie Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ darf man sich fragen: Wo kommen dann all die Geschichten her, die wir in den Zeitungen lesen? Nur aus YouTube-Videos?

Todenhöfer nutzt Social Media, um an IS-Anhänger heranzukommen. Er schreibt einige an. In der Regel mit geringer Antwortquote. Salim, so sein Kampfname, schreibt zurück. Es folgen Skype-Interviews mit dem 30-Jährigen, die irgendwann wie aus heiterem Himmel abbrechen. Später erfahren wir, dass der Mann wohl getötet worden ist. Die Auszüge aus den Aufzeichnungen geben einen zugleich bewegenden wie ernüchternden (ja, das geht) Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der sich dem IS angeschlossen hat. Todenhöfer interessiert, was einen Menschen dazu treibt, einem solchen Tötungskult (nicht sein Wort) mit scheinbar religiöser Unterfütterung beizutreten.

Ein wichtiger Punkt sind die Jahrhunderte anhaltenden Kriege des Westens gegen den Osten. Okzident gegen Orient. Nicht erst seit Bush Juniors Irakkrieg haben verschiedene Koalitionen die Region in Angst und Schrecken versetzt. Die dafür vorgeschobenen Gründe – Massenvernichtungswaffen, Beteiligung an den Attacken des 11. Septembers etc. – haben sich für die großteils muslimisch geprägten Länder wie den Irak nicht bewahrheitet. Die einst von den USA an den Irak verkauften Waffen sind nie gefunden worden. Das Gros der 9/11-Attentäter stammte aus Saudi-Arabien, doch der „Krieg gegen den Terror“ ging gegen den Irak, dessen Bevölkerung nach Jahren von Sanktionen ohnehin am Boden lag.

Nur eine Folge von Krieg sind Flüchtlinge. Einige davon, nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus anderen kriegsgebeutelten Ländern der Region, sind unter anderem nach Europa geflohen, wo mittlerweile ein nicht-kontextualisierter Islam-Skeptizismus bis Islamhass die Runde macht. Ohne Kontext, weil das Mantra zu gelten scheint, das Todenhöfer auf S. 22 in einen Satz presst: „Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Muslim“ und nachsetzt, wie unsinnig eine solche Sicht ist.

Umgekehrt wird eine Tat wie der Anschlag in Bottrop Anfang dieses Jahres jedoch nicht mit „terroristisch“ oder „extremistisch“ in den Medien beschrieben, sondern als „fremdenfeindlich“ und enthält den Hinweis auf eine „psychische Erkrankung“ (das gilt nicht nur für den verlinkten Artikel). Doch was – als Terror – ist das gezielte Zusteuern mit dem Auto auf Menschen, egal welcher Herkunft, in einer Fußgängerzone? Muslime dieser Länder können sich angesichts des islamfeindlichen Klimas und solcher Berichterstattung also doppelt gebeutelt fühlen. Sie sind dem Krieg nicht entkommen. Er scheint sich in Europa auf anderer Ebene fortzusetzen.

Problematisch finde ich die folgende Passage im Buch aber dennoch:

In Deutschland wurde übrigens bis heute nicht ein einziger Deutscher durch „islamistische“ Terroristen getötet. Aber allein seit 1990 wurden in Deutschland 29 Muslime durch Rechtsradikale ermordet. (S. 22)

Was ist etwa mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016? (Anm.: nach Veröffentlichung des Buchs passiert) Dann gab es noch einen Anschlag auf eine Regionalbahn bei Würzburg im gleichen Jahr, jedoch ohne Tötungsopfer. Vermag Todenhöfer Recht zu haben? Die Liste mit rechtsextremem Motiv auf Wikipedia ist jedenfalls lang und steht in keinem Verhältnis zu den „islamistisch“ motivierten Anschlägen.

Zurück zu Salim. Obwohl ihn Todenhöfer als „einfach“ beschreibt, hat er ein recht differenziertes Bild von dem, was der IS für ihn bedeutet. Jedenfalls mehr als „Ungläubigen“ den Kopf abzuhacken. Er ist ein Mann voller Widersprüche und, wie Todenhöfer auch schreibt, ein „fast gutmütig wirkender“ Mann, ich würde ergänzen: naiv. Woran macht er das fest? Eine Frage ist in diesem Zusammenhang besonders interessant.

JT: Wenn jetzt bei euch ein Alawit durch die Straßen läuft, was passiert dann mit ihm?
Salim: Er hat seine Religion, ich habe meine Religion. Er greift mich nicht an, ich greif ihn nicht an. Dann kann er doch durch die Straßen laufen. […]
Man muss die Shariah verstehen. Einen Kinderschänder tötet sie. Wenn einer klaut, wird ihm jedoch nicht gleich die Hand abgehackt. Die Shariah wäre keine Shariah, wenn sie einem Armen die Hand abschlägt, der zu Hause nichts zu essen hat. Das ist keine Shariah. Die Art von Shariah, in der der König einen fetten Bauch hat und mein Nachbar hungert, will ich auch nicht. Das ist keine Shariah. Shariah ist, dass jeder essen kann, dass jeder das Recht hat auf Schutz, auf Frieden und dass jeder das Recht hat, sicher zu leben und nicht beklaut zu werden. Der Dieb bekommt die Hand nur ab, wenn er alles hat und trotzdem eine Frau beklaut. Das ist Shariah.
JT: Haben Sie jemals in Deutschland irgendwo etwas geklaut?
Salim: Ich habe in Deutschland viel Mist gemacht (lacht). Ich habe rumgedealt, Schläge ausgeteilt, rumgelogen, alles, was man so machen kann, habe ich gemacht, außer töten und so. (S. 60 f.)

Ganz anders ist der Mann, der Todenhöfer schließlich den Weg in den IS ebnet: Christian E. oder, wie er sich im IS als Kämpfer nennt, Abu Qatadah. Bevor Todenhöfer in den IS reist, lässt er sich über ihn eine Art Lebensversicherung besorgen: ein Schreiben vom Kalifen, das für ihn und seinen Sohn Frederic Schutz garantieren soll.

Noch bevor Todenhöfer in den IS aufbricht, trifft er sich, nach Absprache mit Christian E., mit dessen Mutter. Ihr Sohn tritt als schlau auf, aber als gleichsam kompromisslos. Wie über Nacht hat er sein Zuhause verlassen, um sich dem IS anzuschließen. Seine Mutter will, was wahrscheinlich jede Mutter will: ihren Sohn wiedersehen und in die Arme schließen.

Doch jemand wie Christian E. wird wohl kaum nach Deutschland zurückkehren. Jedenfalls nicht ungestraft. Er vertritt extremere Ansichten als Salim, wie sich exemplarisch an dieser Diskussion zeigt.

JT: Und was geschieht, wenn es irgendwo zu einer Vergewaltigung kommt? Wird der Vergewaltiger bestraft?
CE: Was verstehen Sie unter Vergewaltigung?
JT: Eine Frau zu zwingen, Verkehr zu haben.
CE: (Lacht.) Das ist immer relativ. Was bedeutet zwingen? Was bedeutet zwingen, wenn einem diese Person als Sklavin gehört?
[…]
Wenn man den Täter dabei erwischen würde, würde das als Unzucht und Hurerei klassifiziert. Wenn er verheiratet wäre, würde er zu Tode gesteinigt. Wenn er unverheiratet ist, bekäme er 100 Peitschenhiebe. Wenn sie aber seine Sklavin wäre, wäre das natürlich eine andere Geschichte. (S. 145)

Christian E. ist der, der Jürgen Todenhöfer und seinen Sohn gemeinsam mit einem vermummten Fahrer durch den IS führen wird. Wie das dort abläuft – ich sagte, es liest sich wie ein Krimi, nur dass es grausame Realität ist – soll der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin selbst herausfinden.

Ob es dem Autor gelingt, seine Mission – die Wahrheit über den IS zu schreiben – zu erfüllen? Bestimmt. Mit messerscharfer Genauigkeit seziert Todenhöfer die Hintergründe vom IS und zeichnet das überaus widersprüchliche Bild seiner Realumsetzung – samt Ämtern, Krankenhäusern und fast allem, was so zu einem Staat gehört. Eine funktionierende Post gibt es aber beispielsweise nicht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „Ein eindrucksvolles, bedrückendes und kluges Buch.“

Zusammenfassung:

  • Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* von Jürgen Todenhöfer
  • Hintergründe und Realität eines „Terrorstaats“ vor Ort
  • empf. VK-Preis: € 10,00 [D], € 10,30 [AT], CHF 14,50
  • Taschenbuch, erschienen am 12.12.2016
  • ISBN: 978-3-328-10083-6

Ich bedanke mich beim Penguin-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Von Krieg und Frieden – eine Rezension

Es ist ein sonniger, aber kühler Tag, an dem wir uns auf dem Breiten Weg einfinden. Aus Spaß sage ich zuweilen Broadway zu der ausgedehnten Straße im Magdeburger Stadtzentrum, die wie ein russischer Prospekt wirkt. Meine Oma und ich sind Richtung Hasselbachplatz unterwegs und gehen dabei an alt wirkenden Neubauten im Zuckerbäckerstil und den wenigen barocken Prachtbauten vorbei, die der Zweite Weltkrieg verschont hat. Nachdem meine Oma von der Demonstration erfahren hat, will sie unbedingt mit. Es sei wichtig, dass gerade ihre Generation dort ebenfalls vertreten sei. Deutschland habe so viel Unheil in der Welt angerichtet, daher sei es vor allem hier umso wichtiger, gegen den Krieg einzustehen. Es ist 2003 und George W. Bush plant, den Irak anzugreifen. Meine Oma hält die in den Medien zitierten Gründe für vorgeschoben. Massenvernichtungswaffen, Involvierung bei den Anschlägen am 11. September 2001 … Vor allem die Zivilbevölkerung würde unter dem „Krieg gegen den Terrorismus“ leiden – und wie ironisch doch der Begriff „Krieg gegen Terrorismus“ allein sei! Man muss unweigerlich an Peter Ustinov denken …

An diesem Tag gehen hunderte, tausende Menschen in Deutschland und der Welt auf die Straßen um gegen den bevorstehenden Irakkrieg zu demonstrieren. Meine Oma staunt über diese länderübergreifende Organisation und bedauert, dass das in ihrer Jugend nicht so einfach gegangen wäre. An diesem Tag im Januar ist meine Oma fast 80 Jahre alt und schon nicht mehr so gut zu Fuß. Ich frage sie, ob sie sich so eine Demo körperlich zutraue. Sie lächelt verschmitzt und sagt: „Wenn du mitkommst.“ Na, klar komme ich mit.

Zur Sicherheit nimmt meine Oma ihren Gehstock mit. Sie erklärt mir in der Wohnung, dass der nicht nur als Gehhilfe taugt und sie ihn dazu wahrscheinlich ohnehin nicht braucht. Tja, man weiß ja nie, wie so eine Demo verläuft. Faustdick hinter den Ohren hat es diese alte Dame.

Wir fahren mit der Straßenbahn zum Allee-Center. Die Demo ist schon in vollem Gange. Meine Oma wird zögerlich, als sie die Menschen mit ihren großen Bannern und Tröten vorbeiziehen sieht. Ich sehe, dass wir bei ihrem Tempo sicher nicht schritthalten können. „Wir gehen einfach hinten mit“, schlage ich vor. „Das ist gut. Dann halten wir niemanden auf“, gibt sie zurück. So gehen wir in der letzten Reihe und fallen zusehends zurück. Hinter uns fährt ein Konvoi Streifenwagen im Schritttempo als Schlusslicht, das das Ende des Demonstrationszugs markiert. Ein paar Polizisten gehen vor den Fahrzeugen. Als wir so langsam werden, dass die Autos sich langsam nähern, legt einer der Polizisten einen Gang zu, bis er schließlich neben uns geht.

Er fragt meine Oma, ob es ihr gutgehe. „Aber ja“, sagt sie. Er scheint nach dem Rechten sehen zu wollen und bittet meiner Oma auf Höhe der alten Staatsbank den Arm zum Einhaken an. Als ich mich umdrehe, sehe ich in die fragenden und teils argwöhnischen Gesichter seiner Kollegen. Mit einem Lächeln auf den Lippen sagt meine Oma irgendwann zum Polizisten. „Sie demonstrieren ja nicht. Gut, dass Sie nach dem Rechten sehen“, und lächelt dabei. Ein Schmunzeln kann er nicht verbergen.

So eskortiert uns ein Polizist, bei dem nicht klar ist, ob meine Oma ihn oder er sie im Schlepptau hat, bis zum Hasselbachplatz. Am nächsten Tag erzählt sie mir lachend von einem Zeitungsartikel, der von „überwiegend jungen Demonstranten“ berichtet. Mein Vater ist etwas ungehalten, als er von „unserer“ Demonstration erfährt. Wie ich auf die Idee komme, eine bald 80-Jährige zu so einer Veranstaltung mitzuschleppen? Das sei doch gefährlich! Ich entgegne nur, ob es ihm lieber gewesen wäre, sie wäre allein gegangen. Außerdem hätten wir „Polizeischutz“ genossen, lache ich. Er schüttelt nur sanft den Kopf, sagt aber nichts mehr. Er weiß ja, dass man seine Mutter von so einem einmal gefassten Entschluss, also zur Anti-Kriegsdemo zu gehen, ohnehin nicht hätte abbringen können.

Jürgen Todenhöfer ist nicht meine Oma, nicht einmal dieselbe Generation. Dennoch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie haben die Kriegstreiberei der Deutschen erlebt und auch die Luftangriffe am Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutsche Städte. Er in Hanau, meine Oma in Magdeburg. Als Kind hat er sich während der Bombardements aus dem Haus geschlichen und die Feuersbrunst mit blutigem Himmel in nicht allzu weiter Ferne gesehen. Was im Stadtzentrum in dieser Nacht passiert ist, erzählt ihm später sein Großvater.

Meine Oma hat die Bombardierung Magdeburgs in einem Keller miterlebt. Viel mehr weiß ich darüber aber auch nicht. Man hat eben doch Berührungsängste, danach zu fragen. Als Kind wollte ich dennoch verstehen, wie das ging, dass die Deutschen solche Gräueltaten vollbrachten, und auch, warum, als der Krieg schon verloren schien, Innenstädte in ganz Deutschland bombardiert wurden. Hatten die alle mitgemacht, auf die da die Bomben niederhagelten? Außerdem war Krieg damals ein so abstraktes Konzept wie Universum für mich. Wie ist das also, im Krieg?, wollte ich wissen. Meine Oma erzählte, wie sie einmal Bekannte am Breiten Weg besucht hatte. Sie sollte Essen von dort abholen oder hinbringen, ich weiß nicht mehr genau, als sie, damals als Jugendliche, aufgeregt von jemandem in einen Luftschutzkeller getrieben wurde. Dort saßen Mütter mit ihren wimmernden Kindern und alte Herren und sie. Stickig sei es gewesen und draußen krachte es schlimmer als zu Silvester. Sie erzählte, wie sie den Mauern nicht traute. Ob die halten? Und sie erzählte, wie sie nicht sagen kann, was sie schlimmer fand: Das Wimmern oder das Krachen. Beides wollte einfach nicht aufhören. Man vergaß da unten die Zeit. Nach einer gefühlten Ewigkeit ging sie wieder über Tage. Der Breite Weg war nicht wiederzuerkennen. Unwirklich.

Jürgen Todenhöfer schreibt: „Dann gehe ich in die Stube und frage ihn [seinen Großvater] – wie meine Mutter später erzählt – mit dem großen Ernst eines kleinen Kindes: „Darf man im Krieg auch Kinder töten?“ Mein Großvater antwortet nicht. […] Wir Deutschen haben ihn [den Krieg] angefangen. Aber darf man deshalb Städte verbrennen und Kinder töten?“ (S. 34)

Doch sein Buch „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* handelt eigentlich nicht vom Zweiten Weltkrieg. Doch dass er nicht nur vom Zweiten Weltkrieg gelesen und ihn nicht einfach nur erzählt bekommen hat, sondern selbst erlebt hat, hat ihn von Kindesbeinen an verändert. Ich denke, man kann auch als Nichtkriegskind einen Abgesang auf den Krieg schreiben. Doch der Impetus, es zu tun, ist bei ihm wie bei meiner Oma, die unbedingt zur Demo gegen den Irakkrieg wollte, ein anderer, ja, womöglich ein stärkerer. Denn obwohl man nicht alles gesehen haben muss, um es zu verstehen, lässt sich nach einmal Gesehenem nicht einfach so wegschauen. Fällt der Perspektivwechsel leichter? Vielleicht. Jedenfalls ist Krieg für Jürgen Todenhöfer ganz anschaulich und alles andere als abstrakt. Um mir ein Bild vom Kriegstreiben zu machen, habe ich jahrelang diverse Bücher gelesen. Ja, und nun auch seins.

Jürgen Todenhöfer hat eigentlich nicht den Hintergrund eines Autoren oder Journalisten. Der Jurist ist auch kein Linker, so wie meine Oma sich wohl politisch eingeordnet hätte. Er saß stattdessen von 1972 bis 1990 für die CDU im Bundestag. Agnostisch erzogen und in einer katholischen Privatschule zur Schule gegangen, vereine ich selbst womöglich das eine oder andere Paradoxon, das nicht mit einem Widerspruch zu verwechseln ist. Fjodor Dostojewski, einer meiner, wenn nicht mein Lieblingsautor, ist selbst in der politisch-konservativen Ecke zu verorten, die sich auf einen christlichen Wertekatalog beruft. In heutiger Zeit kommt dann jedoch schnell die Frage auf, wie ernst ist es solchen verbeamteten „Christen“ mit ihrem Glauben. Wie christlich war Angela Merkels Bedauern, George W. Bush nicht beim Irakkrieg unterstützen zu können? Sie war ja (noch) nicht Bundeskanzlerin.

Jürgen Todenhöfer scheint die mit dem „C“ in CDU verbundenen Werte ernst zu nehmen. Vor allem aber, und deshalb könnte man ihn vornehmlich für einen Journalisten halten, hat er Quellenarbeit betrieben und ist kein „Schreibtischpolitiker“, wie er einen speziellen Typus in seinem Buch nennt. Er ist in zahlreiche Kriegs- und Krisengebiete gereist, um sich selbst ein Bild zu machen – Risiko hin oder her. In seinem Buch berichtet er von den Erlebnissen, die er gemacht hat. Dabei wirft er bereits eingangs Fragen auf, wie wir sie auch in jedem Dostojewski-Roman so oder ähnlich finden könnten.

At what distance does love for humanity end?

– Fyodor Dostoevsky in „A Writer’s Diary„*

Die Todenhöfer-Variante lautet:

„Warum ist das, was im eigenen Land ein schändliches Verbrechen ist, außerhalb der Grenzen eine Heldentat?“ – S. 39

In seinem Buch geht Jürgen Todenhöfer solchen und anderen Fragen nach und bewegt sich dabei irgendwo zwischen den Genres Memoiren und Reportage. Der sehr persönliche Zugang zu derart großen Fragen haucht dem ganzen Unterfangen Leben ein. Wenngleich die Moral von der Geschicht‘ bereits im Titel „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* steckt, so ist die Erzählung über Kriege – vor allem über den in Libyen und Syrien – doch alles andere als plump oder schwarz-weiß.

Das erzählerische Kaleidoskop, das Todenhöfer eröffnet, ist gerade das, was mir etwa beim Buch von Annabel Wahba zu ähnlicher Thematik gefehlt hat.

Gleichzeitig stellt sich dasselbe Problem: Ein Großteil der Angaben ist für den Leser nicht verifizierbar. Man müsste dabei gewesen sein. Um dem entgegenzutreten, unterfüttert Todenhöfer seine Erzählung an ausgewählten Stellen mit Zeitungsartikeln, Daten renommierter Organisationen und anderen Querverweisen, die in einem Literaturverzeichnis einsehbar sind. Den Denkanstoß, den Todenhöfer mit seinem Buch wohl geben möchte, liefert er. Doch darüber hinaus lässt er den Leser nach dem Zuschlagen des Buches nicht mit leeren Händen stehen. Tatsächlich ist das Buch als literarisches Sprungbrett zu verstehen, nun eigene Recherchen anzustellen.

Auf den ersten Blick harsche oder gar Pauschalaussagen wie solche:

Wir haben in der muslimischen Welt seit Beginn des Kolonialismus nie die Werte unserer Zivilisation verteidigt, sondern immer nur unsere Interessen. – S. 65

lassen sich tatsächlich bestätigen – und das nicht erst durch den eingangs erwähnten Irakkrieg, den George W. Bush und Tony Blair losgetreten haben – natürlich aus sicherer Distanz.

Todenhöfer spricht in diesem Zusammenhang auch von „Sofastrategen“ (S. 111). Die, die den Krieg nie gesehen haben, trommeln an die Front. Die heute natürlich allzu oft nicht mehr mit Schützengräben durchzogen ist, sondern sich entlang haushoch schwirrender Drohnen und Kampfjets in vom Boden unsichtbarer Höhe erstreckt.

Ich werde Selbstmordattentate immer ablehnen. Aber haben westliche Politiker recht, wenn sie junge Selbstmordattentäter „feige“ nennen? Ist es nicht viel feiger, wie westliche Schreibtischpolitiker andere für seine Ideale sterben zu lassen? – S. 81

Der Mythos vom moralischen und sauberen Krieg mit Zielgenauigkeit hält sich dennoch. Tote Zivilisten werden schwammig und unpersönlich mit Collateral Damage umschrieben. Doch sie hinterlassen traurige, verzweifelte und wütende Angehörige sowie Freunde.

Kriege sind Terrorzuchtprogramme. – S. 63

Weil sie alles – nur nicht Frieden – hinterlassen. Wann kommt der Erdteil, wo Afrika auf Asien trifft, endlich zur Ruhe? Wann haben Krieg oder „militärische Interventionen“ ein Ende? Was wurde denn damit erreicht, z. B. in Libyen? Dass dort nun ein zerstückeltes, gebeuteltes Stück Land vorliegt – ein Failed State, in dem es den Menschen noch schlechter geht, als je unter Gaddafis Militärdiktatur.

Wir sollten wirklich alle Politiker, die für Krieg eintreten, vier Wochen in Kampfgebiete schicken. Zu Patrouillenfahrten. Ohne BKA-Schutz. Es würde keine Kriege mehr geben. – S. 88

Für Todenhöfer ist dieser scheinbar utopische Vorschlag insofern jedenfalls ernst gemeint, als dass er sich keine Doppelmoral vorzuwerfen hat: Er war in Kriegsgebieten, hat mit Terrorgruppenanführern, politischen Gefangenen, Taxifahrern und vielen anderen Menschen vor Ort gesprochen und dabei Freundschaften geschlossen; aber im Krieg auch Freunde verloren, so wie Abdul Latif, dem das Buch gewidmet ist.

Der Krieg in Syrien nimmt neben dem Militärschlag gegen Libyen eine besondere Rolle im Buch ein, vielleicht auch wegen der nicht abzustreitenden Parallelen zum Irakkrieg in Sachen Kriegslegitimierung oder Kriegsrhetorik.

Mindestens die Hälfte der Meldungen über Syrien war falsch oder irreführend. Bei manchen Politikern wunderte mich das nicht. Sie vertraten strategische Interessen. Bei unseren Medien erstaunte es mich. Weil ich an ihr Ethos, ihre Wahrheitsliebe glaube. […]

Über zwei Jahrzehnte lang habe ich in dieser Branche gearbeitet. Und großartige, gewissenhafte Journalisten kennengelernt. Dass sie sich nach dem Lügendesaster des Irakkriegs noch einmal so täuschen lassen würden, hätte ich nicht für möglich gehalten. – S. 212 f.

Welche Lügen sind es diesmal, die die kriergerische Intervention in Syrien vor deutschem Publikum rechtfertigen sollen? Todenhöfer berichtet von gefälschten und falschen Videos.

Während meiner Anwesenheit berichtete Al-Dschasira mehrfach von Großdemonstrationen auf bestimmten Straßen von Damaskus. Doch wenn wir hinfuhren, war weit und breit alles ruhig. Die Inhaber von Geschäften erzählten uns, sie hätten die Fernsehberichte ebenfalls gesehen und seien vorsichtig auf die Straße gegangen. Auch sie hätten nichts entdecken können. […]

Am 17. Mai 2011, kurz nach Beginn des Aufstandes, wurde im deutschen Fernsehen sogar ein alter Film aus dem Irak als syrische Realität verkauft. Auf ABC Australia lief im Frühjahr 2011 ein Film aus dem Libanon des Jahres 2008 als Syrien-Reportage. – S. 213 f.

Ein Unterkapitel (S. 216-219) ist der auch in deutschen Medien oft zitierten „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ in Coventry, England gewidmet, die sich schon mit diesem Namen allein einen wissenschaftlichen, offiziellen Anschein gibt.

In Wirklichkeit besteht dieses so bedeutungsvoll auftretende „Observatorium“ aus einer Person mit dem Kunstnamen Rami Abdul Rahman und dem Echtnamen Osama Ali Suleiman. […] Keiner übertreibt und fälscht so wirkungsvoll wie Osama Ali Suleiman. – S. 216 f.

Ist Todenhöfer deshalb ein Verteidiger Assads? Nein. Vielmehr pocht er auf die Selbstbestimmung der syrischen Bevölkerung, die – nicht eine Kraft von außen – selbst entscheiden muss, ob, wann oder wie Assad „gehen muss“. Als roter Faden zieht sich außerdem der mahnende Zeigefinger durch das Buch, der die mal mehr, mal weniger latente Doppelmoral von vom Westen initiierten Kriegen anzeigt – eine Doppelmoral, die die Bildzeitung mit der Überschrift zu einem Kommentar: „Oh doch, es gibt gute und böse Bomben!“ ironischerweise auf den Punkt gebracht hat.

Ein polemischer Ausruf, der mich zum Anfang des Buches zurückführt, wo es auf S. 34 heißt:

Der Teufel bediente sich in jener Kriegsnacht [19. März 1945 in Hanau, Anmerkung E. R.] nicht nur der Deutschen. Vielleicht ahnte ich damals zum ersten Mal, dass es keine anständigen Kriege gibt.

Zusammenfassung

Ich bedanke mich beim btb-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

 

Noch vor dem Internet: Dostojewski war der erste Blogger

Manch einer mag sich wundern, wie ich bei einem Autor, der von 1821 bis 1881 gelebt hat, zu der scheinbar wahnwitzigen Aussage komme, er sei der erste Blogger gewesen. Doch tatsächlich lässt sich das Unterfangen, was Fjodor Michailowitsch Dostojewski mit „Дневник писателя“, zu deutsch „Tagebuch eines Schriftstellers“ oder auf englisch „A writer’s diary„, unternommen hat, so am besten beschreiben, wie ich finde. Im Folgenden möchte ich erklären, warum und Dir gleichzeitig ein Buch vorstellen, das mich seit Februar in seinen Bann zieht und nun wohl zweifelsohne zu meinen Lieblingsbücher gehört.

Kommentar, Chronik, Tagebuch, Kritik, Entwurf – ein Blog?

Obwohl ich Russisch in der Schule hatte (sogar bis zum Abitur), stand für mich schon vor dem Buchkauf fest: „Дневник писателя“ werde ich in der Übersetzung lesen. Nur welche Fassung, die deutsche oder die englische? Nach ein wenig Recherche, entschied ich mich für die englische Übersetzung von Kenneth Lantz. Der Grund? Der Herr ist Professor für Russische Literatur an der Universität für Toronto und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sein Steckenpferd. Anders als so mancher Verlagsübersetzer, der vieles einfach mal so in seine Muttersprache überträgt, haben wir es hier mit einem tatsächlichen Slawisten zu tun, das war mir wichtig. Obwohl mein Russisch bis heute locker dazu reicht, einen Tee zu bestellen, über das Wetter zu plaudern und sonst wie Smalltalk zu betreiben, traue ich mich an große Werke der Literatur in russischer Originalsprache dann doch nicht heran. Der Wetterbericht und Goethe sind ja auch zwei paar Schuhe, nicht wahr? Eben.

Ein anderer Grund: Die Übersetzung von Kenneth Lantz, obwohl sie eine gekürzte Fassung ist, ist mit zahlreichen Anmerkungen und einem gut recherchierten Vorwort versehen. Bei diesem wohl brisantesten Buch von Dostojewski kommt man nicht umher, dem Leser im Vorhinein ein paar Hinweise und Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. Da geht es um historische Kontexte und natürlich um die bekannte, leidige Kontroverse: War Dostojewski Antisemit?

Tatsächlich werden im Buch zahlreiche Themen behandelt. Zeitgeschehen, von Kriminalfällen, die den Autor beschäftigt haben über kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zu pamphletartigen Politbekenntnissen und nachdenklichen, theoretischen Überlegungen, wird fein säuberlich seziert. Ähnlich wenig zimperlich verfährt Dostojewski mit Schriftstellerkollegen und bespricht zum Beispiel „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Dabei erstreckt sich das Buch über einen zeitlichen Rahmen von 1873 bis 1881 und befindet sich damit am Ende von Dostojewskis Schaffen. Es endet auch irgendwie abrupt und lässt die Frage offen, ob es, wäre Dostojewski nicht am 9. Februar 1881 gestorben, fortgesetzt worden wäre. Womöglich.

Daneben finden wir im Buch zahlreiche Geschichtenskizzen und Figurüberlegungen, die wohl Einfluss auf sein späteres Werk „Die Brüder Karamasow“ gehabt haben dürften. Interessant ist außerdem, dass Dostojewski sich hin und wieder die Zeit nimmt, auf Leserbriefe und Zeitungskritiken zu antworten. Auch das finden wir in „A writer’s diary“, das weit mehr als nur ein Tagebuch ist, wie man bereits erahnen kann. Das Werk wurde monatsweise in mehr oder minder regelmäßigen Abständen (mit Unterbrechungen) in Zeitschriftenform veröffentlicht. Denn WordPress, Blogger & Co gab es damals ja noch nicht. Ansonsten wären diese Formate ideal für das chronologisch fortlaufende Werk gewesen, wie ich meine. Man muss sich jedoch einmal vor Augen führen, wie ausgefallen dieses literarische Konzept zur damaligen Zeit gewesen sein muss, so ganz ohne roten Faden, außer dass eben der Autor derselbe bleibt!

Zu dem zunächst seltsam anmutenden Blog-Vergleich bin ich gekommen, als ich überlegte, wo eigentlich dieser Blog hier einzuordnen ist. Anders als mein Projekt Histamin-Pir.at gibt es auch hier, wie bei Dostojewskis Tagebuchprojekt, keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln, oder doch?

Eine Texter-Kollegin, die ich sehr schätze – Lilli Koisser – erklärt auf ihrem Blog für Texter sehr anschaulich und mit aller Deutlichkeit, was einen Texter-Blog ausmachen sollte. Er muss vor allem eins haben: Eine Nische. Und obwohl ich diese Seite hier auch zur Kunden-Akquise nutze bzw. um mich als Texter im Netz zu präsentieren, befolge ich diesen Rat ganz und gar nicht 🙂 Hier auf dem Blog geht’s tatsächlich um mich als Schreiberling (schweres Don’t!). Was beschäftigt mich? Was hilft mir im Berufsalltag? Was lese ich gerade? Irgendwie geht’s um Gott und die Welt. Schreiben als Tätigkeit und die Gedanken, die dem vorausgehen, spinnen den roten Faden der Website. Denn so sieht mein Berufsalltag aus: Er ist sehr vielseitig. Ich schreibe für Agenturen, für andere Blogs, für Ratgeberseiten und beginne dann auch noch eigene Projekte, nur für mich. Der lose Zusammenhang zeigt sich als Buchstabensalat.

Und, war Dostojewski da so anders (nicht, dass ich behaupte, mit dem gleichen Talent gesegnet zu sein!)? Hat der sich seinen Kopf darüber zerbrochen, wie er sich marketingtechnisch, SEO-optimiert positionieren würde oder hat er einfach nur die ursprünglichste Form eines Blogs in der Auseinandersetzung mit seinem Umfeld geführt? Ging es ihm nicht einfach auch um Austausch? Schließlich war auch er nicht nur Autor, sondern auch Journalist. Allzu viele Blogs haben heute mit dem, wie Bloggen einst begonnen hat, nichts mehr zu tun. Sie schreiben den Leser nicht mehr an, sondern schreiben ihm etwas vor oder halten ihm Produkte unter die Nase, mit dem unmissverständlichen Tenor: Du brauchst das! Kauf es!

Und ich nutze sie auch – Affiliate-Links. Aber was immer da verlinkt ist, brauchst Du nicht. Das rede ich Dir auch nicht ein. Du wirst ohne nicht umkommen und mit nicht zum perfekten Menschen. Aber es gefällt mir und vielleicht auch Dir, so wie zum Beispiel das angesprochene Buch von Dostojewski. Es hat mir etwas gegeben und vielleicht auch Dir. Lass es mich wissen! Darum geht’s. Und es sind diese zwei Motive: Selbstreflexion und der Austausch mit der Leserschaft, die einen Blog und auch „A writer’s diary“, meiner Meinung nach, ausmachen. Also schauen wir mal rein.

Food for thought: Zitate aus „A writer’s diary“

Während ich das letzte halbe Jahr in „A writer’s diary“ bis Seite 533 gelesen habe, hat mich mein eigenes Notiz- und irgendwie auch Tagebuch stets begleitet. Einige Passagen habe ich mir direkt rausgeschrieben, andere lediglich mit bunten Klebezettelchen im Buch selbst markiert. Die Passagen, die mich besonders bewegt haben, gibt es im Folgenden als kleine Zitatesammlung:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some sort, without being translated into human language, never mind literary language.

Das obige Zitat fand ich besonders interessant (der erste Eintrag in meinem Notizbuch). Das aus dem Munde des Mannes, der Meister des Kettensatzes ist, der manchmal keinen Punkt zu kennen scheint und überhaupt als Genie des Bewusstseinsstroms gilt! Da wird einem vieles klar oder nicht?

Reality is transfigured passing through art.

Die Umgestaltung der Wirklichkeit durch Kunst ist die Aufgabe eines jeden Kreativen. Den Satz mal sacken lassen oder auf einem Streifen ins Federmäppchen legen! Vergiss es nie.

An anderer Stelle plädiert Dostojewski dafür, aus dem gleichen Material mehr als nur ein Werk zu machen. Ich habe es bereits hier erwähnt: Es gibt Themen, die sich durch unser Schaffen ziehen und meist schöpfen wir immer wieder aus der gleichen Quelle für immer neue Ergebnisse. Ist so. Bei mir ist das u. a. Sterben, bei Dostojewski ist das u. a. Suizid, aber sicherlich aus völlig unterschiedlichen Gründen. Während Dostojewski durch das Studium der menschlichen Seele und von Zeitungsartikeln als schwer religiöser Mensch zu ergründen versucht, warum jemand den Wunsch verspüren könnte, sich umzubringen, geht es bei mir oft um das Prozessuale des Sterbens, um das Vergängliche im Leben – um die Frage, was bleibt und wo gehen wir hin?

So ist Dostojewski beispielsweise der Meinung, der Teufel sei ein Agnostiker. Und scheint auf „mein Thema“ so zu antworten:

I am a happy man who isn’t satisfied with everything.

Seine Charakterstudie eines Selbstmörders hält fest, dass diese Menschen meist von ungeduldiger Erschöpfung (impatient fatigue) geplagt werden und sich durch ein furchtbares, quälendes Ausmaß von angeekeltem und zynischem Unglauben (terrible, agonizing amount of disgusted and cynical unbelief) (in andere Menschen) auszeichnen. Somit haben sie offensichtlich jedes Vertrauen in Wahrheit und allen Glauben an Pflicht verloren und der Überdruss von Leben ermüdet sie. Das scheint vor allem auf wohlwollende, freundliche und ehrliche Menschen zuzutreffen. Doch Selbstmordgedanken machen noch keinen Suizid. So schreibt Dostojewski:

I think that many suicides and murders have been committed simply because the person had already taken the pistol into his hand.

Wie sonst können die gleichen Umstände und Voraussetzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen? Das wird zum Beispiel in „Crime and Punishment“ oder „Verbrechen und Strafe“ deutlich, als Raskolnikow nicht nur eine geizige Pfandleiherin umbringt, um der Frage nach einem „gerechtfertigten/erlaubten Verbrechen“ nachzugehen, sondern auch ihre zufällig erscheinende Halbschwester tötet, was weder geplant noch gewollt war, aber er hatte die Axt nun mal schon in der Hand und er hatte bereits getötet. Außerdem: Sie wäre eine Zeugin gewesen.

Um den Roman „Verbrechen und Strafe“ zu verstehen, muss man übrigens unbedingt (!!!) den Epilog lesen. Sonst wird die Intention des Autors nicht klar.

Noch eins zum Thema Selbstmord und dann werden wir politisch.

Only with faith in the immortality of the soul you can understand the sense of earthly being. Without that suicide becomes a necessity for any intellectual being.

Einer der wichtigsten Sätze – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse in der Welt – ist der folgende, der offenbar auf das Phänomen „Ah, das ist weit weg …“ anspielt:

At what distance does love for humanity end?

Das Wort Kasino-Kapitalismus finden wir unweigerlich beim Autor von „Der Spieler“ in leichter Abwandlung wieder – „stock-exchange gambling“ – im 19. Jahrhundert. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Dostojewski diesen Roman nicht (nur) aufgrund von etwaiger Spielsucht, sondern tatsächlich als Kritik am Finanzsystem geschrieben hat. Oh, und er hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Finanzen! Er war übrigens auch nur so hochverschuldet bzw. willig am Roulettetisch sein Glück zu versuchen, weil er einen riesigen Schuldenberg von seinem älteren Bruder vererbt bekommen hatte, der nun abbezahlt werden musste, ein Fakt, der nur allzu gern unterschlagen wird.

Eine wunderbare Definition von „Kultur“ (lat. colere = pflegen, bebauen, cultura = Ackerbau, Pflege) liefert Dostojewski im Folgenden, auch wenn es nicht als Begrifferklärung hierfür explizit gemacht wird:

When a nation loses the urge for general individual self-betterment in that spirit in which it originated, then all „social institutions“ begin to die out, for there is nothing more to preserve.

Generell haben viele Passagen an Aktualität nicht verloren, sondern nur gewonnen. Manche Textstellen lesen sich erstaunlicherweise so als wären sie gestern geschrieben worden. Diese hier in ihrer Vollständigkeit wiederzugeben, würde jedoch den Rahmen sprengen. Wer diesen überraschenden und schockierenden Aha-Effekt erleben möchte (Was, das hat der Ende des 19. Jahrhunderts schon gesagt?!), liest am besten selbst mal rein.

Bevor ich diesen Beitrag beende, gibt es jedoch noch eine Frage zu beantworten, die ich eingangs aufgeworfen habe. Was ist dran: Dostojewski und der Judenhass? Denn das ist ja, was heute gemeinhin mit Antisemitismus gemeint wird.

Dostojewski und Antisemitismus

Bereits in der Einleitung nimmt sich Kenneth Lantz dem Thema selbst an und weist auf ein paar, zugegebenermaßen sehr harsch formulierte Passagen im Buch hin. So würden die Juden, würden sie je über Russland herrschen, die Russen versklaven, massakrieren und komplett ausrotten, „as they did more than once with alien peoples in times of old in their ancient history“. Juden, Jiddisch, Israeliten – all diese Terme werden synonym durcheinandergeworfen und teils mit drastischen Zuschreibungen versehen. Dabei ist die Rede von einem abstrakten „Yiddism“, von einem gewissen Geist – selten von konkreten Menschen. Die auch heute noch allzu häufige Verknüpfung von Finanzwesen, Kapitalismus, Ausbeutung und Internationalisten mit Juden findet sich ebenso bereits bei Dostojewski. So streitbar das klingen mag, wäre es dennoch falsch, den Autor als Judenhasser per se abzustempeln. Warum?

Wie bereits Lantz in der Einleitung anmerkt, ist Folgendes im Falle von Dostojewski hervorzuheben:

Dostoevsky does not draw the conclusion that those whom the Jews would enslave or exterminate would be justified in expelling or exterminating the Jews first.

Er ruft also zu keinem Zeitpunkt zu Beschimpfungen, Gewalttaten oder sonstigem gegen Juden auf. Ein Kapitel im Speziellen beweist sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich meine das Kapitel „The Funeral of ‚The Universal Man'“. Hier wird die Beerdigung eines deutschen Arztes beschrieben, der in M. praktizierte und Protestant war. Nun, warum erzähle ich das und was hat das mit der aufgeworfenen Frage zu tun? Dostojewski selbst erzählt von dieser Beerdigung auch nur, weil er einen Leserbrief erhalten hat, in welchem selbige beschrieben wird und zwar von einer Jüdin. Daran ist ja immer noch nichts Besonderes. Und doch soll diese Episode nicht unerwähnt bleiben. Denn was Dostojewski an diesem sehr gutherzigen Arzt so herausragend fand, war der Respekt, der ihm auf seinem letzten Weg entgegengebracht wurde. Die Leserin schreibt in ihrem Brief:

A pastor and a Jewish rabbi spoke at his [the doctor’s] graveside, and both wept; but he just lay there in his old, worn uniform coat with an old handkerchief tied around his head – that dear head; and it seemed that he was sleeping, so fresh was the color of his face …

Dostojewski selbst eilt Kritikern voraus und stellt selbst fest, es handle sich um einen „isolated case“. Am Ende nimmt er denselben isolierten Fall jedoch als Musterbeispiel dafür, wie unterschiedliche Religionsgruppen und Ethnien friedlich und glücklich miteinander leben könnten und schreibt:

All this is very simple; only one thing seems complicated: just to become convinced that without these same isolated instances you will never arrive at a total; everything may be about to fall apart, but it is these people who can bring it together. They are the ones who inspire ideas; they are the ones who give us faith; they provide a living example, and so a proof as well. And there’s certainly no need to wait until everyone, or at least very many people, are as good as they are: we need very few such people in order to save the world, so powerful are they. And if such is the case, then how can we not hope?

Jemand, der sich derart über das Zusammentreffen von Pfarrer, Rabbi und allen anderen Bewohnern eines ganzen Ortes bei der Beerdigung eines wohltätigen Menschen freut, der diese Verständigung als beispielhaft für Nächstenliebe, und mehr noch, als zukunftsweisend, beschreibt, der wirkt auf mich nicht wie ein Antisemit. Trotzdem sind auch die anderen angesprochenen Textstellen im Buch vorhanden.

Kann man (Jugendlichen) heute noch Krieg erklären?

Krieg – das ist ein Thema, das für uns hier (zum Glück) entweder weit weg oder sehr verstaubt klingt. In Deutschland oder Österreich sind wir zumindest nicht vor Ort in der eigenen Heimat in bewaffnete Konflikte verwickelt. Kein Bombenhagel in Berlin, kein Maschinengewehrfeuer in Wien. Dabei tobte noch vor nicht einmal 30 Jahren in nicht allzu großer Entfernung Krieg – inmitten von Europa: Das zerfallende Jugoslawien stand in Flammen und mit dabei? Zahlreiche NATO-Staaten unter US-amerikanischer Führung.

Und heute?

Seit Barack Obama noch 2008 versprach die Truppen aus dem Irak und Afghanistan abzuziehen und für sein Versprechen von einer atomwaffenfreien Welt den Friedensnobelpreis einsackte, hat der ehemalige US-Präsident Luftangriffe bzw. anderweitige Militärinterventionen in sieben Ländern initiiert:

  • Afghanistan
  • Syrien
  • Irak
  • Libyen
  • Jemen
  • Somalia
  • Pakistan

Die Friedensnobelpreisdrohne war auch die, welche mehr Menschen deportiert hat als alle US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts zusammen. Und doch kommt er gegenüber dem neuen US-Präsidenten, der gerade nicht einmal 100 Tage im Amt ist, mit einem besseren Image davon. Aber er hatte ja bereits 2008 noch einen weiteren Preis abgeräumt, den AOL-gesponserten Marketing-Preis von Advertising Age. Und so ist es heute weniger Propaganda, als gut gemachte PR, hervorragendes Marketing, welches nicht nur das Kaufverhalten, sondern vor allem das Denkverhalten lenken soll. Begriffe werden auf geradezu orwellsche Weise verzerrt: Stabilität wird Destabilität. Frieden bedeutet Krieg. Moderate Rebellen sind in Wahrheit bewaffnete Terroristen und wer das sagt, sitzt den Fake News auf.

Tatsächlich bin ich nicht vor Ort in Syrien oder im Irak, doch die wenigsten, die mich als Lügner bezeichnen, sind dies ihrerseits gewesen. Im Gegensatz zu den meisten von ihnen nutze ich jedoch zu einem Großteil Quellen, die vor Ort waren oder sind, so wie die kanadische Journalistin Eva Bartlett oder der ehemalige CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer oder die RT-Korrespondentin Lizzie Phelan oder der australische Journalist und Filmemacher John Pilger. Wir sind auf solche Journalisten angewiesen, die uns durch ihre Kameralinse ein Fenster zur Welt öffnen. Ein Fenster zur Welt öffnen – das sollte auch gute Literatur.

Über Krieg reden

So habe ich mich gefreut, als ich vom Jugendbuch „Tausend Meilen über das Meer: Die Flucht des Karim Deeb„* erfahren habe. Das Jugendbuch für ein Publikum ab 12 Jahren versprach interessant zu werden, schließlich sollte das Schicksal der Bevölkerung – oder zumindest eines Jungen – in den Vordergrund gerückt werden. Vielleicht würden wir Fluchtbeweggründe, aber damit auch den Syrienkrieg besser verstehen. Also habe ich mir das Buch zur Rezension bestellt:

„Nach einer wahren Geschichte“ steht auf dem Buchrücken von Annabel Wahbas Jugendroman „Tausend Meilen über das Meer: Die Flucht des Karim Deeb“*. Das Schlüsselwort ist „nach“. Denn während sich die Geschichte eingehend mit der Flucht eines syrischen Jungen aus Homs befassen möchte, sollte dem Leser klar sein, dass Karim, der in Wirklichkeit anders heißt, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, das Buch nicht selbst geschrieben hat.

Verfasserin ist die ZEIT-Redakteurin Annabel Wahba, die Karim für das Buch interviewt hat. Karim lebt seit 2013 in Deutschland und ist über den Seeweg von Ägypten aus geflüchtet. Die beschwerliche Reise mit überfüllten Schiffen, zu wenig Essen und Trinken sowie gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen wird im Buch ebenso beschrieben, wie der Eingewöhnungsprozess in Deutschland. Karim kann in Deutschland wieder zur Schule gehen und ist nicht ständig mit kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert. Dennoch ist sein Alltag nicht ohne Probleme. Eine Facebook-Nachricht, die ihm ein Mädchen mit einem Foto von sich mit nacktem Oberkörper geschickt hat, lässt Karim aufgrund zahlreicher Missverständnisse (er hätte das Bild in Umlauf gebracht), beinahe von der Schule fliegen. Dabei hat er Millie nie darum gebeten, das Foto zu machen, auf dem man zwar ihre Brüste, nicht aber ihr Gesicht sehen kann. Weitergeleitet hatte er es nur einer Klassenkameradin. Matija sollte ihm erklären, was die dazugehörige Nachricht „Ich will, dass du mir meine Unschuld nimmst“, zu bedeuten hätte. Danach hatte Karim das Bild sogleich gelöscht. Nicht, dass es noch sein strenger Onkel Amir finden würde! Offenbar hatte aber Matija, die Millie ohnehin nicht leiden kann, das Bild dann zirkulieren lassen.

Eigentlich mutet es seltsam an, dass Facebook Karim beinahe zum Verhängnis wird. Schließlich kennt er sich ganz gut mit dem sozialen Netzwerk aus:

In Palmyra verbrachte ich Stunden im Internetcafé, um Facebook-Seiten von Assad-Anhängern zu hacken. Sie verbreiteten falsche Nachrichten über die Lage in Homs und beleidigten die FSA [Freie Syrische Armee]. Ich habe diese Posts gelöscht oder die Seiten ganz geschlossen. Das Know-how dazu habe ich mir selber Stück für Stück im Internet beigebracht. Du musst als Hacker natürlich dafür sorgen, dass du nicht erwischt wirst. Ich legte mir für Facebook ein Pseudonym zu und veränderte mit ein paar Einstellungen am Rechner sowohl meine IP-Adresse als auch die Geräte-ID, sodass der Geheimdienst, der das syrische Netz überwacht, meinen Standort nicht ermitteln konnte.

Die Formulierung „nach einer wahren Geschichte“ ist eine juristische Absicherung der Autorin. Denn nicht alle im Buch vertretenen Charaktere (deren Namen auch geändert wurden), haben ihr Verständnis gegeben, darin vorzukommen. In einigen Fällen wäre es auch nur schwer oder gar unmöglich gewesen, dieses Einverständnis einzuholen. Freunde von Karim sind im Krieg  gestorben. Von anderen Bekannten und Verwandten ist nicht klar, wo sie sich aufhalten usw. Somit ist es für den Leser also unmöglich, das im Buch Geschriebene zu überprüfen. Es kann nur so, wie es niedergeschrieben wurde, hingenommen werden. Schließlich handelt es sich um einen Roman, der irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation anzusiedeln ist. Damit steht Karims Geschichte exemplarisch für einen syrischen Flüchtling. Uns wird erzählt, wie er die Geschehnisse in Syrien, Ägypten und schließlich in Deutschland wahrgenommen hat.

Frau Wahba hat sich bewusst dagegen entschieden, eine Dokumentation aus dem Buch zu machen. Als Leser sind wir daher aufgerufen, kritisch zu bleiben, bei allem Leid, dass Karim und anderen Flüchtlingen weltweit widerfahren ist und nach wie vor leider widerfährt – oder vielleicht gerade deswegen sollten wir kritisch bleiben. Schließlich tobt der Krieg in Syrien, aber auch in den nahe gelegenen Ländern Jemen, Irak, Libyen, Afghanistan etc. nach wie vor. Terrororganisationen haben bewusst Menschen nach Europa als „Flüchtlinge“ eingeschleust und damit das Leid der gebeutelten Bevölkerung für ihre Zwecke missbraucht. Der „Arabische Frühling“, ein Begriff, der zunehmende Proteste in einigen Ländern Nordafrikas und der arabischen Welt bezeichnet, ist vielerorts fehlgeschlagen. Was als Aufstand der Zivilbevölkerung gegen die Regierungen ihren Anfang nahm, kippte bald in militärische Auseinandersetzungen, die auch vor Einflussnahme von außen nicht geschützt waren. Hinzu kommen Hinweise, dass womöglich auch die Aufstände bereits von außen angestachelt wurden.

Annabel Wahba vermeidet jedoch bewusst, diese Kontexteinordnung ihrer Geschichte. Sie schaut nicht mit einem Weitwinkelobjektiv auf die Geschehnisse in Syrien (und anderen Ländern). Stattdessen bleibt es im Buch bei der Geschichte vom „syrischen Bürgerkrieg“, der auch im Buch vornehmlich als Kampf einer unterdrückten Bevölkerung gegen den „Diktator Baschar al-Assad“ porträtiert wird. Im Vordergrund stehen unterschiedliche Religionsgruppen (Sunniten/Wahabiten vs. Schiiten/Alawiten) – ein Glaubenskrieg. Nur am Rande wird Bezug genommen auf das „Aufbegehren“ in Libyen, auf die militärische Unterstützung von „Rebellen“ wie der Freien Syrischen Armee durch Saudi-Arabien. Dass Saudi-Arabien selbst alles andere als eine Demokratie ist, sondern im Gegenteil als Keimgrund für die extremistische Bewegung des Wahabismus gilt, wird dabei jedoch nicht erwähnt.

Annabel Wahba zieht es vor, eine sehr selektive Geschichte zu erzählen, die vieles auslässt bzw. im Ungewissen lässt und geht damit womöglich an dem selbst gesetzten Ziel „die Beweggründe für die Flucht“ verständlich zu machen und den Flüchtlingen „nahe zu kommen“ sowie „sich in ihre Lage zu versetzen“ vorbei.

So zeichnet das Buch ein Bild in Schwarz-Weiß: der Diktator Baschar al-Assad ist böse, die Rebellen – vor allem die Freie Syrische Armee – sind gut. Hinzu kommen die üblichen Klischees: Syrien ist ein muslimisches Land, die Frauen tragen alle Kopftücher und können großteils nicht schwimmen. Dabei ist Syrien ein säkulares Land, in dem es auch eine christliche Glaubensgemeinschaft gibt (auch in Karims Heimatstadt Homs). In Damaskus, der Hauptstadt, gibt es sogar Weihnachtsdörfer in der Adventszeit, die auch im letzten Jahr wieder die geschmückten Straßen zierten, nachdem es aufgrund des Kriegs im Land in den Jahren zuvor schwierig war, solche Feierlichkeiten einzurichten. Jedenfalls handelt es sich bei Syrien nicht um eine Theokratie per se (im Gegensatz etwa zum Königreich Saudi-Arabien). Der Diktator (dessen „Name nur heimlich ausgesprochen werden darf“) wurde im Jahr 2014 wiedergewählt und setzte sich dabei gegen eine Reihe von Kandidaten durch, während einige andere erst gar nicht zur Wahl standen. Die sogenannten Rebellen haben die Wahlen in den von ihnen kontrollierten Gebieten großteils boykottiert bzw. verhindert.

Die sogenannten Rebellen sind bewaffnete Gruppen und nicht einfach nur Oppositionsparteien. Sie werden sowohl von den USA, als auch von so „menschenfreundlichen“ Ländern wie Saudi-Arabien (hier lesen wir komischerweise nie „Diktatur“ oder „Gottesstaat“), mit Waffen, Munition und Söldnern versorgt. Von „moderat“, wie in vielen Medien zu lesen ist, kann also bei den Rebellen nicht die Rede sein. Stattdessen sind viele Mitglieder der Freien Syrischen Armee und anderen sogenannten Rebellengruppen zu ISIS bzw. Jabhat al-Nusra übergelaufen.

Doch von all dem erfahren wir im Buch nicht. Wir erfahren nicht, dass in Syrien weit mehr als „nur“ ein Bürgerkrieg tobt. Stattdessen will man uns weismachen, dass sich die Menschen in Libyen „wehren“. Seit das Land 2011 in einer US-amerikanischen angeführten Militäraktion unter anderem auch von europäischen Ländern zurück ins Mittelalter gebombt wurde (das lesen wir freilich wieder nicht), zählt das heute mehrfach geteilte Libyen zu den Failed States.

Die Autorin beharrt in einem von mir geführten Interview darauf, dass zum Zeitpunkt der Flucht, von 2011 bis 2013, nicht klar war, wie die Kräfteverhältnisse waren, wer, wen, wo, wie militärisch und finanziell unterstützt hätte. Die Mehrheit der Zivilbevölkerung wäre in der Annahme gewesen, es handle sich tatsächlich um ein internes Aufbegehren, nicht um einen extern angeführten Coup – weder in Libyen, noch in Ägypten oder Syrien. ISIS oder den Islamischen Staat hätte es zu dem Zeitpunkt in Syrien noch gar nicht gegeben. Dabei geht die Terrormiliz nachweislich auf al-Qaida (im Irak) zurück. Al-Qaida spielte eine Schlüsselrolle im Zweiten Irak-Krieg bzw. während des Dritten Golfkriegs ab 2003 und wurde zuvor, in den 1980er Jahren, vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützt. Heute hat sich ISIS weitestgehend von al-Qaida losgesagt bzw. wird als deren Nachfolgeorganisation gehandelt. Vor allem in den letzten Jahren hat ISIS häufig den Namen gewechselt. Laut Schätzungen (Stand 2015) stammt ein Großteil der IS-Kämpfer aus Tunesien, gefolgt von Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko und der Türkei.

Wie es bereits im Irakkrieg ab 2001 nicht um Massenvernichtungswaffen ging (so viel ist heute bewiesen), ging es auch in Libyen nicht wirklich um solche und auch die notorischen chemischen Waffen (vieles deutet mittlerweile daraufhin, dass Rebellen Giftgas verwendet haben) in Syrien wirken blass angesichts eines womöglich für Staaten wie die USA, Russland, Frankreich, Deutschland und Großbritannien viel wichtigeren Grunds: Öl.

Die reichen Ölvorkommen des Iraks und der Bedarf industrialisierter/westlicher Länder daran haben damals und auch bereits in der Vergangenheit am Golf für Krieg gesorgt. Dass die USA und Russland in einem Stellvertreterkrieg in Syrien den Kalten Krieg wieder aufwärmen, liegt also vielleicht auch am Öl?! Diese Zusammenhänge sind jedoch nicht nur in vielen Medienoutlets unterberichtet, sondern bleiben auch im Buch außen vor.

Schade, dass dadurch dem Buch jegliche politische Perspektive und jegliche bildende Funktion genommen wurde, indem man sich für den einfachen Weg entschieden hat, schlichtweg das aufs Papier zu bringen, was man eben von einer Quelle, Karim, erzählt bekommen hat. Mit dem Stempel „nach einer wahren Geschichte“ wird suggeriert, dass die Schilderungen im Buch den Fakten entsprechen. Obwohl Frau Wahba das Autorsein strikt vom Journalistensein getrennt sehen will, ist mir in der Recherche zumindest ein von ihr verfasster ZEIT-Artikel übel aufgestoßen, indem sie sich auf das umstrittene „Syrische Netzwerk für Menschenrechte“ beruft:

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, dessen Recherchen auch das US-Außenministerium für seine Länderberichte nutzt, führt eine Liste mit mehr als 65.000 Namen [von in Syrien verschwundener Menschen].

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, welches aus England von sage und schreibe einem einzelnen Mann geführt wird: Rami Abdul Rahman, einem bekannten Assad-Gegner, der lange nicht in seiner Heimat Syrien war und dementsprechend wenig über den Zustand der Menschenrechte dort wissen kann, gilt als unzuverlässige Quellen, die unter anderem auf Angaben, der ebenfalls umstrittenen Weißen Helme zurückgreift.

Alles in allem hinterlässt das Buch einen zwar einfühlsamen Eindruck von einem Einzelschicksal, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack, der viele Fragen offen lässt und den informierten Leser zu Zweifeln anregt, wie ernstzunehmen das Niedergeschriebene tatsächlich ist. Das ist besonders schade, da dadurch das natürliche Mitgefühl für Flüchtlinge eher getrübt als verbessert wird – so geht es jedenfalls mir.

PS:

Und der „Faktencheck“ von SpiegelTV. Bildet Euch selbst eine Meinung:

Zusammenfassung

Ich bedanke mich bei LizzyNet für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder von LizzyNet, noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Der perfekte Start in den Schriftstellertag (Rezension)

In Anbetracht dessen, dass nun die Arbeit an meinem ersten Buch auf Hochtouren läuft, während ich nebenbei trotzdem weiter Auftragsarbeiten als Texter erledige, brauchte ich einen Tipp, wie ich meine Schreibarbeiten organisieren kann.

Ein Bekannter wies mich auf Hal Elrods Buch „Miracle Morning – Die Stunde, die alles verändert“ hin. Der Klappentext erklärt – für meinen Geschmack – etwas prahlerisch:

Hal Elrod hat ein genial einfaches Morgenprogramm entwickelt, dass sein eigenes Leben und das seiner vielen Fans und Leser um 100 Prozent verbessert hat. Wenn Sie Miracle Morning praktizieren, werden Sie endlich Ihr volles Potenzial ausschöpfen können – und zwar in allen Lebensbereichen.

Na, wenn das mal kein vollmundiges Versprechen ist! Auch wenn es sich hierbei sicher nicht um eine Schreibanleitung handelt, dachte ich, womöglich den nötigen Anstoß und ein paar praktische Tipps für meinen schreiberischen Alltag im Buch finden zu können.

Einleitung: Wie es zu dem Buch kam

Der Urheber des Buchs ist weder begnadeter Autor, noch sonst wie groß schriftstellerisch begabt (sagt er auch selbst). In der Einleitung erfahren wir darüber hinaus noch einiges mehr über Hal Elrod. Nach einem Nahtoderlebnis (Autounfall) und mit seinem drohenden finanziellen Ruin vor Augen hat er irgendwann beschlossen, sein Leben komplett umzukrempeln. Dieser eine Satz hätte beinahe genügt, um zu verstehen, wie Hal Elrod zum Buchschreiben gekommen ist. Doch stattdessen wird der Leser mit allerlei, wie ich finde, belanglosem Zeug besudelt.

Besonders ging mir die Beschreibung der ach so steilen Erfolgskurve beim Staubersaugervertreterverein Cutco auf die Nerven. OK, zugegeben, Cutco vertreibt keine Staubsauger, sondern Messersets – aber das Verkaufsprinzip des Klinkenputzens ist dasselbe. Dieser Firma mit der blödesten aller Vertriebsstrategien, die schon etliche junge Menschen in den Ruin oder Wahnsinn getrieben hat (schließlich muss man die Ware erstmal selbst anschaffen und bezahlen, bevor man damit Geld verdienen kann), hat Hal Elrod also ach so viel zu verdanken …

Doch selbst wenn ich darüber einmal hinwegsehe – und das musste ich ja, um irgendwie in das Buch zu kommen, ließ sich die All-American-Tonalität à la „You can make it happen“ beim Lesen nur schlecht ignorieren.

Die primäre Fähigkeit eines Menschen, der Einfluss nehmen will, besteht in dem richtigen Bemühen, andere davon zu überzeugen, dass er oder sie der wichtigste Mensch auf der Welt ist.

Das Buch könnte bei solchen Aussagen auch „Anleitung zum Egoismus“ heißen …

Mir ging jedenfalls diese Filmszene während des Lesens einfach nicht aus dem Kopf:

Hauptteil: Warum wir unser volles Potential nicht entfalten – laut Hal Elrod

Hal Elrod identifiziert in seinem Buch mehrere Gründe, warum wir nicht unser, wie er es nennt, „10 Punkte“-Leben führen. Auf einer Skala von 1 bis 10 dümpeln wir in vielen Lebensbereichen wohl eher bei einer mittelmäßigen 5 oder 6 herum. Wir sind unzufrieden im Job, gesundheitlich könnte es uns besser gehen und auch in der Beziehung scheint manchmal einfach die Luft raus zu sein. Laut Hal Elrod sind wir mittelmäßig bzw. in der Mittelmäßigkeit gefangen.

Wenn Hal Elrod dann immer wieder Persönlichkeiten wie Bill Gates, Oprah Winfrey oder Steve Jobbs als Erfolgsvorbilder listet, will mir nur noch schlecht werden. Das sind die Reichen und meist weniger Schönen (innen wie außen), die wahrscheinlich auch Mittelmäßigkeit und Arbeitsunwillen für steigende Arbeitslosenzahlen verantwortlich machen. Nein, ausbeuterische Umstände und die Profitgierde der oberen 1 Prozent können es nicht sein, oder?!

Einen der maßgeblichsten Gründe für ein mittelmäßiges Leben bezeichne ich als das „Rückspiegelsyndrom“. Unser Unterbewusstsein ist mit einer Art Rückspiegel ausgestattet, der nur einen Ausschnitt unserer selbst zeigt.

Warum?

Es mangele an Zielsetzung, Dringlichkeit (mangelnder Leidensdruck) und Verantwortungsbewusstsein. Uns fehle ein „Rechenschaftspartner“, dem gegenüber wir verantwortlich sind und der uns den nötigen „Arschtritt“ gibt. Unser eigenes Umfeld ziehe uns dank seiner Mittelmäßigkeit ebenfalls in die Mittelmäßigkeit. Also würden wir uns zu wenig entwickeln.

Ganz schön hart, nicht?

Wie kommen wir aus der Misere raus? Klar, wir brauchen einen „Rechenschaftspartner“ (so ein blödes Wort!) und wir müssen früher aufstehen.

Dann fragen Sie doch mal die folgenden Frühaufsteher: Oprah Winfrey, Bill Gates, Deepak Chopra, Wayne Dyer, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Albert Einstein und Aristoteles (gut, einige davon können Sie nicht mehr fragen …)

Wer früher aufsteht, so Hal Elrod, hat Zeit für den Miracle Morning. Doch was ist das eigentlich, der Miracle Morning?

Miracle Morning – so geht’s

Der Miracle Morning beginnt bereits am Abend vorher. Wer besser schläft, kommt früher raus. Leuchtet ein. Wie wir aufstehen wollen, sollen wir uns vor dem Zubettgehen mit Affirmationen selber sagen. Anregungen für „bedtime affirmations“ gibt es zum kostenlosen Download (bei Anmeldung!) auf der Autorenwebsite. Da wären wir bei einem weiteren Kritikpunkt angekommen: Ich habe die Eigenwerbung irgendwann nicht mehr gezählt. Jedenfalls ist das Buch gespickt mit „… finden Sie kostenlos unter …“-Angaben.

Anfangen in 5 Minuten

Aufstehen, Zähneputzen, ein Glas Wasser trinken und rein in bequeme Sportbekleidung! So fängt der Miracle Morning angeblich in 5 (!) Minuten an. Allein fürs Beißerchenputzen brauche ich aber mindestens 3 Minuten.

Der Miracle Morning: Die 6 Life S.A.V.E.R.S.

S wie Silence (Stille)

Nachdem man in seine Yoga- oder Jogginghose geschlüpft ist, die Zähne sauber sind, die Wasservorräte aufgefüllt wurden, sucht man sich einen netten Ort, wo man in Stille sitzen kann. Jeden Morgen sollte man 5 Minuten meditieren, um den letzten Tag Revue passieren zu lassen und den neuen Tag zu begrüßen.

Es ist übrigens ein Irrglaube, den auch Hal Elrod vertritt, dass man durch Meditation Ruhe findet. Um effektiv zu meditieren, das erklärt Shaolin-Großmeister Wong Kiew Kit in seinem Buch „The Complete Art of Zen“ sehr schön, muss man zunächst mal ruhig sein. Meditieren muss man lernen. Dann kann es ein sehr erleuchtendes Erlebnis sein, sich der Stille hinzugeben. Daher tun sich vor allem Meditationsanfänger zunächst sehr schwer. Das ist aber normal.

A wie Affirmations (Affirmationen)

Die nächsten 5 Minuten sollen auf Affirmationen verwendet werden. Persönliche Glaubenssätze oder Ziele, die man sich vorgenommen hat, sollten am besten laut ausgesprochen werden, um sie im (Unter-)Bewusstsein zu verankern.

Es ist kein Zufall, dass einige der erfolgreichsten Menschen unserer Gesellschaft – Prominente wie Will Smith, Jim Carrey, Muhammad Ali, Oprah Winfrey und viele andere – immer wieder öffentlich verlauten ließen, positives Denken und der Gebrauch von Affirmationen habe ihnen den Weg zu Erfolg und Wohlstand geebnet.

Wie bekommt man Größen wie Muhammad Ali mit Ausverkäufen wie Oprah Winfrey bloß in einen Satz?!

V wie Visualization (Visualisierung)

Gesetzte Ziele sollte man stets vor Augen haben – nicht nur vor dem inneren Auge. Am besten legt man sich eine Pinnwand oder ein Whiteboard zu, wo man Bilder, Sätze, Zeichnungen rund um sein (Lebens-)Ziel versammelt. Natürlich ist diese Motivationswand auch Veränderungen unterworfen und darf regelmäßig an die persönlichen Ziele angepasst werden.

E wie Exercise (Bewegung/Sport)

Jetzt geht’s ans Eingemachte: Frühsport. Seit dem neuen Jahr (völlig unabhängig von dem Buch) beginne ich ohnehin jeden Morgen mit 20 bis 40 Minuten Yoga. Hal Elrod empfiehlt 20 Minuten Bewegung. Das kann eine Runde Joggen um den Block bedeuten oder es können Hampelmänner sein. Wer Gewichtheben mag, macht das oder man macht Yoga, was Hal Elrod neben Laufen (womit ich mich nicht anfreunden kann) ganz besonders empfiehlt. Doch auch hier kommt der US-Bestsellerautor nicht ohne Superlative aus:

Dashama [Hal Elrods Freundin] ist tatsächlich die authentischste, spirituellste, pragmatischste und überhaupt effektivste Yogalehrerin, der ich je begegnet bin.

R wie Reading (Lesen)

Die nächsten 20 Minuten sollten der Lektüre (eines Ratgebers) gewidmet werden.

S wie Scribing (Schreiben)

Abschließend formuliert man in etwa 5 Minuten seine Vorhaben für den Tag. Damit kommt das eigentliche Schreiben bei Hal Elrod also recht kurz.

Er schreibt aber, dass es sich a) bei dieser Reihenfolge, aber auch b) bei den Zeitangaben und c) selbst bei den Tätigkeiten lediglich um Empfehlungen handle. Man kann also seinen ganz persönlichen „Miracle Morning“ gestalten, Schwerpunkte anders setzen, usw.

Mit den sogenannten „Life S.A.V.E.R.S.“ hat Hal Elrod nun versucht, das Rad neu zu erfinden. Denn weder Meditation, noch Affirmationen oder Visualisierungen, Frühsport, Lesen oder Tagebuchführen sind jetzt bahnbrechende Innovationen. Das gab es schon immer. Doch wie sieht es mit der Kombination aus? Ich persönlich kann mit dem morgendlichen, Multi-Kickstart-Programm nur wenig anfangen. Trotzdem hat mich das Buch zu ein paar Überlegungen und Neuerungen in meinem Schreiballtag gebracht. Na, immerhin! Dazu gleich mehr.

Zusammenfassung

  • „Miracle Morning – Die Stunde, die alles verändert“ von Hal Elrod
  • Ratgeber für einen guten Start in den Tag. Frühaufstehen als lebensverändernde Maßnahme
  • Taschenbuch
  • empf. VK-Preis: € 17,99 [D], € 18,50 [A], CHF 24,50
  • erschienen am 12.09.2016
  • ISBN: 978-3-424-15311-8

Ich bedanke mich beim Irisiana-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Mein persönlicher Start in den Tag

Mein Leben verändert hat das Buch nun nicht. Völlig unabhängig davon habe ich jedoch gemerkt, wie mir das morgendliche Yoga-Programm, was ich für mich selbst gefunden habe, guttut und mich in Schwung bringt. Für gewöhnlich kann ich dabei Meditation, Stille und Yoga bereits kombinieren. Ohne, dass ich es wusste, habe ich also eh schon einen halben „Miracle Morning“ für fast einen Monat betrieben, bevor ich das Buch zu lesen anfing.

Eine neue Sache konnte ich jedoch tatsächlich aus dem Buch für mich mitnehmen. Nein, es waren weder Affirmationen oder Visualisierungen, noch das morgendliche Ratgeberlesen, sondern Tagebuchschreiben, das ich mir jedoch für den Abend vornehmen will.

Ich habe mir jetzt ein Buch vom Duden-Verlag bestellt, indem verschiedene Tagebuchschreibtechniken für Autoren vorgestellt werden. Das hilft mir hoffentlich, tatsächlich mehr Ordnung in meinen Schreiballtag zu bringen und Aufgaben effizienter zu erledigen. Schließlich hänge ich mit meinem Buch eigentlich hinterher und ich habe noch so viele Ideen in der Schublade, die nur darauf warten, mal raus zu dürfen!

Abend genauso wichtig wie Morgen

Abschließend habe ich für mich festgestellt, dass es sehr stark vom Abend abhängt, wie ich am Morgen aus dem Bett komme. Ich nutze mittlerweile den Abend für eine separate Meditation oder eine beruhigende Yin-Yoga-Routine. Folgende Dinge haben sich bei mir bewährt, die in Hal Erods Buch aber nicht zu finden sind:

  • kein Social-Media-Checken vor dem Schlafengehen
  • kein Computer oder Laptop im Schlafzimmer
  • kein grelles Licht vor dem Schlafengehen
  • ein Glas Wasser auf dem Nachttisch
  • Stoßlüften vor dem Schlafen
  • Heizung runterdrehen

Welche Tipps für einen guten Start in den Schriftstellertag habt Ihr so parat? Ich bin gespannt.

 

Roman? Autobiografie? Autobiografischer Roman! (Rezension)

Warum schreiben wir eigentlich?

Es gibt viele Gründe, etwas Verschriftlichtes für die „Nachwelt“ festzuhalten. Vielleicht wollen wir uns später an wichtige Momente unseres Lebens erinnern und schreiben deshalb Tagebuch. Vielleicht wollen wir den Überblick über gesellschaft-politisches oder kulturelles Geschehen behalten? Dann bietet sich eine Chronik oder ein Archiv an, wo wir Relevantes nach Kategorien geordnet sammeln können. All diese Scheibformen sind jedoch nicht nur reflexiv – wir reflektieren uns und unsere Umgebung, sondern auch nach innen gerichtet – introspektiv. Der eigene Blick auf die Welt bzw. wir selbst stehen im Vordergrund des Geschriebenen, das zunächst einmal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wir fertigen Notizen und Erinnerungen an, die nur wir oder höchstens ein ausgewählter Leserkreis lesen dürfen. Die Ausnahme bilden posthum veröffentlichte Tagebücher, sei es von Autoren oder anderen berühmten Persönlichkeiten. Ich denke hier zum Beispiel an „Das Tagebuch der Anne Frank“ oder „A Writer’s Diary“von Fjodor Dostojewski.

Tatsächlich beginnen viele Schreibtalente mit solchen Aufzeichnungen über die Realität und derartigen Reflexionen des Erlebtem ihre Schreibkarriere. Sie beginnen (Reise-)Tagebücher und Essayistisches aufzuschreiben, bevor sie sich größeren Schreibprojekten und dem Fiktivem zuwenden.

So ähnlich und doch ganz anders war das bei Hanns-Josef Ortheil. Dieser zeitgenössische, deutsche Autor beschreibt in „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“seinen Weg zum Schriftsteller – oder Autor. Zweiteres gefällt mir besser. Das dem Griechischen entlehnte Wort Autor von αὐτός = selbst klingt selbstständiger und weniger nach Schreiberling für irgendein Käseblatt, das Schriften, also Auftragsarbeiten, erstellt. Vom Griechischen ist das Wort ins Lateinische übergegangen, wo passend zum Adjektiv αὐτός das Substantiv auctor = Urheber, Schöpfer entsteht, also jemand, der aus sich selbst heraus etwas (er)schafft.

Es liegt also irgendwie bereits im Worte, dass wir stets aus uns selbst heraus schreiben, bevor wir für jemanden schreiben.

Schreiben als Passion, Sucht und zur Selbsthilfe

Manchmal wird das Schreiben und damit auch das Autordasein aus der Not geboren. So ist es bei Hanns-Josef Ortheil im Extremen gewesen und so ist es bei den meisten in wenngleich abgeschwächter Form. Auch für mich ist Schreiben stets ein sicherer Rahmen, ein Rückzugsort gewesen, wo ich aus der großen, weiten Welt Sinn für mich im kleinen Stil machen konnte.

Hanns-Josef Ortheil ist „das Kind, das schreibt“. Während er die ersten Jahre seines Lebens stumm gewesen ist. Genau wie seine Mutter, der es nach dem Verlust dreier Kinder die Sprache für lange Jahre verschlagen hatte, spricht Hanns-Josef als junges Kind nicht. Kurz bevor er eingeschult werden soll, beginnt zunächst sein Vater ein Projekt, das später auch die Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder spricht, wenn auch nur wenig, auf ihre Weise unterstützen wird: Eine Schreibschule der besonderen Art: Ohne universitäre Anleitung oder Vorbildung nach gewissen Normen oder sonstwas lehrt der Vater dem Jungen die Welt der Worte. Wohlgemerkt der Worte und nicht der Buchstaben! Denn das Erlernen einzelner Buchstaben macht für den Jungen einfach keinen Sinn, aber Worte, die haben Sinn und Bedeutung. Tja und genau darum geht es in „Der Stift und das Papier“. Um die Geschichte, wie der Junge, der einst nicht gesprochen hat, nun über das geschriebene Wort auch das gesprochene entdeckt. „Roman einer Passion“ lautet der Untertitel, doch ist das hier ein Roman? Und wenn ja, was für einer? Ist es nicht eine Autobiografie bis zum jungen Erwachsenenalter? Ein autobiografischer Roman? Ein Künstlerroman über den späteren Autor? Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman, der uns die Entwicklung vom „Kind, das schreibt“ zum Autor nachvollziehen lässt? Irgendwie alles ein bisschen.

Anleitung zum Schreiben

Daneben ist das Buch aber noch mehr und geht über die Geschichte von einem Jungen, Hanns-Josef Ortheil (den man wirklich mit Doppel-N schreibt), hinaus und lässt auch uns Leser an der zunächst nur väterlichen Schreibschule, später elterlichen Schreibschule, teilhaben. Somit ist „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ auch ein Handbuch, ein Leitfaden und ein Wegweiser für Schreibinteressierte und Schreibwütige. Wer das Buch überall mit hinnimmt, weil es eins der Lieblingsbücher geworden ist (ja!), mag es auch als Vademecum bezeichnen.

Der Vater im Buch (großer Hemingway-Fan, Geodät, Logiker mit genauen Vorstellungen von allem und der Welt, mit striktem moralischen Kompass sowie einer gehörigen Prise Begeisterungsfähigkeit) erinnert mich gleich zu Beginn, als ich all das in Klammern Geschrieben (bis auf Geodät) noch nicht weiß, ein bisschen an meinen eigenen Vater. Der ist Ingenieur gewesen (jetzt im wohl verdienten Ruhestand), wollte aber eigentlich mal Karikaturist oder Pilot werden. Ein kreativer Logiker vielleicht? Oder ein logisch veranlagter Kreativer? Wie auch immer. Entzündet wurde die Erinnerung oder der Vergleich mit dieser fabelhaften Textstelle:

Papa streicht mit der Hand über das milchige, dünne Papier. Er prüft, ob es auch wirklich fest und straff sitzt. Ich sitze neben ihm und streiche jetzt auch über das merkwürdige, fremde Papier. Es bedeckt den Tisch wie eine Haut. […] Jedenfalls fühlt sich dieses Papier sehr gut an, und es sieht auch nicht so abweisend und streng aus wie normales weißes Papier.

Gemeint ist Pauspapier, das der Vater für die Arbeit benötigt. Ich habe seit jeher eine besondere Vorliebe für kariertes Papier zum Schreiben und Millimeterpapier, weil das bei uns immer vorhanden war. Daneben hat mein Vater manchmal großflächiges Papier, das als Schreibtischunterlage diente, mit nach Hause gebracht. Da konnte man sich ganz anders entfalten als auf liniertem Papier (das hasse ich) oder „normalem weißen Papier“.

Es dauert eine Weile, bis ich alle Stifte gut gespitzt habe. Sie liegen jetzt dicht nebeneinander, wie eine Mannschaft, die zu einem Spiel antreten soll. Papa nimmt einen Stift nach dem andern in die rechte Hand und zieht mit jedem eine gerade Linie. Die Linien verlaufen genau untereinander und sind etwa gleich lang. Dann legt er die Stifte wieder hin und lässt mich ebenfalls lauter Linien untereinanderziehen. Plötzlich bemerke ich, dass die Stifte nicht gleich, sondern sehr verschieden sind. Einige sind hart und kratzen über das Papier, andere sind aber zu weich und dick, so dass keine dünnen, feinen, sondern breite und verschmierte Linien entstehen. Papa zeigt mir, dass auf jedem Stift einige Buchstaben und Zahlen stehen: HB, 2B, 3B … Dann zieht er noch einmal mit jedem Stift eine Linie und schreibt die Buchstaben und Zahlen, die zu dem Stift gehören, neben die Linie. Er sagt, ich solle so wie er noch einmal alle Stifte benutzen und Linien ziehen, aber ganz vorsichtig, „hauchdünn“. Als er „hauchdünn“ sagt, zieht er die Schultern etwas hoch.

Und ja, Ihr habt es erraten. Ich liebe es mit Bleistift zu schreiben. Bis vor der Lektüre hätte ich auch nicht den Finger darauf legen können, warum. Aber es ist genau die besondere Haptik vom Bleistift auf Papier. Das Geräusch, das leichte Absplittern von Graphit, wenn man etwas stärker aufdrückt, das Durchdrücken/die Spuren, die dabei auf der Rückseite des Papiers entstehen und der ganz eigentümliche Geruch von Bleistift. Und ja, zugegeben, auch der Geschmack … Ich bin ein Bleistiftkauer, wenn ich nachdenke.

So sieht man mich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Korrigieren (hier Bachelorarbeit) stets mit Bleistift.

Daneben mag ich Füllfederhalter. Die altmodischen. Die ohne Patronen. Also die, welche aus dem Fass direkt mit Tinte befüllt werden. Die auf Englisch so liebevoll „fountain pen“ genannt werden – wörtlich: Springbrunnenstift. Hat doch was? (Die einem beim Schreiben so schön die Hände einsauen.)

Meine Mutter ging das Schreiben, Zeichnen und andere verwandte Gestaltungsformen stets etwas chaotischer an als mein Vater. Sie hat mich, daran erinnere ich mich gut, noch vor dem Einschulalter regelmäßig mit Schreib- und Malmaterial aller Art versorgt. Der riesige Wohnzimmertisch, der eigentlich Esstisch war, wurde zum kreativen Refugium. Hier hat sie buntes Tonpapier, Kleber, Wachsmalkreiden und was nicht alles verteilt und dann hieß es: „Nun mach mal“. Ich hatte völlig freie Hand und konnte kritzeln, malen, kleben, zusammenfügen, was ich wollte. Dabei konnte ich die unterschiedlichen Eigenschaften von Papier und Stiften genau erkunden und erproben, so dass ich eigene Lieblinge entwickeln konnte. Filzstifte finde ich zum Beispiel doof, aber Tuschefarben und Buntstifte sind was Feines. Der feste Tonkarton erlaubt auch das Schreiben und Malen mit harten Stiften, ohne dass er reißt. Kombiniert man Komplementärfarben oder mischt Farben, entstehen tolle Kontraste oder interessante Farbspiele.

In Zeiten wie diesen, in denen immer mehr ABC-Schützen das Handschreiben schon gar nicht mehr beigebracht wird oder eine lapidare handgeschriebene Druckschrift anerzogen wird, sind gutes Schreibwerkzeug und ein Freiraum (meist zuhause) für kreatives Gestalten und vor allem Erkunden sowie Entdecken nach individuellen Vorstellungen besonders wichtig. Also danke, Mutti. Jeder sollte ab und an mal Stifte in die Hand nehmen, nur um festzustellen, wie der Kopf dabei ganz anders „synapsiert“.

Genau dieses Tempo der Schrift mit Hilfe der Maschine irritiert mich. Ich nehme mir deshalb vor, niemals mit zehn Fingern, sondern immer nur mit den beiden Zeigefingern zu schreiben. Dann eilt das Tippen meinem Denken nicht davon, sondern begleitet es. (Bis heute habe ich mich an diese Art des Tippens gehalten, selbst an einem Laptop tippe ich mit zwei Fingern, was unter lauter gut erzogenen Zehnfinger-Tippern, zum Beispiel in ICE-Zügen, einen skurrilen, altmodischen Eindruck macht.)

Egal! Denn:

Versuche ich nämlich, einen eigenen, gerade entstehenden Text zu tippen, so lenkt mich das Tippen jedes Mal ab. […] Ist der Text auf diese Weise getippt, scheinen die Hämmerchen mir zuzurufen: „Na und? Wie geht es weiter? Auf, los, mach doch!“

Tatsächlich haben Schreibmaschinen im Besonderen sowie auch Laptops in abgeschwächter Weise einen eigenen Schreibkopf, wie mir scheint. Das gilt aber auch für andere Medien:

Eine Postkarte ist viel besser als ein Telefongespräch. Ein solches Gespräch dauert höchstens ein paar Minuten und geht rasch vorüber. Da man sich während des Gesprächs beeilen muss, gerät man in Panik und redet lauter Unsortiertes. Man stammelt, wiederholt sich und spricht, wenn man steckenbleibt, über das Wetter.

Für mich ist das Schreiben (im Gegensatz zum Texten – ich unterscheide da strikt, wie zwischen Schriftsteller und Autor oder Texter und Autor) keine Pflicht, sondern Genuss, meist sogar Sucht.

Nein, das Schreiben ist keine „Arbeit“, sondern eine Abwechslung, schließlich kann ich ja nicht laufend gehen, stehen, essen, trinken, weitergehen, stehen, sehen, essen, trinken, laufen, schnaufen … Das wäre furchtbar langweilig und eintönig. Erst das Schreiben bringt in das Leben die nötige Abwechslung, viele Gedanken und auch reichlich Freude.

Kein Wunder also, dass für Hanns-Josef Ortheil sowie für mich das Schreiben ein Muss ist und mehr noch: ein Wollen.

Jetzt, am Ende dieses langen Textes, weiß ich, warum das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich geschaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mir „das Kind, das schreibt“. Schreiben ist für mich ein durch und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich damit auf, erlischt diese Empfindung sofort. So dass ich – möglichst bald und möglichst ohne längere Unterbrechung – wieder mit dem Schreiben beginnen muss.

Zusammenfassung

  • „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ von Hanns-Josef Ortheil
  • Buch über das Schreiben und vom Autorsein und -werden
  • gebundenes Buch mit Schutzumschlag
  • empf. VK-Preis: € 21,99 [D], € 22,70 [A], CHF 29,90
  • erschienen am 9.11.2015
  • ISBN: 978-3-630-87478-4

Ich bedanke mich beim Luchterhand-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Weihnachtsgeschenk gesucht: Wie wär’s mit diesem Hörbuch? (Rezension)

Märchen sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Sie entstammen einer oralen Erzählkultur und prägen von klein auf unsere kulturelle Identität. In ihnen haben Hexen, Zauberer, Prinzessinnen und Prinzen, Königinnen und Könige sowie Schneiderlehrlinge, Mägde und Kinder die Hauptrolle. Daneben treffen wir allerlei Fantasiegestalten von Zwergen, über Wichtel, bis hin zu Meerjungfrauen.

So vertraut uns Figuren wie Rotkäppchen, die böse Stiefmutter von Schneewittchen oder Hänsel und Gretel auch sind, wir wissen eigentlich sehr wenig über sie. Wo kommen sie her und warum sind sie geworden, wie sie sind? War Schneewittchens Stiefmutter schon als Kind so unausstehlich und wie heißen eigentlich die Eltern der sieben Zwerge? Das sind Fragen, die uns Märchen nicht beantworten. Hier haben wir es mit Archetypen von Gut und Böse zu tun. Die Helden und Heldinnen sind festgelegt und nicht etwa Teil eines bürgerlichen Entwicklungsromans.

Trotzdem wäre es doch ziemlich interessant, etwas Ahnenforschung bei der einen oder anderen Figur betreiben zu können. Vielleicht ließe sie sich dadurch besser verstehen? Wie ist zum Beispiel der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann geworden? Der kann ja schließlich auch nicht einfach mit weißem Rauschebart und roter Pudelmütze auf die Welt gekommen sein! Wer sind dann also seine Eltern und warum verteilt er einmal im Jahr so gerne Geschenke an Kinder?

Basierend auf dem Buch von Matt Haig begeben wir uns in dem Hörbuch „Ein Junge namens Weihnacht“ auf eine fantastische Reise zu den Wurzeln des Weihnachtsmanns.

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Der kommt natürlich aus Finnland und ist auch einmal Kind gewesen. Nikolas heißt der kleine Junge, der später Geschenke an Kinder in aller Welt verteilen wird. Doch bis dahin hat er selbst einige Abenteuer zu überstehen, die seinen Glauben an die Menschheit nachhaltig erschüttern könnten, es aber zum Glück doch nicht tun.

Der Schauspieler, Hörbuch- und Synchronsprecher Rufus Beck entführt uns in die kindliche Weihnachtswelt von Nikolas und verleiht nicht nur ihm, sondern auch den Elfen, Trollen und der garstigen Tante von Nikolas eine Stimme. Nach vier CDs wissen wir endlich, wie der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann geworden ist!

Zusammenfassung

  • „Ein Junge namens Weihnacht“, Lesung mit Rufus Beck
  • Hörbuch: Wie wurde der Weihnachtsmann zum Weihnachtsmann?
  • empf. VK-Preis: € 14,39 [D]
  • 4 CDs, erschienen am 14.10.2016
  • ISBN: 978-3862318292

Ich bedanke mich bei LizzyNet für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder von LizzyNet, noch vom Autor, Sprecher oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Noch ein Buch über Krebs? (Rezension)

Es kürzlich habe ich an dieser Stelle bereits ein Buch über Krebs besprochen. Die Rede ist vom New-York-Times-Bestseller „Bevor ich jetzt gehe“ vom Neurochirurgen Paul Kalanithi. Heute soll es ein weiteres Mal um diese epidemisch um sich greifende Krankheit gehen. „Doch was haben die ganzen Bücher über Krebs auf einem Schreibblog verloren?“, mag sich der ein oder andere fragen.

Zum einen sei erwähnt, dass ich selbst mit einem Krebspatienten lebe. Shaolin kam 2013 als Pflegekatze zu mir. Kurze Zeit später wurde die Diagnose „Nierentumor“ gestellt. Was zunächst als Todesurteil im Raum stand, ist nun ein Fakt wie viele anderen. Shaolin lebt mit dem Krebs und ich lebe mit Shaolin. Sie ist mittlerweile medikamentenfrei und wird nur noch mit Öl, Rotulmenrinde und Wasser behandelt. Hochwertiges Futter bildet die Grundlage für ihr Weiterleben.

Zum anderen hat der Krebs auch seine Schneise durch mein Umfeld gezogen und einige geliebte Menschen weggenommen.

Jede Zweite und jeder Dritter erkrankt mindestens einmal im Leben an Krebs

Statistiken zufolge erkrankt jede zweite Frau und jeder dritte Mann mindestens einmal im Leben an Krebs. Während ich kein großer Freund von Statistiken bin, bedeutet dies doch, dass heutzutage jeder jemandem im direkten Umfeld hat, der an Krebs erkrankt ist oder dieser Krankheit sogar auf fatale Weise zum Opfer gefallen ist.

Dadurch wird Krebs zu einem Thema, das uns alle (be)trifft. Böse Zungen würden Autoren vorwerfen, Krebs gäbe einen „fabelhaften Stoff“ her. Hier lassen sich Geschichten mit Tragweite erzählen. Schließlich geht es um die ganz großen Fragen, um Leben und Tod. Doch das klingt ein wenig kühl, kalkulierend, ja, schlichtweg kaltherzig. Kommen wir also weg von dieser Rhetorik und sagen einfach: „Die besten Geschichten schreibt das Leben.“

Erzähle dieselbe Geschichte immer wieder neu

Durch die Karriere vieler Autoren zieht sich meist ein und dasselbe Thema, sei es Tod, Angst, Außenseiterdasein, … Achte mal darauf! Autoren erzählen quasi die immer gleiche Geschichte in vielen Varianten oder immer wieder neu. So dreht es sich bei Dostojewski beispielsweise immer wieder um Fragen nach den Grenzen des menschlichen Bewusstseins und Tuns. Wozu ist der Mensch fähig? Inwieweit bestimmen Umstände unser tun? Vielleicht sind diese Fragestellungen auch naheliegend, wenn einen Epilepsie immer wieder ans Krankenbett fesselt und Geldnöte zu wagmütigen Gedankenspielen verführen.

Man denke nur an mein Lieblingsbuch „Der Idiot“, wo es die schöne Nastasja fertigbringt, zwei Männer an den Rande des Wahnsinns zu treiben oder wo einer – der „Idiot“ – nichts als Gutes will und doch nur Böses schafft. Tatsächlich hatte wohl auch Goethes „Faust“ einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Buch. Fantasie und Realität umarmen sich stets in einem anregenden Tanz.

Schaut man sich die großen Klassiker an, haben sich Tolstoi und Dostojewski beileibe nicht alles ausgedacht. Man denke nur an „Krieg und Frieden“. Vor der Kulisse des Vaterländischen Krieges bzw. dem Russlandfeldzug Napoleons breitet Tolstoi seine Geschichte aus, die über tausend Seiten und eine erzählte Zeit von mehreren Jahrzehnten umfasst. Ausgedacht sind lediglich die individuellen Liebesgeschichten, während Fakten den historischen Rahmen bilden.

Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität, um ins Fantastische abzuheben

In einem Schreibseminar zum Thema „Kinderbücher schreiben“ ist mir einmal geraten worden, möglichst realistisch zu beginnen, um dann ins Fantastische abheben zu können. Man muss sein Publikum erst einmal abholen, wo es steht.

So kann die Diagnose Krebs ein guter Ausgangspunkt für eine spannende Geschichte werden, die das Leben schreibt. So ist es jedenfalls der Britin Sophie Sabbage ergangen. Als Betroffene von Lungenkrebs im Stadium IV hat sie zunächst angefangen, einen Blog zu schreiben. The Cancer Whisperer ist jetzt in Buchform auf Deutsch erschienen.

Wie unterscheidet sich „Die Krebsflüsterin“von Paul Kalanithis Buch und gibt es Gemeinsamkeiten?

Beide Autoren kämpfen mit der früher und später fatalen Diagnose Krebs, doch ihr Umgang mit der Krankheit könnte unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten:

  • Beide stehen vor der düsteren Aussicht, durch den Krebs nicht nur das Leben, sondern auch die Chance zu verlieren, ihr Kind aufwachsen zu sehen.
  • Beide haben eine inhärente Liebe für das Schreiben.
  • Beide sind zuvor beruflich in einem Bereich tätig gewesen, wo sie Menschen geholfen haben. Paul Kalanithi war Neurochirurg. Sophie Sabbage ist als Mentalcoach tätig gewesen und gibt mittlerweile wieder Kurse für Krebspatienten.

Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Sophie Sabbage legt ihr Buch, anders als Paul Kalanithi nicht schon im Rückblick an. Sie schreibt keine Memoiren oder Erinnerungsstücke für ihre Tochter Gabriella. Sie schreibt nach vorn. Sie hat Hoffnung und ergibt sich nicht einfach ihrem Schicksal. Genauso wenig gibt sie sich nicht blind in die Hände von Ärzten. Sie hinterfragt die Therapievorschläge ihres Onkologen und öffnet sich für die Ansätze der alternativen Medizin:

  • Ozontherapie
  • hohe Vitamin-C-Infusionen
  • zuckerfreie, kohlenhydratarme Ernährung
  • etc.

Gleichzeitig zwingt sie dem Leser diesen Weg, der ihrer ist, nicht auf. Trotzdem können ihre Hinweise vielen dabei helfen, schneller ihren eigenen Weg im Therapielabyrinth zu finden. Sophie Sabbage weist richtigerweise darauf hin, wie schwierig es ist, nicht nur sich das Menschsein (vs. Patientsein) zu bewahren, sondern auch, wie kompliziert es ist, seinen eigenen Therapieplan durchzusetzen. Schließlich tut sich zwischen Alternativ- und Schulmedizinern eine tiefe Kluft auf. Heilpraktiker verteufeln die „Rausschneiden, verbrennen, vergiften“-Dokrin, während Schulmediziner ihre alternativmedizinischen Kollegen als Quacksalber bezeichnen. Der Patient (von lat. patiens = geduldig) bleibt dazwischen mit all den widersprüchlichen Informationen stehen und muss seine Entscheidungen selbst treffen und auch gegen beide Seiten durchboxen.

Sophie Sabbage hat einen Mix aus Schul- und Alternativmedizin als ihren Weg auserkoren. Sie betont im Buch aber immer wieder, keine Ärztin zu sein. Dass sie jedoch Mentalcoach war/ist, wird durchaus deutlich. Ich fand das zuweilen recht esoterisch angehauchte Palaver von „Tanz mit der Trauer“, „Was will mir der Krebs mitteilen?“, usw. etwas nervig. Negatives soll an die Oberfläche geholt werden und plötzlich soll es uns nachdem Rotz und Wasser raus sind, wieder gut gehen. Menschen, die solche Ansätze vertreten, haben vielleicht mit Problemen zu kämpfen, die sie sich selbst angetan haben, die sich auf diese Weise überwinden lassen, jedoch nicht mit fremder Gewalt. Das Wiederdurchleben solcher Traumata kann Betroffene maximal zurückversetzen und erneut verletzen – ich spreche aus Erfahrung. Demnach bin ich kein Fan der Psychotherapie um jeden Preis und für jedes Problem.

Zumal das Buch durch diesen fast psychotherapeutischen Ansatz stellenweise sehr widersprüchlich wird. Einerseits will sie nicht gegen den Krebs „kämpfen“, sondern ihn „annehmen“ und herausfinden, was er ihr „sagen“ will. Andererseits will sie die Krankheit besiegen und ihre Tochter aufwachsen sehen (also kämpfen). Doch vielleicht ist dieses Wechselbad der Gefühle nur realistisch und spiegelbildlich für jeden in dieser außergewöhnlichen Lage, in der man in den „Pistolenlauf“ schaut und dem Tod ins Auge blickt.

Diese Werbung für eigene Kurse und Seminare verdirbt das ansonsten relativ angenehme Lesevernügen – Sabbage hat einen herausragend metaphorischen Stil!

PS: Wenn man mit griechischen Vokabeln um sich wirft, sollte man deren Bedeutung auch wirklich kennen:

Die Zeit war eingefroren, war weder chronos – chronologisch und linear – noch kairos – expandierend und unbestimmt.

„Kairos“ bezeichnet einen glücklichen Zufall oder eine gute Gelegenheit, also einen kurzen Moment, den es zu nutzen gilt. Mit „Chance“ ließe sich das Wort noch am ehesten übersetzen. Darin liegt etwas Unbestimmtes, doch nichts Expandierendes. Denn „kairos“ ist vielleicht so lang, wie ein Wimpernschlag und dann ist er weg und damit extrem flüchtig – doch das nur am Rande.

Zusammenfassung

  • „Die Krebsflüsterin“
  • Lebensratgeber, um mit der Diagnose „Krebs“ umgehen zu können
  • empf. VK-Preis: € 19,99 [D], € 20,60 [A] | 26,90 [CH]
  • gebundene Ausgabe, erschienen am 19.09.2016
  • ISBN: 978-3-424-15314-9

Ich bedanke mich beim Irisiana-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.