Noch vor dem Internet: Dostojewski war der erste Blogger

Manch einer mag sich wundern, wie ich bei einem Autor, der von 1821 bis 1881 gelebt hat, zu der scheinbar wahnwitzigen Aussage komme, er sei der erste Blogger gewesen. Doch tatsächlich lässt sich das Unterfangen, was Fjodor Michailowitsch Dostojewski mit „Дневник писателя“, zu deutsch „Tagebuch eines Schriftstellers“ oder auf englisch „A writer’s diary„, unternommen hat, so am besten beschreiben, wie ich finde. Im Folgenden möchte ich erklären, warum und Dir gleichzeitig ein Buch vorstellen, das mich seit Februar in seinen Bann zieht und nun wohl zweifelsohne zu meinen Lieblingsbücher gehört.

Kommentar, Chronik, Tagebuch, Kritik, Entwurf – ein Blog?

Obwohl ich Russisch in der Schule hatte (sogar bis zum Abitur), stand für mich schon vor dem Buchkauf fest: „Дневник писателя“ werde ich in der Übersetzung lesen. Nur welche Fassung, die deutsche oder die englische? Nach ein wenig Recherche, entschied ich mich für die englische Übersetzung von Kenneth Lantz. Der Grund? Der Herr ist Professor für Russische Literatur an der Universität für Toronto und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sein Steckenpferd. Anders als so mancher Verlagsübersetzer, der vieles einfach mal so in seine Muttersprache überträgt, haben wir es hier mit einem tatsächlichen Slawisten zu tun, das war mir wichtig. Obwohl mein Russisch bis heute locker dazu reicht, einen Tee zu bestellen, über das Wetter zu plaudern und sonst wie Smalltalk zu betreiben, traue ich mich an große Werke der Literatur in russischer Originalsprache dann doch nicht heran. Der Wetterbericht und Goethe sind ja auch zwei paar Schuhe, nicht wahr? Eben.

Ein anderer Grund: Die Übersetzung von Kenneth Lantz, obwohl sie eine gekürzte Fassung ist, ist mit zahlreichen Anmerkungen und einem gut recherchierten Vorwort versehen. Bei diesem wohl brisantesten Buch von Dostojewski kommt man nicht umher, dem Leser im Vorhinein ein paar Hinweise und Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. Da geht es um historische Kontexte und natürlich um die bekannte, leidige Kontroverse: War Dostojewski Antisemit?

Tatsächlich werden im Buch zahlreiche Themen behandelt. Zeitgeschehen, von Kriminalfällen, die den Autor beschäftigt haben über kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zu pamphletartigen Politbekenntnissen und nachdenklichen, theoretischen Überlegungen, wird fein säuberlich seziert. Ähnlich wenig zimperlich verfährt Dostojewski mit Schriftstellerkollegen und bespricht zum Beispiel „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Dabei erstreckt sich das Buch über einen zeitlichen Rahmen von 1873 bis 1881 und befindet sich damit am Ende von Dostojewskis Schaffen. Es endet auch irgendwie abrupt und lässt die Frage offen, ob es, wäre Dostojewski nicht am 9. Februar 1881 gestorben, fortgesetzt worden wäre. Womöglich.

Daneben finden wir im Buch zahlreiche Geschichtenskizzen und Figurüberlegungen, die wohl Einfluss auf sein späteres Werk „Die Brüder Karamasow“ gehabt haben dürften. Interessant ist außerdem, dass Dostojewski sich hin und wieder die Zeit nimmt, auf Leserbriefe und Zeitungskritiken zu antworten. Auch das finden wir in „A writer’s diary“, das weit mehr als nur ein Tagebuch ist, wie man bereits erahnen kann. Das Werk wurde monatsweise in mehr oder minder regelmäßigen Abständen (mit Unterbrechungen) in Zeitschriftenform veröffentlicht. Denn WordPress, Blogger & Co gab es damals ja noch nicht. Ansonsten wären diese Formate ideal für das chronologisch fortlaufende Werk gewesen, wie ich meine. Man muss sich jedoch einmal vor Augen führen, wie ausgefallen dieses literarische Konzept zur damaligen Zeit gewesen sein muss, so ganz ohne roten Faden, außer dass eben der Autor derselbe bleibt!

Zu dem zunächst seltsam anmutenden Blog-Vergleich bin ich gekommen, als ich überlegte, wo eigentlich dieser Blog hier einzuordnen ist. Anders als mein Projekt Histamin-Pir.at gibt es auch hier, wie bei Dostojewskis Tagebuchprojekt, keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln, oder doch?

Eine Texter-Kollegin, die ich sehr schätze – Lilli Koisser – erklärt auf ihrem Blog für Texter sehr anschaulich und mit aller Deutlichkeit, was einen Texter-Blog ausmachen sollte. Er muss vor allem eins haben: Eine Nische. Und obwohl ich diese Seite hier auch zur Kunden-Akquise nutze bzw. um mich als Texter im Netz zu präsentieren, befolge ich diesen Rat ganz und gar nicht 🙂 Hier auf dem Blog geht’s tatsächlich um mich als Schreiberling (schweres Don’t!). Was beschäftigt mich? Was hilft mir im Berufsalltag? Was lese ich gerade? Irgendwie geht’s um Gott und die Welt. Schreiben als Tätigkeit und die Gedanken, die dem vorausgehen, spinnen den roten Faden der Website. Denn so sieht mein Berufsalltag aus: Er ist sehr vielseitig. Ich schreibe für Agenturen, für andere Blogs, für Ratgeberseiten und beginne dann auch noch eigene Projekte, nur für mich. Der lose Zusammenhang zeigt sich als Buchstabensalat.

Und, war Dostojewski da so anders (nicht, dass ich behaupte, mit dem gleichen Talent gesegnet zu sein!)? Hat der sich seinen Kopf darüber zerbrochen, wie er sich marketingtechnisch, SEO-optimiert positionieren würde oder hat er einfach nur die ursprünglichste Form eines Blogs in der Auseinandersetzung mit seinem Umfeld geführt? Ging es ihm nicht einfach auch um Austausch? Schließlich war auch er nicht nur Autor, sondern auch Journalist. Allzu viele Blogs haben heute mit dem, wie Bloggen einst begonnen hat, nichts mehr zu tun. Sie schreiben den Leser nicht mehr an, sondern schreiben ihm etwas vor oder halten ihm Produkte unter die Nase, mit dem unmissverständlichen Tenor: Du brauchst das! Kauf es!

Und ich nutze sie auch – Affiliate-Links. Aber was immer da verlinkt ist, brauchst Du nicht. Das rede ich Dir auch nicht ein. Du wirst ohne nicht umkommen und mit nicht zum perfekten Menschen. Aber es gefällt mir und vielleicht auch Dir, so wie zum Beispiel das angesprochene Buch von Dostojewski. Es hat mir etwas gegeben und vielleicht auch Dir. Lass es mich wissen! Darum geht’s. Und es sind diese zwei Motive: Selbstreflexion und der Austausch mit der Leserschaft, die einen Blog und auch „A writer’s diary“, meiner Meinung nach, ausmachen. Also schauen wir mal rein.

Food for thought: Zitate aus „A writer’s diary“

Während ich das letzte halbe Jahr in „A writer’s diary“ bis Seite 533 gelesen habe, hat mich mein eigenes Notiz- und irgendwie auch Tagebuch stets begleitet. Einige Passagen habe ich mir direkt rausgeschrieben, andere lediglich mit bunten Klebezettelchen im Buch selbst markiert. Die Passagen, die mich besonders bewegt haben, gibt es im Folgenden als kleine Zitatesammlung:

We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some sort, without being translated into human language, never mind literary language.

Das obige Zitat fand ich besonders interessant (der erste Eintrag in meinem Notizbuch). Das aus dem Munde des Mannes, der Meister des Kettensatzes ist, der manchmal keinen Punkt zu kennen scheint und überhaupt als Genie des Bewusstseinsstroms gilt! Da wird einem vieles klar oder nicht?

Reality is transfigured passing through art.

Die Umgestaltung der Wirklichkeit durch Kunst ist die Aufgabe eines jeden Kreativen. Den Satz mal sacken lassen oder auf einem Streifen ins Federmäppchen legen! Vergiss es nie.

An anderer Stelle plädiert Dostojewski dafür, aus dem gleichen Material mehr als nur ein Werk zu machen. Ich habe es bereits hier erwähnt: Es gibt Themen, die sich durch unser Schaffen ziehen und meist schöpfen wir immer wieder aus der gleichen Quelle für immer neue Ergebnisse. Ist so. Bei mir ist das u. a. Sterben, bei Dostojewski ist das u. a. Suizid, aber sicherlich aus völlig unterschiedlichen Gründen. Während Dostojewski durch das Studium der menschlichen Seele und von Zeitungsartikeln als schwer religiöser Mensch zu ergründen versucht, warum jemand den Wunsch verspüren könnte, sich umzubringen, geht es bei mir oft um das Prozessuale des Sterbens, um das Vergängliche im Leben – um die Frage, was bleibt und wo gehen wir hin?

So ist Dostojewski beispielsweise der Meinung, der Teufel sei ein Agnostiker. Und scheint auf „mein Thema“ so zu antworten:

I am a happy man who isn’t satisfied with everything.

Seine Charakterstudie eines Selbstmörders hält fest, dass diese Menschen meist von ungeduldiger Erschöpfung (impatient fatigue) geplagt werden und sich durch ein furchtbares, quälendes Ausmaß von angeekeltem und zynischem Unglauben (terrible, agonizing amount of disgusted and cynical unbelief) (in andere Menschen) auszeichnen. Somit haben sie offensichtlich jedes Vertrauen in Wahrheit und allen Glauben an Pflicht verloren und der Überdruss von Leben ermüdet sie. Das scheint vor allem auf wohlwollende, freundliche und ehrliche Menschen zuzutreffen. Doch Selbstmordgedanken machen noch keinen Suizid. So schreibt Dostojewski:

I think that many suicides and murders have been committed simply because the person had already taken the pistol into his hand.

Wie sonst können die gleichen Umstände und Voraussetzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen? Das wird zum Beispiel in „Crime and Punishment“ oder „Verbrechen und Strafe“ deutlich, als Raskolnikow nicht nur eine geizige Pfandleiherin umbringt, um der Frage nach einem „gerechtfertigten/erlaubten Verbrechen“ nachzugehen, sondern auch ihre zufällig erscheinende Halbschwester tötet, was weder geplant noch gewollt war, aber er hatte die Axt nun mal schon in der Hand und er hatte bereits getötet. Außerdem: Sie wäre eine Zeugin gewesen.

Um den Roman „Verbrechen und Strafe“ zu verstehen, muss man übrigens unbedingt (!!!) den Epilog lesen. Sonst wird die Intention des Autors nicht klar.

Noch eins zum Thema Selbstmord und dann werden wir politisch.

Only with faith in the immortality of the soul you can understand the sense of earthly being. Without that suicide becomes a necessity for any intellectual being.

Einer der wichtigsten Sätze – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse in der Welt – ist der folgende, der offenbar auf das Phänomen „Ah, das ist weit weg …“ anspielt:

At what distance does love for humanity end?

Das Wort Kasino-Kapitalismus finden wir unweigerlich beim Autor von „Der Spieler“ in leichter Abwandlung wieder – „stock-exchange gambling“ – im 19. Jahrhundert. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Dostojewski diesen Roman nicht (nur) aufgrund von etwaiger Spielsucht, sondern tatsächlich als Kritik am Finanzsystem geschrieben hat. Oh, und er hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Finanzen! Er war übrigens auch nur so hochverschuldet bzw. willig am Roulettetisch sein Glück zu versuchen, weil er einen riesigen Schuldenberg von seinem älteren Bruder vererbt bekommen hatte, der nun abbezahlt werden musste, ein Fakt, der nur allzu gern unterschlagen wird.

Eine wunderbare Definition von „Kultur“ (lat. colere = pflegen, bebauen, cultura = Ackerbau, Pflege) liefert Dostojewski im Folgenden, auch wenn es nicht als Begrifferklärung hierfür explizit gemacht wird:

When a nation loses the urge for general individual self-betterment in that spirit in which it originated, then all „social institutions“ begin to die out, for there is nothing more to preserve.

Generell haben viele Passagen an Aktualität nicht verloren, sondern nur gewonnen. Manche Textstellen lesen sich erstaunlicherweise so als wären sie gestern geschrieben worden. Diese hier in ihrer Vollständigkeit wiederzugeben, würde jedoch den Rahmen sprengen. Wer diesen überraschenden und schockierenden Aha-Effekt erleben möchte (Was, das hat der Ende des 19. Jahrhunderts schon gesagt?!), liest am besten selbst mal rein.

Bevor ich diesen Beitrag beende, gibt es jedoch noch eine Frage zu beantworten, die ich eingangs aufgeworfen habe. Was ist dran: Dostojewski und der Judenhass? Denn das ist ja, was heute gemeinhin mit Antisemitismus gemeint wird.

Dostojewski und Antisemitismus

Bereits in der Einleitung nimmt sich Kenneth Lantz dem Thema selbst an und weist auf ein paar, zugegebenermaßen sehr harsch formulierte Passagen im Buch hin. So würden die Juden, würden sie je über Russland herrschen, die Russen versklaven, massakrieren und komplett ausrotten, „as they did more than once with alien peoples in times of old in their ancient history“. Juden, Jiddisch, Israeliten – all diese Terme werden synonym durcheinandergeworfen und teils mit drastischen Zuschreibungen versehen. Dabei ist die Rede von einem abstrakten „Yiddism“, von einem gewissen Geist – selten von konkreten Menschen. Die auch heute noch allzu häufige Verknüpfung von Finanzwesen, Kapitalismus, Ausbeutung und Internationalisten mit Juden findet sich ebenso bereits bei Dostojewski. So streitbar das klingen mag, wäre es dennoch falsch, den Autor als Judenhasser per se abzustempeln. Warum?

Wie bereits Lantz in der Einleitung anmerkt, ist Folgendes im Falle von Dostojewski hervorzuheben:

Dostoevsky does not draw the conclusion that those whom the Jews would enslave or exterminate would be justified in expelling or exterminating the Jews first.

Er ruft also zu keinem Zeitpunkt zu Beschimpfungen, Gewalttaten oder sonstigem gegen Juden auf. Ein Kapitel im Speziellen beweist sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich meine das Kapitel „The Funeral of ‚The Universal Man'“. Hier wird die Beerdigung eines deutschen Arztes beschrieben, der in M. praktizierte und Protestant war. Nun, warum erzähle ich das und was hat das mit der aufgeworfenen Frage zu tun? Dostojewski selbst erzählt von dieser Beerdigung auch nur, weil er einen Leserbrief erhalten hat, in welchem selbige beschrieben wird und zwar von einer Jüdin. Daran ist ja immer noch nichts Besonderes. Und doch soll diese Episode nicht unerwähnt bleiben. Denn was Dostojewski an diesem sehr gutherzigen Arzt so herausragend fand, war der Respekt, der ihm auf seinem letzten Weg entgegengebracht wurde. Die Leserin schreibt in ihrem Brief:

A pastor and a Jewish rabbi spoke at his [the doctor’s] graveside, and both wept; but he just lay there in his old, worn uniform coat with an old handkerchief tied around his head – that dear head; and it seemed that he was sleeping, so fresh was the color of his face …

Dostojewski selbst eilt Kritikern voraus und stellt selbst fest, es handle sich um einen „isolated case“. Am Ende nimmt er denselben isolierten Fall jedoch als Musterbeispiel dafür, wie unterschiedliche Religionsgruppen und Ethnien friedlich und glücklich miteinander leben könnten und schreibt:

All this is very simple; only one thing seems complicated: just to become convinced that without these same isolated instances you will never arrive at a total; everything may be about to fall apart, but it is these people who can bring it together. They are the ones who inspire ideas; they are the ones who give us faith; they provide a living example, and so a proof as well. And there’s certainly no need to wait until everyone, or at least very many people, are as good as they are: we need very few such people in order to save the world, so powerful are they. And if such is the case, then how can we not hope?

Jemand, der sich derart über das Zusammentreffen von Pfarrer, Rabbi und allen anderen Bewohnern eines ganzen Ortes bei der Beerdigung eines wohltätigen Menschen freut, der diese Verständigung als beispielhaft für Nächstenliebe, und mehr noch, als zukunftsweisend, beschreibt, der wirkt auf mich nicht wie ein Antisemit. Trotzdem sind auch die anderen angesprochenen Textstellen im Buch vorhanden.

Essay schreiben für Caroline-Schlegel-Preis 2017

Das Wort „Traktat“ ist mir erstmals in Hermann Hesses Buch „Der Steppenwolf“ über den Weg gelaufen, das wir in der Schule lesen mussten. Dort wird ein Kapitel mit „Traktat vom Steppenwolf“ betitelt. Traktat – das ist eine Art Abhandlung, ein Aufsatz, ein Essay, kurzum: Ein gedankliches Experiment, das in Worte gefasst wird. Was mir damals irgendwie an dem Roman gefiel, finde ich heute nur noch gekünstelt. Die Gefahr des Gekünstelten besteht übrigens ganz allgemein, wenn man ein Traktat verfasst. Um möglichst ausgefallen zu klingen, wird die Sprache ins Unermässliche gehoben, während meist der inhaltliche Gehalt hintangestellt wird. Als ich jedoch vom Caroline-Schlegel-Preis erfuhr, war meine Neugierde geweckt.

Sprache, Stil und Recherche – so soll ein Essay aussehen

Der vom Romantikerhaus Jena vergebene Essay-Preis stellt drei Anforderungen an die potentiellen Preisträger und ihr Werk. Der Text muss sich „durch ein hohes sprachliches und stilistisches Niveau und eine solide Recherche auszeichnen“.

Das Thema kann frei gewählt werden und sollte auf zehn bis fünfzehn Seiten abgehandelt werden. Eine dreiköpfige Jury entscheidet darüber, wer den Hauptpreis (5.000 Euro) und wer den Förderpreis (2.500 Euro) erhält. Einsendeschluss ist der 30. Juni 2017. Ich werde mit einem Essay teilnehmen. Du auch?

 

 

 

Zwei praktische Tools für den Texter-Alltag

Als professioneller Texter werde ich dafür bezahlt, die richtigen Worte zu finden – Worte, die im Gedächtnis bleiben und einen guten Eindruck hinterlassen. Denn gut recherchierte Texte sind das, was interessante Internetseiten und Magazine ausmacht. Gut lesbare Texte sorgen für einen steten Leserzustrom, zufriedenstellende Verkaufszahlen und Werbeeinnahmen. Damit das funktioniert, ist Unique Content gefragt. Wer plagiiert, verliert – vor allem wenn es um die Positionierung bei Suchmaschinen geht.

Mit Online-Tools vor Plagiaten schützen

Wer Texte vom ersten Buchstaben an selbst konzipiert, läuft im Grunde keine Gefahr zu plagiieren. Doch vor allem wenn man über ein Thema schreibt, das einem schon hundert Mal aus der Feder geflossen ist oder umgekehrt, wenn man sich völlig unerfahren auf einen neuen Themenkomplex stürzt, kann es vorkommen, dass man bewusst oder unbewusst, Formulierungen aus alten Texten oder Recherchequellen klaut.

Um sicher zu gehen, dass man nicht irgendwo Gehörtes oder Gelesenes nachplappert, kann man den fertigen Text vor der Veröffentlichung einfach durch eine kostenlose Plagiatskontrolle jagen. Online-Tools wie Plagium überzeugen in der Regel mit weiteren Funktionen wie beispielsweise dem Vergleichen von Texten. So kann ich auf einen Blick sehen, ob es Ähnlichkeiten zwischen Texten gibt.

Mehr als nur ein Texter: HTML-Codes nutzen

Obwohl der Texter-Alltag in erster Linie davon bestimmt wird, mit Worten zu jonglieren, ist das nicht alles, was ich mache. Viele Kunden möchten den Text fix und fertig geliefert bekommen, so dass sie ihn direkt veröffentlichen können. Gegen Aufpreis formatiere ich den Text daher auch gleich in die gewünschte Form – und das geschieht in der Regel mithilfe von HTML-Codes.

Die Grenze vom Texter zum Layouter und Webdesigner ist daher fließend. Nicht selten arbeiten kreative Köpfe gewissermaßen in Personalunion als Texter, Layouter, Web- und Grafikdesigner. Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, können grundlegende Kenntnisse in diesen Bereichen nicht schaden. Auf Wunsch kann ich so auch einfache Bildbearbeitungen vornehmen oder meine Texte in ein gewünschtes Format bringen. Vor allem die Formatierung in HTML wird häufig verlangt.

Zum Glück ist das gar nicht sooo schwer, wie es klingt. Eine umfassende Übersicht über die unterschiedlichen HTML-Codes bietet diese Webseite. Häufig liefert der jeweilige Auftraggeber eine eigene Formatvorlage, die lediglich mit Inhalt gefüllt werden muss. Bei umfassenden Tabellen wird es da jedoch schnell unübersichtlich – was kommt jetzt wo in welche Spalte?

Um den Überblick nicht zu verlieren, kann man die Vorlage (oder die eigens designte Seite) im HTML-Format hier eingeben. Die Seite spuckt im unteren Teil dann aus, wie die fertige Seite aussehen wird. Sehr praktisch. So schaffen es auch Texter, die eigentlich nichts mit Webdesign am Hut haben, fix und fertig gestaltete Texte für Online-Outlets zu liefern.

 

PDF-Dokumente ganz einfach verkleinern

Heute gibt es einen Beitrag aus der Kategorie „Praktische Gadgets für den Schriftstelleralltag“. Der angekündigte Helfer empfiehlt sich zudem insbesondere für Bewerber und Studenten.

PDF – der Dokumentenstandard

Studenten kennen das Problem, Texter schlagen sich damit herum und auch Du bist womöglich schon einmal an einem viel zu großen PDF verzweifelt. Grundsätzlich sind die mit dem Acrobat Reader zu öffnenden Dokumente eine feine Sache. Sie sind wesentlich kleiner als Word- oder Open-Office-Textdokumente und können nicht einfach so durch andere Personen verändert werden. Daher gilt PDF z. B. als Standard an Universitäten, wenn es darum geht, Abschlussarbeiten einzureichen.

Wenn PDF-Dokumente den Rahmen bzw. das Postfach sprengen

Sobald jedoch Bilddateien eingebaut werden, sprengen auch PDF-Dokumente schnell den Rahmen. Wer zum Beispiel eine Bewerbung per E-Mail mit angehängtem PDF-Dokument verschicken möchte, das neben Motivationsschreiben und Lebenslauf auch noch ein Foto oder gar Zeugniskopien enthält, wird dem Empfänger schnell das Postfach sprengen. Die Lösung?

PDF-Dokumente ganz einfach verkleinern

Das PDF-Dokument wird komprimiert und wie geht das? Ganz einfach. Ich stand erst kürzlich vor dem Problem, dass ich ein fünf Megabyte großes Dokument für den Acrobat Reader per E-Mail verschicken wollte. Um dem Empfänger nicht das E-Mail-Postfach zu verstopfen, habe ich mal das Netz durchforstet, was man denn in diesem Fall machen könnte und siehe da, man kann die schreibgeschützten Dokumente tatsächlich kleiner machen.

Die Seite, die ich gefunden habe, trägt den einleuchtenden Namen Small PDF und bietet einen Service, der hält, was der Name verspricht. Einfach Datei hochladen, kurz warten und die komprimierte Datei wieder herunterladen und abspeichern. Schon kann das Mini-PDF verschickt werden. Aus fünf Megabyte wurden bei mir kurzerhand 703 Kilobyte. Wow, wie praktisch!

Gegen Anmeldung und Bezahlung kann man den vollen Funktionsumfang nutzen, darunter Dinge wie Überführung zurück ins Word-Format, Ausgabe als JPG-Bild oder die Zusammenführung mehrerer PDFs in ein Dokument. Da ich diese Funktionen aber eigentlich nicht brauche, reicht mir das kostenlose Angebot vollkommen. Selbst PDFs muss ich nicht allzu häufig komprimieren. So genügen mir die zwei Frei-Komprimierungen pro 15 Minuten allemal. Hattest Du auch schon einmal das Problem, dass ein PDF-Dokument einfach viel zu groß wurde für den virtuellen Postverkehr?

 

Polly – Preis für politische Lyrik

In letzter Zeit habe ich Literaturwettbewerbe schwer vernachlässigt. In diesem Jahr möchte ich wieder an einigen teilnehmen. Gerade eben habe ich meinen Beitrag bei Polly – Preis für politische Lyrik eingereicht.

In diesem Jahr steht das Thema „Europa“ im Mittelpunkt. Gesucht werden poetische Texte, die sich kritisch mit dem Thema Europa/EU auseinandersetzen.

Aber nicht jedes Gedicht über das Schicksal der Flüchtlinge vom Mittelmeer oder zum Weltfrieden ist schon ein Gedicht zu Europa.

Es ist also Fantasie gefragt.  Bis zu drei Gedichte pro EinsenderIn sind erlaubt. Einsendungen an contact(at)pollypreis(.de). Teilnahmeschluss ist der 1. September 2017.

Meine drei Texte befassen sich jeweils mit der „Flüchtlingsvernichtung“ durch Frontex (klingt schon so!) und der sogenannten Finanzkrise und der daraus resultierenden Austeritätspolitik. Wovon handeln Deine Reime?

Ab nach draußen: Das Medienstipendium der Nationalparks Austria

Vitamin D ist wichtig für Zähne, Knochen und das Immunsystem. Bei guter Sauerstoffversorgung kann man besser denken. Damit hätten wir gleich ein paar gute Gründe genannt, öfter mal den Schreibtisch zu verlassen und an die frische Luft zu gehen. Doch im Großstadtdschungel macht spazierengehen nicht immer Spaß. Was fehlt, ist das satte, inspirierende Grün unberührter Natur!

Wie gut, dass die österreichischen Nationalparks bereits zum dritten Mal ein Medienstipendium für junge Autoren, Journalisten und Videokünstler vergeben. Zwei Wochen lang darfst Du einen Nationalpark unsicher machen. Das Stipendium inkludiert Unterbringung und Verpflegung sowie eine geführte Wanderung mit einem Ranger, der auf die Besonderheiten des jeweiligen Nationalparks aufmerksam macht.

Na dann, ab nach draußen!

Bewerben kannst Du Dich noch bis 31. März. Hier geht’s zur Ausschreibung.

 

Leben: Sterben lernen

Totenhemd lädt zum Schreiben über Sterben ein. Ohnehin ein Thema, das sich durch mein Schaffen zieht. Hier ist mein Beitrag (die genutzten Worte aus der Wortwolke sind fett markiert):

Leben: Sterben lernen

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen,
man weiß nie, was man bekommt.“
so ist mir der erste Satz erschienen,
um nicht zu sagen „prompt“.

Doch stimmt er denn?
So ohne Aber, ohne Wenn?
Da ist die Zutatenliste
und noch bevor man in die Kiste springt,
der Schachtel Bitterschokoladen entnimmt,
weiß man, was das süße Leben bringt.

Doch abseits vom Dolce Vita,
was weiß der Erdenmieter?
Das Glück liegt nur im Augenblick.
Nachher kriegst es nicht zurück.
Zwischen Reklamation und Reklame
wartet der Besuch der alten Dame.

Doch bevor es soweit ist,
wird viel geküsst,
gelacht, geweint, geschimpft, gestritten,
denn den Weg zum Fortgeschritten
geht jeder nur mit Fehltritten.

Und was das Kino uns nicht lehrt:
Das Leben ist’ne Wundertüte,
ein Sackbahnhof mit Endstation,
heiß begehrt,
doch meine Güte,
dass es endet,
weiß man schon.

Und im Morphinnebel fragt man sich:
Ist es nun vollendet oder nur das Ende?
Da pocht es gegen die Arterienwand –
und dann?
Herzstillstand.

Lese-Fortschritt-Widget für WordPress

Im Moment lese ich gerade Fjodor Dostojewskis 574 Seiten schweres Buch „A Writer’s Diary“. Meinen Lesefortschritt könnt Ihr ganz unten auf der Seite anhand des Widgets mitverfolgen. LovelyBooks und andere Leseplattformen bieten solche Widgets an – leider jedoch im Javascript, wodurch sie nicht für kostenlose WordPress-Accounts genutzt werden können.

Doch das Ganze geht auch in HTML und zwar so (die fett markierten Stellen bitte selbstständig „füttern“):

widget2

Diesen Code gibst Du in ein „Text“-Widget ein und füllst die entsprechenden Stellen. Das Feld „Platz für Eindrücke“ kann auch leer bleiben, wenn Du noch kein Urteil über das Buch fällen möchtest. Hier ist mein aktuelles Widget:

widget

(gefunden beim Pusteblume-Blog)

Musik und schreiben (mal wieder Autorenwahnsinn)

Mit etwas Verspätung möchte ich noch meinen Senf zum Autorenwahnsinn von letzter Woche abgeben.

Grundsätzlich höre ich sehr gerne Musik. Doch beim Schreiben muss ich unterscheiden, ob ich gerade kreativ schreibe oder zum Beispiel an einem Ratgebertext für die Arbeit sitze oder weiter über meinem Handbuch über Histaminintoleranz grüble, das irgendwie nicht recht fertig werden will …

Beim kreativen Schreiben mag ich Musik – gerne sogar mit Text. Klassische Musik, sofern es mich nicht allzu sehr aufwühlt, geht natürlich immer, aber manchmal darf auch gesungen werden. Momentan stehen Soul und Jazz ganz hoch im Kurs.

Ansonsten sind es generell Oldies, die hier aus den Lautsprechern dröhnen. Und wozu Musik beim kreativen Schreiben? Sie schickt meine Gedanken auf Reisen und manchmal ist es ganz spannend, wo ich am Ende gedanklich lande. Daher ist Musik vor allem für kurze Texte ein tolles gedankliches Transportmittel.

Wenn mir „richtige“ Musik zu viel beim Schreiben ist, mir aber die Totenstille Angst vor dem weißen Blatt macht, sorge ich mit Noisli für Hintergrundgeräusche.

Beim konzentrierten Arbeiten an längeren Texten (und Sachtexten) herrscht hier aber Funkstille.

Kann man (Jugendlichen) heute noch Krieg erklären?

Krieg – das ist ein Thema, das für uns hier (zum Glück) entweder weit weg oder sehr verstaubt klingt. In Deutschland oder Österreich sind wir zumindest nicht vor Ort in der eigenen Heimat in bewaffnete Konflikte verwickelt. Kein Bombenhagel in Berlin, kein Maschinengewehrfeuer in Wien. Dabei tobte noch vor nicht einmal 30 Jahren in nicht allzu großer Entfernung Krieg – inmitten von Europa: Das zerfallende Jugoslawien stand in Flammen und mit dabei? Zahlreiche NATO-Staaten unter US-amerikanischer Führung.

Und heute?

Seit Barack Obama noch 2008 versprach die Truppen aus dem Irak und Afghanistan abzuziehen und für sein Versprechen von einer atomwaffenfreien Welt den Friedensnobelpreis einsackte, hat der ehemalige US-Präsident Luftangriffe bzw. anderweitige Militärinterventionen in sieben Ländern initiiert:

  • Afghanistan
  • Syrien
  • Irak
  • Libyen
  • Jemen
  • Somalia
  • Pakistan

Die Friedensnobelpreisdrohne war auch die, welche mehr Menschen deportiert hat als alle US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts zusammen. Und doch kommt er gegenüber dem neuen US-Präsidenten, der gerade nicht einmal 100 Tage im Amt ist, mit einem besseren Image davon. Aber er hatte ja bereits 2008 noch einen weiteren Preis abgeräumt, den AOL-gesponserten Marketing-Preis von Advertising Age. Und so ist es heute weniger Propaganda, als gut gemachte PR, hervorragendes Marketing, welches nicht nur das Kaufverhalten, sondern vor allem das Denkverhalten lenken soll. Begriffe werden auf geradezu orwellsche Weise verzerrt: Stabilität wird Destabilität. Frieden bedeutet Krieg. Moderate Rebellen sind in Wahrheit bewaffnete Terroristen und wer das sagt, sitzt den Fake News auf.

Tatsächlich bin ich nicht vor Ort in Syrien oder im Irak, doch die wenigsten, die mich als Lügner bezeichnen, sind dies ihrerseits gewesen. Im Gegensatz zu den meisten von ihnen nutze ich jedoch zu einem Großteil Quellen, die vor Ort waren oder sind, so wie die kanadische Journalistin Eva Bartlett oder der ehemalige CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer oder die RT-Korrespondentin Lizzie Phelan oder der australische Journalist und Filmemacher John Pilger. Wir sind auf solche Journalisten angewiesen, die uns durch ihre Kameralinse ein Fenster zur Welt öffnen. Ein Fenster zur Welt öffnen – das sollte auch gute Literatur.

Über Krieg reden

So habe ich mich gefreut, als ich vom Jugendbuch „Tausend Meilen über das Meer: Die Flucht des Karim Deeb“ erfahren habe. Das Jugendbuch für ein Publikum ab 12 Jahren versprach interessant zu werden, schließlich sollte das Schicksal der Bevölkerung – oder zumindest eines Jungen – in den Vordergrund gerückt werden. Vielleicht würden wir Fluchtbeweggründe, aber damit auch den Syrienkrieg besser verstehen. Also habe ich mir das Buch zur Rezension bestellt:

„Nach einer wahren Geschichte“ steht auf dem Buchrücken von Annabel Wahbas Jugendroman „Tausend Meilen über das Meer: Die Flucht des Karim Deeb“. Das Schlüsselwort ist „nach“. Denn während sich die Geschichte eingehend mit der Flucht eines syrischen Jungen aus Homs befassen möchte, sollte dem Leser klar sein, dass Karim, der in Wirklichkeit anders heißt, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, das Buch nicht selbst geschrieben hat.

Verfasserin ist die ZEIT-Redakteurin Annabel Wahba, die Karim für das Buch interviewt hat. Karim lebt seit 2013 in Deutschland und ist über den Seeweg von Ägypten aus geflüchtet. Die beschwerliche Reise mit überfüllten Schiffen, zu wenig Essen und Trinken sowie gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen wird im Buch ebenso beschrieben, wie der Eingewöhnungsprozess in Deutschland. Karim kann in Deutschland wieder zur Schule gehen und ist nicht ständig mit kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert. Dennoch ist sein Alltag nicht ohne Probleme. Eine Facebook-Nachricht, die ihm ein Mädchen mit einem Foto von sich mit nacktem Oberkörper geschickt hat, lässt Karim aufgrund zahlreicher Missverständnisse (er hätte das Bild in Umlauf gebracht), beinahe von der Schule fliegen. Dabei hat er Millie nie darum gebeten, das Foto zu machen, auf dem man zwar ihre Brüste, nicht aber ihr Gesicht sehen kann. Weitergeleitet hatte er es nur einer Klassenkameradin. Matija sollte ihm erklären, was die dazugehörige Nachricht „Ich will, dass du mir meine Unschuld nimmst“, zu bedeuten hätte. Danach hatte Karim das Bild sogleich gelöscht. Nicht, dass es noch sein strenger Onkel Amir finden würde! Offenbar hatte aber Matija, die Millie ohnehin nicht leiden kann, das Bild dann zirkulieren lassen.

Eigentlich mutet es seltsam an, dass Facebook Karim beinahe zum Verhängnis wird. Schließlich kennt er sich ganz gut mit dem sozialen Netzwerk aus:

In Palmyra verbrachte ich Stunden im Internetcafé, um Facebook-Seiten von Assad-Anhängern zu hacken. Sie verbreiteten falsche Nachrichten über die Lage in Homs und beleidigten die FSA [Freie Syrische Armee]. Ich habe diese Posts gelöscht oder die Seiten ganz geschlossen. Das Know-how dazu habe ich mir selber Stück für Stück im Internet beigebracht. Du musst als Hacker natürlich dafür sorgen, dass du nicht erwischt wirst. Ich legte mir für Facebook ein Pseudonym zu und veränderte mit ein paar Einstellungen am Rechner sowohl meine IP-Adresse als auch die Geräte-ID, sodass der Geheimdienst, der das syrische Netz überwacht, meinen Standort nicht ermitteln konnte.

Die Formulierung „nach einer wahren Geschichte“ ist eine juristische Absicherung der Autorin. Denn nicht alle im Buch vertretenen Charaktere (deren Namen auch geändert wurden), haben ihr Verständnis gegeben, darin vorzukommen. In einigen Fällen wäre es auch nur schwer oder gar unmöglich gewesen, dieses Einverständnis einzuholen. Freunde von Karim sind im Krieg  gestorben. Von anderen Bekannten und Verwandten ist nicht klar, wo sie sich aufhalten usw. Somit ist es für den Leser also unmöglich, das im Buch Geschriebene zu überprüfen. Es kann nur so, wie es niedergeschrieben wurde, hingenommen werden. Schließlich handelt es sich um einen Roman, der irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation anzusiedeln ist. Damit steht Karims Geschichte exemplarisch für einen syrischen Flüchtling. Uns wird erzählt, wie er die Geschehnisse in Syrien, Ägypten und schließlich in Deutschland wahrgenommen hat.

Frau Wahba hat sich bewusst dagegen entschieden, eine Dokumentation aus dem Buch zu machen. Als Leser sind wir daher aufgerufen, kritisch zu bleiben, bei allem Leid, dass Karim und anderen Flüchtlingen weltweit widerfahren ist und nach wie vor leider widerfährt – oder vielleicht gerade deswegen sollten wir kritisch bleiben. Schließlich tobt der Krieg in Syrien, aber auch in den nahe gelegenen Ländern Jemen, Irak, Libyen, Afghanistan etc. nach wie vor. Terrororganisationen haben bewusst Menschen nach Europa als „Flüchtlinge“ eingeschleust und damit das Leid der gebeutelten Bevölkerung für ihre Zwecke missbraucht. Der „Arabische Frühling“, ein Begriff, der zunehmende Proteste in einigen Ländern Nordafrikas und der arabischen Welt bezeichnet, ist vielerorts fehlgeschlagen. Was als Aufstand der Zivilbevölkerung gegen die Regierungen ihren Anfang nahm, kippte bald in militärische Auseinandersetzungen, die auch vor Einflussnahme von außen nicht geschützt waren. Hinzu kommen Hinweise, dass womöglich auch die Aufstände bereits von außen angestachelt wurden.

Annabel Wahba vermeidet jedoch bewusst, diese Kontexteinordnung ihrer Geschichte. Sie schaut nicht mit einem Weitwinkelobjektiv auf die Geschehnisse in Syrien (und anderen Ländern). Stattdessen bleibt es im Buch bei der Geschichte vom „syrischen Bürgerkrieg“, der auch im Buch vornehmlich als Kampf einer unterdrückten Bevölkerung gegen den „Diktator Baschar al-Assad“ porträtiert wird. Im Vordergrund stehen unterschiedliche Religionsgruppen (Sunniten/Wahabiten vs. Schiiten/Alawiten) – ein Glaubenskrieg. Nur am Rande wird Bezug genommen auf das „Aufbegehren“ in Libyen, auf die militärische Unterstützung von „Rebellen“ wie der Freien Syrischen Armee durch Saudi-Arabien. Dass Saudi-Arabien selbst alles andere als eine Demokratie ist, sondern im Gegenteil als Keimgrund für die extremistische Bewegung des Wahabismus gilt, wird dabei jedoch nicht erwähnt.

Annabel Wahba zieht es vor, eine sehr selektive Geschichte zu erzählen, die vieles auslässt bzw. im Ungewissen lässt und geht damit womöglich an dem selbst gesetzten Ziel „die Beweggründe für die Flucht“ verständlich zu machen und den Flüchtlingen „nahe zu kommen“ sowie „sich in ihre Lage zu versetzen“ vorbei.

So zeichnet das Buch ein Bild in Schwarz-Weiß: der Diktator Baschar al-Assad ist böse, die Rebellen – vor allem die Freie Syrische Armee – sind gut. Hinzu kommen die üblichen Klischees: Syrien ist ein muslimisches Land, die Frauen tragen alle Kopftücher und können großteils nicht schwimmen. Dabei ist Syrien ein säkulares Land, in dem es auch eine christliche Glaubensgemeinschaft gibt (auch in Karims Heimatstadt Homs). In Damaskus, der Hauptstadt, gibt es sogar Weihnachtsdörfer in der Adventszeit, die auch im letzten Jahr wieder die geschmückten Straßen zierten, nachdem es aufgrund des Kriegs im Land in den Jahren zuvor schwierig war, solche Feierlichkeiten einzurichten. Jedenfalls handelt es sich bei Syrien nicht um eine Theokratie per se (im Gegensatz etwa zum Königreich Saudi-Arabien). Der Diktator (dessen „Name nur heimlich ausgesprochen werden darf“) wurde im Jahr 2014 wiedergewählt und setzte sich dabei gegen eine Reihe von Kandidaten durch, während einige andere erst gar nicht zur Wahl standen. Die sogenannten Rebellen haben die Wahlen in den von ihnen kontrollierten Gebieten großteils boykottiert bzw. verhindert.

Die sogenannten Rebellen sind bewaffnete Gruppen und nicht einfach nur Oppositionsparteien. Sie werden sowohl von den USA, als auch von so „menschenfreundlichen“ Ländern wie Saudi-Arabien (hier lesen wir komischerweise nie „Diktatur“ oder „Gottesstaat“), mit Waffen, Munition und Söldnern versorgt. Von „moderat“, wie in vielen Medien zu lesen ist, kann also bei den Rebellen nicht die Rede sein. Stattdessen sind viele Mitglieder der Freien Syrischen Armee und anderen sogenannten Rebellengruppen zu ISIS bzw. Jabhat al-Nusra übergelaufen.

Doch von all dem erfahren wir im Buch nicht. Wir erfahren nicht, dass in Syrien weit mehr als „nur“ ein Bürgerkrieg tobt. Stattdessen will man uns weismachen, dass sich die Menschen in Libyen „wehren“. Seit das Land 2011 in einer US-amerikanischen angeführten Militäraktion unter anderem auch von europäischen Ländern zurück ins Mittelalter gebombt wurde (das lesen wir freilich wieder nicht), zählt das heute mehrfach geteilte Libyen zu den Failed States.

Die Autorin beharrt in einem von mir geführten Interview darauf, dass zum Zeitpunkt der Flucht, von 2011 bis 2013, nicht klar war, wie die Kräfteverhältnisse waren, wer, wen, wo, wie militärisch und finanziell unterstützt hätte. Die Mehrheit der Zivilbevölkerung wäre in der Annahme gewesen, es handle sich tatsächlich um ein internes Aufbegehren, nicht um einen extern angeführten Coup – weder in Libyen, noch in Ägypten oder Syrien. ISIS oder den Islamischen Staat hätte es zu dem Zeitpunkt in Syrien noch gar nicht gegeben. Dabei geht die Terrormiliz nachweislich auf al-Qaida (im Irak) zurück. Al-Qaida spielte eine Schlüsselrolle im Zweiten Irak-Krieg bzw. während des Dritten Golfkriegs ab 2003 und wurde zuvor, in den 1980er Jahren, vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützt. Heute hat sich ISIS weitestgehend von al-Qaida losgesagt bzw. wird als deren Nachfolgeorganisation gehandelt. Vor allem in den letzten Jahren hat ISIS häufig den Namen gewechselt. Laut Schätzungen (Stand 2015) stammt ein Großteil der IS-Kämpfer aus Tunesien, gefolgt von Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko und der Türkei.

Wie es bereits im Irakkrieg ab 2001 nicht um Massenvernichtungswaffen ging (so viel ist heute bewiesen), ging es auch in Libyen nicht wirklich um solche und auch die notorischen chemischen Waffen (vieles deutet mittlerweile daraufhin, dass Rebellen Giftgas verwendet haben) in Syrien wirken blass angesichts eines womöglich für Staaten wie die USA, Russland, Frankreich, Deutschland und Großbritannien viel wichtigeren Grunds: Öl.

Die reichen Ölvorkommen des Iraks und der Bedarf industrialisierter/westlicher Länder daran haben damals und auch bereits in der Vergangenheit am Golf für Krieg gesorgt. Dass die USA und Russland in einem Stellvertreterkrieg in Syrien den Kalten Krieg wieder aufwärmen, liegt also vielleicht auch am Öl?! Diese Zusammenhänge sind jedoch nicht nur in vielen Medienoutlets unterberichtet, sondern bleiben auch im Buch außen vor.

Schade, dass dadurch dem Buch jegliche politische Perspektive und jegliche bildende Funktion genommen wurde, indem man sich für den einfachen Weg entschieden hat, schlichtweg das aufs Papier zu bringen, was man eben von einer Quelle, Karim, erzählt bekommen hat. Mit dem Stempel „nach einer wahren Geschichte“ wird suggeriert, dass die Schilderungen im Buch den Fakten entsprechen. Obwohl Frau Wahba das Autorsein strikt vom Journalistensein getrennt sehen will, ist mir in der Recherche zumindest ein von ihr verfasster ZEIT-Artikel übel aufgestoßen, indem sie sich auf das umstrittene „Syrische Netzwerk für Menschenrechte“ beruft:

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, dessen Recherchen auch das US-Außenministerium für seine Länderberichte nutzt, führt eine Liste mit mehr als 65.000 Namen [von in Syrien verschwundener Menschen].

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, welches aus England von sage und schreibe einem einzelnen Mann geführt wird: Rami Abdul Rahman, einem bekannten Assad-Gegner, der lange nicht in seiner Heimat Syrien war und dementsprechend wenig über den Zustand der Menschenrechte dort wissen kann, gilt als unzuverlässige Quellen, die unter anderem auf Angaben, der ebenfalls umstrittenen Weißen Helme zurückgreift.

Alles in allem hinterlässt das Buch einen zwar einfühlsamen Eindruck von einem Einzelschicksal, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack, der viele Fragen offen lässt und den informierten Leser zu Zweifeln anregt, wie ernstzunehmen das Niedergeschriebene tatsächlich ist. Das ist besonders schade, da dadurch das natürliche Mitgefühl für Flüchtlinge eher getrübt als verbessert wird – so geht es jedenfalls mir.

PS:

Und der „Faktencheck“ von SpiegelTV. Bildet Euch selbst eine Meinung:

Zusammenfassung

Ich bedanke mich bei LizzyNet für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder von LizzyNet, noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.