Von einem, der auszog, den Terror zu verstehen (Rezension)

Zugegeben, es erscheint ein bisschen gedankenverloren, das folgende Buch als Reiseliteratur im Gepäck zu haben – zumindest wenn man Heiligabend im Zug sitzt. Ich hatte ein paar Tage zuvor damit begonnen, „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* zu lesen. Quasi als logische Folge nach „Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden“ nahm ich mir das nächste Todenhöfer-Buch vor, das ähnlich vielversprechend klang. Und wie das so ist: Hat einen ein Buch erstmal gefesselt, kann man es nicht mehr aus der Hand legen.

Erst als ich auf meiner Fahrt die ersten Brauenhochzieher, Stirnrunzler und Augenaufreißer im Vorbeigehen bemerkte, war mir klar: Hoppla, der Titel ist ausgerechnet an Heiligabend wohl nicht die beste Wahl für das Lesevergnügen unterwegs. Don’t judge a book by its cover hin oder her, fortan legte ich das Buch ein wenig tiefer, damit man nicht sofort erkennen konnte, was draufstand. „Inside IS“ konnte schließlich gut missverstanden werden. Als Anleitung zum Beispiel: So kommst du da rein. Oder so ähnlich. Klar, das Werk trägt nicht umsonst den Aufkleber „Spiegel Bestseller“. Deshalb muss das Buch aber längst nicht jedem ein Begriff sein.

Na gut, nachdem ich sichergestellt hatte, nicht irgendwann als potentielle Terrorzelle aus dem ICE gezogen zu werden, indem ich das Cover besser verbarg, konnte ich weiterlesen. Nicht nur, dass ich noch ein paar Stunden Fahrtzeit vor mir hatte (ich wusste ja, dass ich nichts „Böses“ las), der Stoff war einfach zu spannend zum Weglegen.

Wie bei einem guten Krimi versteht es Jürgen Todenhöfer, den Leser bzw. die Leserin von Anfang an in den Bann zu ziehen. Ein hitchcockiger Mix aus Suspense und Surprise sorgt dafür. Wider Erwarten (für mich jedenfalls) beschreibt das Buch nicht nur die zehn Tage im ‚Islamischen Staat‘, sondern zunächst die ganze Vorgeschichte, wie es zu den zehn Tagen gekommen ist. Schließlich verschickt der IS keine Einladungen an Journalisten: „Hey, schaut doch mal vorbei und berichtet, wie es bei uns so ausschaut!“ Das Gegenteil ist der Fall. Journalisten haben sich wortwörtlich um Kopf und Kragen geschrieben. Denn Kritik ist im ‚Islamischen Staat‘ nicht gerngesehen. Ein Beweis dafür ist etwa das Video von der Exekution des US-amerikanischen Journalisten Steven Sotloff, dem IS-Terroristen den Kopf abgeschlagen haben.

Wer journalistisch tätig ist, möchte nicht das gleiche Schicksal erleiden. Da erscheint es suizidal, zu dieser enthauptenden Gruppe zu reisen. Jürgen Todenhöfer hat es trotzdem vor. Nicht weil er lebensmüde ist, sondern weil er … neugierig ist und die Wahrheit wissen will. Bisher ist ja kaum einer lebend da rausgekommen. Ein bisschen wie Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ darf man sich fragen: Wo kommen dann all die Geschichten her, die wir in den Zeitungen lesen? Nur aus YouTube-Videos?

Todenhöfer nutzt Social Media, um an IS-Anhänger heranzukommen. Er schreibt einige an. In der Regel mit geringer Antwortquote. Salim, so sein Kampfname, schreibt zurück. Es folgen Skype-Interviews mit dem 30-Jährigen, die irgendwann wie aus heiterem Himmel abbrechen. Später erfahren wir, dass der Mann wohl getötet worden ist. Die Auszüge aus den Aufzeichnungen geben einen zugleich bewegenden wie ernüchternden (ja, das geht) Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der sich dem IS angeschlossen hat. Todenhöfer interessiert, was einen Menschen dazu treibt, einem solchen Tötungskult (nicht sein Wort) mit scheinbar religiöser Unterfütterung beizutreten.

Ein wichtiger Punkt sind die Jahrhunderte anhaltenden Kriege des Westens gegen den Osten. Okzident gegen Orient. Nicht erst seit Bush Juniors Irakkrieg haben verschiedene Koalitionen die Region in Angst und Schrecken versetzt. Die dafür vorgeschobenen Gründe – Massenvernichtungswaffen, Beteiligung an den Attacken des 11. Septembers etc. – haben sich für die großteils muslimisch geprägten Länder wie den Irak nicht bewahrheitet. Die einst von den USA an den Irak verkauften Waffen sind nie gefunden worden. Das Gros der 9/11-Attentäter stammte aus Saudi-Arabien, doch der „Krieg gegen den Terror“ ging gegen den Irak, dessen Bevölkerung nach Jahren von Sanktionen ohnehin am Boden lag.

Nur eine Folge von Krieg sind Flüchtlinge. Einige davon, nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus anderen kriegsgebeutelten Ländern der Region, sind unter anderem nach Europa geflohen, wo mittlerweile ein nicht-kontextualisierter Islam-Skeptizismus bis Islamhass die Runde macht. Ohne Kontext, weil das Mantra zu gelten scheint, das Todenhöfer auf S. 22 in einen Satz presst: „Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Muslim“ und nachsetzt, wie unsinnig eine solche Sicht ist.

Umgekehrt wird eine Tat wie der Anschlag in Bottrop Anfang dieses Jahres jedoch nicht mit „terroristisch“ oder „extremistisch“ in den Medien beschrieben, sondern als „fremdenfeindlich“ und enthält den Hinweis auf eine „psychische Erkrankung“ (das gilt nicht nur für den verlinkten Artikel). Doch was – als Terror – ist das gezielte Zusteuern mit dem Auto auf Menschen, egal welcher Herkunft, in einer Fußgängerzone? Muslime dieser Länder können sich angesichts des islamfeindlichen Klimas und solcher Berichterstattung also doppelt gebeutelt fühlen. Sie sind dem Krieg nicht entkommen. Er scheint sich in Europa auf anderer Ebene fortzusetzen.

Problematisch finde ich die folgende Passage im Buch aber dennoch:

In Deutschland wurde übrigens bis heute nicht ein einziger Deutscher durch „islamistische“ Terroristen getötet. Aber allein seit 1990 wurden in Deutschland 29 Muslime durch Rechtsradikale ermordet. (S. 22)

Was ist etwa mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016? (Anm.: nach Veröffentlichung des Buchs passiert) Dann gab es noch einen Anschlag auf eine Regionalbahn bei Würzburg im gleichen Jahr, jedoch ohne Tötungsopfer. Vermag Todenhöfer Recht zu haben? Die Liste mit rechtsextremem Motiv auf Wikipedia ist jedenfalls lang und steht in keinem Verhältnis zu den „islamistisch“ motivierten Anschlägen.

Zurück zu Salim. Obwohl ihn Todenhöfer als „einfach“ beschreibt, hat er ein recht differenziertes Bild von dem, was der IS für ihn bedeutet. Jedenfalls mehr als „Ungläubigen“ den Kopf abzuhacken. Er ist ein Mann voller Widersprüche und, wie Todenhöfer auch schreibt, ein „fast gutmütig wirkender“ Mann, ich würde ergänzen: naiv. Woran macht er das fest? Eine Frage ist in diesem Zusammenhang besonders interessant.

JT: Wenn jetzt bei euch ein Alawit durch die Straßen läuft, was passiert dann mit ihm?
Salim: Er hat seine Religion, ich habe meine Religion. Er greift mich nicht an, ich greif ihn nicht an. Dann kann er doch durch die Straßen laufen. […]
Man muss die Shariah verstehen. Einen Kinderschänder tötet sie. Wenn einer klaut, wird ihm jedoch nicht gleich die Hand abgehackt. Die Shariah wäre keine Shariah, wenn sie einem Armen die Hand abschlägt, der zu Hause nichts zu essen hat. Das ist keine Shariah. Die Art von Shariah, in der der König einen fetten Bauch hat und mein Nachbar hungert, will ich auch nicht. Das ist keine Shariah. Shariah ist, dass jeder essen kann, dass jeder das Recht hat auf Schutz, auf Frieden und dass jeder das Recht hat, sicher zu leben und nicht beklaut zu werden. Der Dieb bekommt die Hand nur ab, wenn er alles hat und trotzdem eine Frau beklaut. Das ist Shariah.
JT: Haben Sie jemals in Deutschland irgendwo etwas geklaut?
Salim: Ich habe in Deutschland viel Mist gemacht (lacht). Ich habe rumgedealt, Schläge ausgeteilt, rumgelogen, alles, was man so machen kann, habe ich gemacht, außer töten und so. (S. 60 f.)

Ganz anders ist der Mann, der Todenhöfer schließlich den Weg in den IS ebnet: Christian E. oder, wie er sich im IS als Kämpfer nennt, Abu Qatadah. Bevor Todenhöfer in den IS reist, lässt er sich über ihn eine Art Lebensversicherung besorgen: ein Schreiben vom Kalifen, das für ihn und seinen Sohn Frederic Schutz garantieren soll.

Noch bevor Todenhöfer in den IS aufbricht, trifft er sich, nach Absprache mit Christian E., mit dessen Mutter. Ihr Sohn tritt als schlau auf, aber als gleichsam kompromisslos. Wie über Nacht hat er sein Zuhause verlassen, um sich dem IS anzuschließen. Seine Mutter will, was wahrscheinlich jede Mutter will: ihren Sohn wiedersehen und in die Arme schließen.

Doch jemand wie Christian E. wird wohl kaum nach Deutschland zurückkehren. Jedenfalls nicht ungestraft. Er vertritt extremere Ansichten als Salim, wie sich exemplarisch an dieser Diskussion zeigt.

JT: Und was geschieht, wenn es irgendwo zu einer Vergewaltigung kommt? Wird der Vergewaltiger bestraft?
CE: Was verstehen Sie unter Vergewaltigung?
JT: Eine Frau zu zwingen, Verkehr zu haben.
CE: (Lacht.) Das ist immer relativ. Was bedeutet zwingen? Was bedeutet zwingen, wenn einem diese Person als Sklavin gehört?
[…]
Wenn man den Täter dabei erwischen würde, würde das als Unzucht und Hurerei klassifiziert. Wenn er verheiratet wäre, würde er zu Tode gesteinigt. Wenn er unverheiratet ist, bekäme er 100 Peitschenhiebe. Wenn sie aber seine Sklavin wäre, wäre das natürlich eine andere Geschichte. (S. 145)

Christian E. ist der, der Jürgen Todenhöfer und seinen Sohn gemeinsam mit einem vermummten Fahrer durch den IS führen wird. Wie das dort abläuft – ich sagte, es liest sich wie ein Krimi, nur dass es grausame Realität ist – soll der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin selbst herausfinden.

Ob es dem Autor gelingt, seine Mission – die Wahrheit über den IS zu schreiben – zu erfüllen? Bestimmt. Mit messerscharfer Genauigkeit seziert Todenhöfer die Hintergründe vom IS und zeichnet das überaus widersprüchliche Bild seiner Realumsetzung – samt Ämtern, Krankenhäusern und fast allem, was so zu einem Staat gehört. Eine funktionierende Post gibt es aber beispielsweise nicht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „Ein eindrucksvolles, bedrückendes und kluges Buch.“

Zusammenfassung:

  • Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‚“* von Jürgen Todenhöfer
  • Hintergründe und Realität eines „Terrorstaats“ vor Ort
  • empf. VK-Preis: € 10,00 [D], € 10,30 [AT], CHF 14,50
  • Taschenbuch, erschienen am 12.12.2016
  • ISBN: 978-3-328-10083-6

Ich bedanke mich beim Penguin-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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Von Krieg und Frieden – eine Rezension

Es ist ein sonniger, aber kühler Tag, an dem wir uns auf dem Breiten Weg einfinden. Aus Spaß sage ich zuweilen Broadway zu der ausgedehnten Straße im Magdeburger Stadtzentrum, die wie ein russischer Prospekt wirkt. Meine Oma und ich sind Richtung Hasselbachplatz unterwegs und gehen dabei an alt wirkenden Neubauten im Zuckerbäckerstil und den wenigen barocken Prachtbauten vorbei, die der Zweite Weltkrieg verschont hat. Nachdem meine Oma von der Demonstration erfahren hat, will sie unbedingt mit. Es sei wichtig, dass gerade ihre Generation dort ebenfalls vertreten sei. Deutschland habe so viel Unheil in der Welt angerichtet, daher sei es vor allem hier umso wichtiger, gegen den Krieg einzustehen. Es ist 2003 und George W. Bush plant, den Irak anzugreifen. Meine Oma hält die in den Medien zitierten Gründe für vorgeschoben. Massenvernichtungswaffen, Involvierung bei den Anschlägen am 11. September 2001 … Vor allem die Zivilbevölkerung würde unter dem „Krieg gegen den Terrorismus“ leiden – und wie ironisch doch der Begriff „Krieg gegen Terrorismus“ allein sei! Man muss unweigerlich an Peter Ustinov denken …

An diesem Tag gehen hunderte, tausende Menschen in Deutschland und der Welt auf die Straßen um gegen den bevorstehenden Irakkrieg zu demonstrieren. Meine Oma staunt über diese länderübergreifende Organisation und bedauert, dass das in ihrer Jugend nicht so einfach gegangen wäre. An diesem Tag im Januar ist meine Oma fast 80 Jahre alt und schon nicht mehr so gut zu Fuß. Ich frage sie, ob sie sich so eine Demo körperlich zutraue. Sie lächelt verschmitzt und sagt: „Wenn du mitkommst.“ Na, klar komme ich mit.

Zur Sicherheit nimmt meine Oma ihren Gehstock mit. Sie erklärt mir in der Wohnung, dass der nicht nur als Gehhilfe taugt und sie ihn dazu wahrscheinlich ohnehin nicht braucht. Tja, man weiß ja nie, wie so eine Demo verläuft. Faustdick hinter den Ohren hat es diese alte Dame.

Wir fahren mit der Straßenbahn zum Allee-Center. Die Demo ist schon in vollem Gange. Meine Oma wird zögerlich, als sie die Menschen mit ihren großen Bannern und Tröten vorbeiziehen sieht. Ich sehe, dass wir bei ihrem Tempo sicher nicht schritthalten können. „Wir gehen einfach hinten mit“, schlage ich vor. „Das ist gut. Dann halten wir niemanden auf“, gibt sie zurück. So gehen wir in der letzten Reihe und fallen zusehends zurück. Hinter uns fährt ein Konvoi Streifenwagen im Schritttempo als Schlusslicht, das das Ende des Demonstrationszugs markiert. Ein paar Polizisten gehen vor den Fahrzeugen. Als wir so langsam werden, dass die Autos sich langsam nähern, legt einer der Polizisten einen Gang zu, bis er schließlich neben uns geht.

Er fragt meine Oma, ob es ihr gutgehe. „Aber ja“, sagt sie. Er scheint nach dem Rechten sehen zu wollen und bittet meiner Oma auf Höhe der alten Staatsbank den Arm zum Einhaken an. Als ich mich umdrehe, sehe ich in die fragenden und teils argwöhnischen Gesichter seiner Kollegen. Mit einem Lächeln auf den Lippen sagt meine Oma irgendwann zum Polizisten. „Sie demonstrieren ja nicht. Gut, dass Sie nach dem Rechten sehen“, und lächelt dabei. Ein Schmunzeln kann er nicht verbergen.

So eskortiert uns ein Polizist, bei dem nicht klar ist, ob meine Oma ihn oder er sie im Schlepptau hat, bis zum Hasselbachplatz. Am nächsten Tag erzählt sie mir lachend von einem Zeitungsartikel, der von „überwiegend jungen Demonstranten“ berichtet. Mein Vater ist etwas ungehalten, als er von „unserer“ Demonstration erfährt. Wie ich auf die Idee komme, eine bald 80-Jährige zu so einer Veranstaltung mitzuschleppen? Das sei doch gefährlich! Ich entgegne nur, ob es ihm lieber gewesen wäre, sie wäre allein gegangen. Außerdem hätten wir „Polizeischutz“ genossen, lache ich. Er schüttelt nur sanft den Kopf, sagt aber nichts mehr. Er weiß ja, dass man seine Mutter von so einem einmal gefassten Entschluss, also zur Anti-Kriegsdemo zu gehen, ohnehin nicht hätte abbringen können.

Jürgen Todenhöfer ist nicht meine Oma, nicht einmal dieselbe Generation. Dennoch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie haben die Kriegstreiberei der Deutschen erlebt und auch die Luftangriffe am Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutsche Städte. Er in Hanau, meine Oma in Magdeburg. Als Kind hat er sich während der Bombardements aus dem Haus geschlichen und die Feuersbrunst mit blutigem Himmel in nicht allzu weiter Ferne gesehen. Was im Stadtzentrum in dieser Nacht passiert ist, erzählt ihm später sein Großvater.

Meine Oma hat die Bombardierung Magdeburgs in einem Keller miterlebt. Viel mehr weiß ich darüber aber auch nicht. Man hat eben doch Berührungsängste, danach zu fragen. Als Kind wollte ich dennoch verstehen, wie das ging, dass die Deutschen solche Gräueltaten vollbrachten, und auch, warum, als der Krieg schon verloren schien, Innenstädte in ganz Deutschland bombardiert wurden. Hatten die alle mitgemacht, auf die da die Bomben niederhagelten? Außerdem war Krieg damals ein so abstraktes Konzept wie Universum für mich. Wie ist das also, im Krieg?, wollte ich wissen. Meine Oma erzählte, wie sie einmal Bekannte am Breiten Weg besucht hatte. Sie sollte Essen von dort abholen oder hinbringen, ich weiß nicht mehr genau, als sie, damals als Jugendliche, aufgeregt von jemandem in einen Luftschutzkeller getrieben wurde. Dort saßen Mütter mit ihren wimmernden Kindern und alte Herren und sie. Stickig sei es gewesen und draußen krachte es schlimmer als zu Silvester. Sie erzählte, wie sie den Mauern nicht traute. Ob die halten? Und sie erzählte, wie sie nicht sagen kann, was sie schlimmer fand: Das Wimmern oder das Krachen. Beides wollte einfach nicht aufhören. Man vergaß da unten die Zeit. Nach einer gefühlten Ewigkeit ging sie wieder über Tage. Der Breite Weg war nicht wiederzuerkennen. Unwirklich.

Jürgen Todenhöfer schreibt: „Dann gehe ich in die Stube und frage ihn [seinen Großvater] – wie meine Mutter später erzählt – mit dem großen Ernst eines kleinen Kindes: „Darf man im Krieg auch Kinder töten?“ Mein Großvater antwortet nicht. […] Wir Deutschen haben ihn [den Krieg] angefangen. Aber darf man deshalb Städte verbrennen und Kinder töten?“ (S. 34)

Doch sein Buch „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* handelt eigentlich nicht vom Zweiten Weltkrieg. Doch dass er nicht nur vom Zweiten Weltkrieg gelesen und ihn nicht einfach nur erzählt bekommen hat, sondern selbst erlebt hat, hat ihn von Kindesbeinen an verändert. Ich denke, man kann auch als Nichtkriegskind einen Abgesang auf den Krieg schreiben. Doch der Impetus, es zu tun, ist bei ihm wie bei meiner Oma, die unbedingt zur Demo gegen den Irakkrieg wollte, ein anderer, ja, womöglich ein stärkerer. Denn obwohl man nicht alles gesehen haben muss, um es zu verstehen, lässt sich nach einmal Gesehenem nicht einfach so wegschauen. Fällt der Perspektivwechsel leichter? Vielleicht. Jedenfalls ist Krieg für Jürgen Todenhöfer ganz anschaulich und alles andere als abstrakt. Um mir ein Bild vom Kriegstreiben zu machen, habe ich jahrelang diverse Bücher gelesen. Ja, und nun auch seins.

Jürgen Todenhöfer hat eigentlich nicht den Hintergrund eines Autoren oder Journalisten. Der Jurist ist auch kein Linker, so wie meine Oma sich wohl politisch eingeordnet hätte. Er saß stattdessen von 1972 bis 1990 für die CDU im Bundestag. Agnostisch erzogen und in einer katholischen Privatschule zur Schule gegangen, vereine ich selbst womöglich das eine oder andere Paradoxon, das nicht mit einem Widerspruch zu verwechseln ist. Fjodor Dostojewski, einer meiner, wenn nicht mein Lieblingsautor, ist selbst in der politisch-konservativen Ecke zu verorten, die sich auf einen christlichen Wertekatalog beruft. In heutiger Zeit kommt dann jedoch schnell die Frage auf, wie ernst ist es solchen verbeamteten „Christen“ mit ihrem Glauben. Wie christlich war Angela Merkels Bedauern, George W. Bush nicht beim Irakkrieg unterstützen zu können? Sie war ja (noch) nicht Bundeskanzlerin.

Jürgen Todenhöfer scheint die mit dem „C“ in CDU verbundenen Werte ernst zu nehmen. Vor allem aber, und deshalb könnte man ihn vornehmlich für einen Journalisten halten, hat er Quellenarbeit betrieben und ist kein „Schreibtischpolitiker“, wie er einen speziellen Typus in seinem Buch nennt. Er ist in zahlreiche Kriegs- und Krisengebiete gereist, um sich selbst ein Bild zu machen – Risiko hin oder her. In seinem Buch berichtet er von den Erlebnissen, die er gemacht hat. Dabei wirft er bereits eingangs Fragen auf, wie wir sie auch in jedem Dostojewski-Roman so oder ähnlich finden könnten.

At what distance does love for humanity end?

– Fyodor Dostoevsky in „A Writer’s Diary„*

Die Todenhöfer-Variante lautet:

„Warum ist das, was im eigenen Land ein schändliches Verbrechen ist, außerhalb der Grenzen eine Heldentat?“ – S. 39

In seinem Buch geht Jürgen Todenhöfer solchen und anderen Fragen nach und bewegt sich dabei irgendwo zwischen den Genres Memoiren und Reportage. Der sehr persönliche Zugang zu derart großen Fragen haucht dem ganzen Unterfangen Leben ein. Wenngleich die Moral von der Geschicht‘ bereits im Titel „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“* steckt, so ist die Erzählung über Kriege – vor allem über den in Libyen und Syrien – doch alles andere als plump oder schwarz-weiß.

Das erzählerische Kaleidoskop, das Todenhöfer eröffnet, ist gerade das, was mir etwa beim Buch von Annabel Wahba zu ähnlicher Thematik gefehlt hat.

Gleichzeitig stellt sich dasselbe Problem: Ein Großteil der Angaben ist für den Leser nicht verifizierbar. Man müsste dabei gewesen sein. Um dem entgegenzutreten, unterfüttert Todenhöfer seine Erzählung an ausgewählten Stellen mit Zeitungsartikeln, Daten renommierter Organisationen und anderen Querverweisen, die in einem Literaturverzeichnis einsehbar sind. Den Denkanstoß, den Todenhöfer mit seinem Buch wohl geben möchte, liefert er. Doch darüber hinaus lässt er den Leser nach dem Zuschlagen des Buches nicht mit leeren Händen stehen. Tatsächlich ist das Buch als literarisches Sprungbrett zu verstehen, nun eigene Recherchen anzustellen.

Auf den ersten Blick harsche oder gar Pauschalaussagen wie solche:

Wir haben in der muslimischen Welt seit Beginn des Kolonialismus nie die Werte unserer Zivilisation verteidigt, sondern immer nur unsere Interessen. – S. 65

lassen sich tatsächlich bestätigen – und das nicht erst durch den eingangs erwähnten Irakkrieg, den George W. Bush und Tony Blair losgetreten haben – natürlich aus sicherer Distanz.

Todenhöfer spricht in diesem Zusammenhang auch von „Sofastrategen“ (S. 111). Die, die den Krieg nie gesehen haben, trommeln an die Front. Die heute natürlich allzu oft nicht mehr mit Schützengräben durchzogen ist, sondern sich entlang haushoch schwirrender Drohnen und Kampfjets in vom Boden unsichtbarer Höhe erstreckt.

Ich werde Selbstmordattentate immer ablehnen. Aber haben westliche Politiker recht, wenn sie junge Selbstmordattentäter „feige“ nennen? Ist es nicht viel feiger, wie westliche Schreibtischpolitiker andere für seine Ideale sterben zu lassen? – S. 81

Der Mythos vom moralischen und sauberen Krieg mit Zielgenauigkeit hält sich dennoch. Tote Zivilisten werden schwammig und unpersönlich mit Collateral Damage umschrieben. Doch sie hinterlassen traurige, verzweifelte und wütende Angehörige sowie Freunde.

Kriege sind Terrorzuchtprogramme. – S. 63

Weil sie alles – nur nicht Frieden – hinterlassen. Wann kommt der Erdteil, wo Afrika auf Asien trifft, endlich zur Ruhe? Wann haben Krieg oder „militärische Interventionen“ ein Ende? Was wurde denn damit erreicht, z. B. in Libyen? Dass dort nun ein zerstückeltes, gebeuteltes Stück Land vorliegt – ein Failed State, in dem es den Menschen noch schlechter geht, als je unter Gaddafis Militärdiktatur.

Wir sollten wirklich alle Politiker, die für Krieg eintreten, vier Wochen in Kampfgebiete schicken. Zu Patrouillenfahrten. Ohne BKA-Schutz. Es würde keine Kriege mehr geben. – S. 88

Für Todenhöfer ist dieser scheinbar utopische Vorschlag insofern jedenfalls ernst gemeint, als dass er sich keine Doppelmoral vorzuwerfen hat: Er war in Kriegsgebieten, hat mit Terrorgruppenanführern, politischen Gefangenen, Taxifahrern und vielen anderen Menschen vor Ort gesprochen und dabei Freundschaften geschlossen; aber im Krieg auch Freunde verloren, so wie Abdul Latif, dem das Buch gewidmet ist.

Der Krieg in Syrien nimmt neben dem Militärschlag gegen Libyen eine besondere Rolle im Buch ein, vielleicht auch wegen der nicht abzustreitenden Parallelen zum Irakkrieg in Sachen Kriegslegitimierung oder Kriegsrhetorik.

Mindestens die Hälfte der Meldungen über Syrien war falsch oder irreführend. Bei manchen Politikern wunderte mich das nicht. Sie vertraten strategische Interessen. Bei unseren Medien erstaunte es mich. Weil ich an ihr Ethos, ihre Wahrheitsliebe glaube. […]

Über zwei Jahrzehnte lang habe ich in dieser Branche gearbeitet. Und großartige, gewissenhafte Journalisten kennengelernt. Dass sie sich nach dem Lügendesaster des Irakkriegs noch einmal so täuschen lassen würden, hätte ich nicht für möglich gehalten. – S. 212 f.

Welche Lügen sind es diesmal, die die kriergerische Intervention in Syrien vor deutschem Publikum rechtfertigen sollen? Todenhöfer berichtet von gefälschten und falschen Videos.

Während meiner Anwesenheit berichtete Al-Dschasira mehrfach von Großdemonstrationen auf bestimmten Straßen von Damaskus. Doch wenn wir hinfuhren, war weit und breit alles ruhig. Die Inhaber von Geschäften erzählten uns, sie hätten die Fernsehberichte ebenfalls gesehen und seien vorsichtig auf die Straße gegangen. Auch sie hätten nichts entdecken können. […]

Am 17. Mai 2011, kurz nach Beginn des Aufstandes, wurde im deutschen Fernsehen sogar ein alter Film aus dem Irak als syrische Realität verkauft. Auf ABC Australia lief im Frühjahr 2011 ein Film aus dem Libanon des Jahres 2008 als Syrien-Reportage. – S. 213 f.

Ein Unterkapitel (S. 216-219) ist der auch in deutschen Medien oft zitierten „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ in Coventry, England gewidmet, die sich schon mit diesem Namen allein einen wissenschaftlichen, offiziellen Anschein gibt.

In Wirklichkeit besteht dieses so bedeutungsvoll auftretende „Observatorium“ aus einer Person mit dem Kunstnamen Rami Abdul Rahman und dem Echtnamen Osama Ali Suleiman. […] Keiner übertreibt und fälscht so wirkungsvoll wie Osama Ali Suleiman. – S. 216 f.

Ist Todenhöfer deshalb ein Verteidiger Assads? Nein. Vielmehr pocht er auf die Selbstbestimmung der syrischen Bevölkerung, die – nicht eine Kraft von außen – selbst entscheiden muss, ob, wann oder wie Assad „gehen muss“. Als roter Faden zieht sich außerdem der mahnende Zeigefinger durch das Buch, der die mal mehr, mal weniger latente Doppelmoral von vom Westen initiierten Kriegen anzeigt – eine Doppelmoral, die die Bildzeitung mit der Überschrift zu einem Kommentar: „Oh doch, es gibt gute und böse Bomben!“ ironischerweise auf den Punkt gebracht hat.

Ein polemischer Ausruf, der mich zum Anfang des Buches zurückführt, wo es auf S. 34 heißt:

Der Teufel bediente sich in jener Kriegsnacht [19. März 1945 in Hanau, Anmerkung E. R.] nicht nur der Deutschen. Vielleicht ahnte ich damals zum ersten Mal, dass es keine anständigen Kriege gibt.

Zusammenfassung

Ich bedanke mich beim btb-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

 

Nebulös? Der Mystery Blogger Award

Mit freudigem Erstaunen stolperte ich kürzlich über die Nominierung zum Mystery Blogger Award von Sophie. Verliehen wird dieser Preis jedoch nicht in erster Linie an Mystiker, Seher oder Alchemisten (obwohl?), sondern an noch geheimnisvoll in den Untiefen des World Wide Web verborgene Blogs, die es jedoch trotz mangelnder Bekanntheit aufgrund fulminanten Inhalts durchaus zu entdecken gilt. Die rätselhafte Initiatorin hinter dem Award ist offenbar eine Bloggerin mit dem bezeichnenden Namen Okoto Enigma.

Mit Sophie vom Philosophietaxi teile ich das konfuse Blogkonzept „Schreiben über Gott und die Welt und was uns sonst so bewegt“. Außerdem verspüren wir beide eine gewisse Abneigung gegen Auf-Druckknopf-Arbeiten. Trotzdem hat sie mit Bravour die Fragen von quergetippt aus dem Stegreif beantwortet. Na, mal sehen, ob mir das mit ihren Fragen auch gelingt.

  • Welche Musik macht Dich glücklich?

Das ist ganz schwer stimmungsabhängig. Die Evergreens der 70er, 80er, 90er (oh, wie langweilig!) sind ein guter Ausgangspunkt.

Daneben dröhnen mitunter auch zeitgenössisch-elektrische Beats aus den Lautsprechern, säuseln Singer-songwriter ihre Lieder, wummern die Akkorde von Indie-Rock-Bands im Resonanzkörper meiner Anlage oder spulen versierte Lyricists der Sparte Hip Hop ihre Reime zu melodischen Samples ab. Ach ja, und manchmal mag ich klassische Musik – Tschaikowsky, Grieg, Dvorak … Mit einem Wort: querbeet – das ist die Musik, die mich glücklich macht.

  • Was gibt Dir Hoffnung?

Die Vorstellung von einem höheren Wesen, Geist, Karma, Gott … gibt mir Hoffnung. Die Quantentheorie macht’s möglich!

Doch ist die Hoffnung stets von guter Qualität? Kann sie uns nicht auch in einer naiven Gedankenspirale fesseln? Antike Philosophen und Geschichtenerzähler haben uns das Ganze in Mythen verpackt. Sie erzählen von Prometheus, der den Menschen das zuvor vom Göttervater Zeus entwendete Feuer gebracht hat. Zur Strafe schenkt Zeus den Menschen Pandora mitsamt ihrer unheilvollen Büchse, in der auch die Hoffnung schlummert – laut Nietzsche das schlimmste aller Übel, weil die Hoffnung uns auch die furchtbarsten Qualen ertragen lässt; in der Hoffnung, es könnte besser werden, was sich jedoch nicht unbedingt bewahrheiten muss.

  • Wer oder was bist Du in Deinen Tagträumen?

Ich oder eine andere? Nein, tatsächlich wechsle ich nicht die Haut, in der ich stecke. Jedoch male ich mir in Tagträumen gerne Szenarien aus, was sein könnte, wird oder wie es einmal war …

  • Wenn Du eine Jahreszeit wärst, welche wäre es?

Klarer Fall: der Herbst. Im goldenen Glanz feuchter Laubhaufen, die schon bald unter einer dicken Schneedecke in tiefen Winterschlaf fallen, um in neuer Form als sich aus dem Boden reckende Frühblüher zu erwachen, fühle ich mich zu Hause. Und dann: Kroküsse.

  • Welche Frage stellst Du Dir selber oft?

Wie es wohl weitergehen wird?

Tja, wie? Zumindest in diesem Beitrag mit meinen Nominierungen für den Mystery Blogger Award:

  1. manchmal Lyrik …
  2. transitnuremberg
  3. Die Schreibmaschinisten
  4. Wortinseln
  5. Chèle Deni

Sowie mit den folgenden Fragen, zu deren Beantwortung die nominierten Blogger*innen herzlich eingeladen sind:

  1. Was inspiriert Dich?
  2. Was wolltest Du als Kind werden?
  3. Was erfüllt Dich mit Stolz?
  4. Was möchtest Du nicht missen und warum?
  5. Welche Farbe trüge Deine Seele?

 

Sehnsucht im Konjunktiv II

Dass Du nicht sagst, was Du doch meinst,
dass Du nicht meinst, was Du mir sagst,
es ist gar schade,
singt von Saudade,
bereitet ein Bade
aus stillem Tränengelage.

Dass Du nur träumst, was nicht könnte sein,
aber doch müssen sollen,
bringt keinen Stein je ins Rollen.
Sehnsucht im Konjunktiv II
ist vertane Müh‘:
noch gar nicht hier und doch schon vorbei.

Ich lieb‘ Dich zu früh,
ach! kenn‘ Dich zu spät.
Und doch bist Du hier –
alles, was zählt.

art deli – ein Platz für kritisch-künstlerischen Austausch

Zum Jahresausgang habe ich mir einen Herzenswunsch erfüllt und die Seite art deli – feed your mind ins Leben gerufen.

Dieser virtuelle Ort soll kritischer Kunst wie conscious rap, Karikaturen und politischer Lyrik einen Platz geben. art deli ist dabei keineswegs als One-Woman-Show angelegt, sondern soll auch anderen Künstler*innen eine Plattform sein.

Ich freue mich, wenn Du vorbeischaust und der Seite auf Facebook einen Daumen hoch schenkst. Danke.

Schachmatt

in meinem kiez –
da steht ein fiets.
es hat keinen fahrradständer.
so hängt es verkettet,
angerostet am geländer;
und die stadt, ein monochromes mosaik,
setzt mit ihrem grauen schleier
den draht’gen esel bald schachmatt.
lackgeblättert, reifenplatt –
so steht es da, das velo
und fragt:
was hat wien für einen elo,
dass ich jetzt schon verloren hab‘?